Die 17-jährige Sängerin im Interview.

Wenn man 2019 auf einen Superstar reduzieren müsste, dann wäre das vermutlich Billie Eilish. Gerade hat die Sängerin eine internationale Tour hinter sich, sammelt einen Preis nach dem nächsten ein und wird von Musiklegenden wie Paul McCartney kontaktiert, weil ihre Musik so anders und neu ist. Und das alles im Alter von 17 Jahren. 

Als Billie 13 war, stellte ihr Bruder Finneas einen gemeinsam geschriebenen Song auf Soundcloud, der viral ging. Mehrere Jahre, etliche Konzerte und einen Plattendeal beim größten Musiklabel der Welt später hat sich an Billies Arbeitsweise erstaunlich wenig geändert. Sie lehnt es ab, Songs von anderen Menschen schreiben zu lassen, sondern macht das nach wie vor lieber mit ihrem Bruder, mit dem sie auch gemeinsam auf der Bühne steht. Inzwischen vor Zehntausenden Fans, die meisten Teenager.

Eltern fragen sich, ob sie sich um ihre Kinder Sorgen machen müssen, wenn sie Billies verstörende Musikvideos schauen und Songs über Suizid und Depressionen mitsingen (Süddeutsche). 

Doch vielleicht ist Billie Eilish gerade deshalb das beste Vorbild: Sie redet über Themen, die unter Teenagern sehr präsent sind, über die aber kaum gesprochen wird. 

Auch ansonsten überlegt Billie Eilish sehr genau, wer sie sein möchte. Sie ist intelligent, trinkt keinen Alkohol, nimmt keine Drogen, lebt vegan. Sie spricht sich für den Klimaschutz (Instagram) aus, verhüllt ihren Körper in Baggy-Klamotten, um nicht sexualisiert zu werden (Rolling Stone) und sagt offen, dass sie den US-Präsidenten nicht leiden kann (rbb).

Wir haben Billie Eilish vor einem Konzert in Hamburg getroffen. Im Interview erzählt sie, wie sie sich selbst aus einem dunklen Loch gezogen hat, wie sie mit Druck umgeht und warum Masturbation das beste Mittel dagegen ist.

Mit dabei, wie bei jedem Interview, ist Billies Mutter, die sich ab und zu ins Gespräch einklinkt. Billie ist müde, hat schon einige Wochen Shows hinter sich. Wir haben ihr eine Süßigkeit mitgebracht – vegan und glutenfrei. Sie freut sich.

bento: Um dir dieses Mitbringsel zu besorgen, haben wir recherchiert, was du so magst und uns dabei gefragt: Ist es nicht gruselig, ständig Menschen zu treffen, die denken, sie kennen dich?

Billie Eilish: (lacht) Ja! Aber ich verstehe es auch. Ich selbst bin zwar immer auf dem Absatz umgekehrt, wenn ich Menschen auf der Straße gesehen habe, von denen ich Fan war. Ich hatte nie das Gefühl, gut genug zu sein, um sie anzusprechen. 

Aber ich verstehe, wenn man meint, eine berühmte Person zu kennen. Die Fans kennen mich auch – bis zu einem gewissen Grad. Manchmal geht es aber zu weit: Dann wird es zu einer Anspruchshaltung gegenüber mir als Person.

bento: Andere Menschen meinen, dich zu kennen – aber kennst du dich selbst?

Billie: Auf keinen Fall. Aber weißt du was: Ich bin gut mit mir selbst befreundet. 

„Ich und ich kommen gut miteinander aus.“

Ich finde mich oft sehr lustig, kann gut alleine sein und mich selbst zum Lachen bringen, was ich ziemlich wichtig finde. Aber ich weiß nicht, ob irgendwer sich wirklich kennt. Wir sehen nur eine Reflektion von uns selbst – in Bildern oder in anderen Menschen.

bento: Dieses Jahr ist ein besonderes für dich und deine Musik. Warum, glaubst du, fühlen sich so viele aus deiner Generation von dir und deinen Songs angesprochen? 

Billie: Was immer die Menschen durch meine Kunst spüren, ist völlig ihre Sache. Ich will niemandem erklären, warum mich jemand mag oder auch nicht. Es liegt ganz beim Zuhörer, beim Fan, beim Hater. Wenn mich jemand aus persönlichen Gründen hasst, respektiere ich das. Genauso wie ich respektiere, wenn mich jemand mag, weil meine Musik bei ihm oder ihr etwas auslöst. 

bento: Du sprichst sehr offen über den Druck, der mit deinem Beruf einhergeht, und wie er dich beeinflusst hat, von Depressionen bis Panikattacken. Kannst du uns einen Einblick geben, wie es sich manchmal in deinem Kopf angefühlt hat?

Billie: Alter, ich wünschte, du hättest es gefühlt. 

„Ich wünschte, irgendwer hätte es gefühlt, denn ich habe mich komplett alleine gefühlt.“

Meine schlimmsten Momente waren, als hinge ich in einem niemals endenden schwarzen Loch. Ich weiß noch, wie ich im vergangenen Jahr auf dem Fußboden unseres Badezimmers saß und versuchte, an irgendwas Schönes zu denken. Das ist eine Technik, die meine Mutter früher oft mit uns Kindern angewendet hat, wenn wir uns nicht gut fühlten. Dann fragte sie: Wofür bist du dankbar? Worauf freust du dich in nächster Zeit? Nachdem wir das beantwortet hatten, fühlten wir uns ein wenig besser. 

Doch nun saß ich auf dem Fußboden und fragte mich: Worauf freue ich mich? Worüber bin ich glücklich? Ich saß dort sehr lange und mir fiel absolut nichts ein.

bento: Das können sich bestimmt viele Menschen nicht vorstellen, die dein Leben von außen betrachten.

Billie: Es war auch so dumm, denn ich hatte alle diese Dinge vor mir, die unglaublich sind! Andere Menschen würden alles dafür geben. Doch zu dem Zeitpunkt konnte ich das nicht sehen.

Ich habe normalerweise keine Panikattacken oder Angststörungen. Als Kind hatte ich eine starke Trennungsangst und wollte immer im Bett meiner Eltern schlafen, aber das ist etwas ganz anderes. Solche Gefühle kannte ich vorher nicht. 

Jetzt verstehe ich ein wenig, wie schwer es für Menschen sein muss, die regelmäßig damit kämpfen. Es ist ein Schmerz und eine Not, die niemand verstehen kann, es sei denn, sie sind in derselben Situation. 

bento: Was hast du aus diesen Erfahrungen gelernt, das du jungen Menschen mitgeben kannst, die sich ähnlich fühlen?

Billie: Oh Gott, das ist schwer. Ich glaube: Sei einfach geduldig. Mir hat es geholfen, zu warten. Viele Menschen wählen endgültige Lösungen für temporäre Probleme. Suizid, beispielsweise, ist eine extrem endgültige Lösung für ein akutes Problem. 

Es ist verdammt schwer, nicht genau das zu tun, was dir dein Kopf in dem Moment sagt. Wenn er immer wieder abspult: "Tu es! Jetzt sofort! Du musst es tun, denn alles ist so schlimm, dass du es nicht länger aushältst." Vor allem, wenn du Mittel hast, mit denen du dir etwas Schlimmes antun kannst. 

„Deshalb finde ich, dass Waffengesetze verschärft werden müssen, dass Eltern besser mit ihren Kindern umgehen müssen und dass Lehrerinnen und Lehrer aufmerksamer ihren Schülern gegenüber sein müssen.“

Vieles könnte allein dadurch verbessert werden, dass man besser aufeinander aufpasst. Manche Menschen sind nicht sicher, wenn sie allein sind. Ich war es oft auch nicht. Es gab Momente, in denen ich Angst bekam, wenn eine Freundin nach Hause ging, weil ich nicht wusste, was ich mir antun würde, wenn sie weg ist. 

Brauchst du Hilfe?

Hast du das Gefühl, nicht mehr mit deinem Leben klarzukommen? Fühlst du dich alleine oder kreisen deine Gedanken immer wieder um das selbe Thema? Hier findest du – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

Das Einzige, was ich also sagen kann, ist: Fälle erstmal keine Entscheidung. Warte. Irgendwann wird es besser oder wenigstens in Ordnung.

Ich dachte nicht, dass ich jemals wieder glücklich sein würde und ich kann dir gar nicht sagen, wie unglaublich gut es sich jetzt anfühlt.

Billies Mutter: Ich finde es auch wichtig, zu sagen, dass du zur Psychotherapie gegangen bist und es geholfen hat.

Billie: Ja, das stimmt. Ich habe es jahrelang nicht getan, aber man kann Sachen nur bis zu einem gewissen Grad in sich behalten. Ich habe einen Job, in dem ich niemals zusammenbrechen, weinen oder einen schlechten Moment haben darf. Da hilft ab und zu eine Therapiestunde.

bento: Kein Moment der Schwäche – wie geht das?

Billie: Kaum. Es gab da mal einen Abend nach einer Show in New York. Es war der Jahrestag des Todes eines Freundes von mir. Ich hatte gerade geweint und wollte alleine sein. Doch plötzlich wurde ich in einen Raum voller Teenager geschoben, die mit mir Fotos machen sollten. 

Normalerweise wäre das kein Problem, ich mache nach jedem Konzert Meet and Greets. Doch in diesem Moment war ich überfordert. Ich habe es durchgezogen, aber am nächsten Tag las ich auf Social Media: "Billie war eine Bitch zu den Fans in New York."

Ein schlechter Moment! Ich kann nicht mal einen schlechten Moment haben.

bento: Und wie gehst du mit schlechten Momenten um, wenn dich niemand beobachtet?

Billie: Ich habe darauf eine sehr gute Antwort, aber sie ist ein bisschen krass…

Billies Mutter: Sag es nicht. Ich kann deine Gedanken lesen.

Billie: Wirklich? Aber es ist so eine gute Antwort! 

bento: Ich würde gerne die gute Antwort hören. 

Billies Mutter: Nein, ich kenne sie zu gut. 

Billie: Das stimmt, sie kennt mich wirklich. Ich würde es dir erzählen, wenn meine Mutter nicht hier wäre. Okay, ich sage nur so viel: Es ist ein Stresslöser, es ist sehr gut für einen und ich tue es mehrmals am Tag. 

bento: Ich gehe jetzt mal davon aus, dass es um Masturbation geht. In dem Fall wäre das ein sehr gesunder Anti-Stress-Tipp.

Billie: Total. Ich glaube, manche scheuen sich davor, weil sie komische Stereotypen im Kopf haben. Ich sage: 

„Tu es und tu es soviel du willst, girl!“

bento: Ein schöner Schlusssatz. Danke für das Gespräch!

Billie: Gerne. Ihr solltet das Ende auf jeden Fall veröffentlichen, das ist so witzig. 


Gerechtigkeit

Weltenbummler oder Wutbürger? Was aus meinen DDR-Kindergartenfreunden vom Sommer '89 wurde
Und was das noch heute über Ostdeutschland verrät.

Als Robert und ich uns zum ersten Mal seit den Neunzigern wiedersehen wollen, kotzt seine Tochter. Robert war mein bester Kindheitsfreund. Wir sind in Gera groß geworden, einer Stadt in Ostthüringen. Geboren in einem Land, das es heute nicht mehr gibt, der DDR

Im Sommer '89, wenige Monate vor dem Fall der Mauer, kamen wir in den gleichen Kindergarten, hinter dem Stadtwald in der Nähe eines prächtigen alten Baumes, der Kalten Eiche. Wir haben mit dem Kindergarten oft Ausflüge zu dieser Eiche gemacht, haben auf dem Weg Blumen bestimmt und Hasen beobachtet. Robert und ich haben nachmittagelang an diesem knorrigen Baum gespielt.

Heute sind wir beide 33 und Familienväter. Roberts Großer ist schon elf, die Kleine ist drei – und die muss er nun aus dem Kindergarten abholen. "Wahrscheinlich Magenverstimmung", entschuldigt sich Robert am Telefon. Unser Treffen müssten wir leider verschieben. Auf später am Abend.