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Am Anfang ist alles gut: Man lernt jemand Besonderes kennen, hat ein Kribbeln im Bauch, dann kommt der erste Kuss. Man sieht sich öfter, verbringt mehr Zeit zusammen, lernt sich kennen.

Wird es ernst, ziehen sich viele zurück, melden sich nicht mehr, wollen vom anderen nichts mehr wissen und sagen: "Liegt nicht an Dir, sondern an mir. Ich bin einfach beziehungsunfähig."

Immer öfter höre ich solche Geschichten. Eine Freundin verbrachte mehrere Wochen mit einem Mann, er stellte sie sogar seinen Freunden vor. Dann beendete er die Affäre – mit genau diesen Worten.

Aber sind wir wirklich alle beziehungsunfähig?

Der Autor Michael Nast attestierte vor einigen Jahren meiner gesamten Alterskohorte die "Generation Beziehungsunfähig" zu sein. Dabei wird das Wort viel zu leichtfertig benutzt.

Denn was Nast und meine Freunde falsch verstehen: Beziehungsunfähig zu sein, also Bindungsängste zu haben, ist kein Zustand, den man sich aussucht. Es bedeutet viel Leidensdruck – das habe ich selbst erfahren.

Viele könnten eine Beziehung führen, wollen sich aber lieber ausprobieren. Bei mir ist das andersherum: Ich will eine Beziehung, kann aber nicht. Für Menschen mit wirklichen Bindungsproblemen ist es ein ständiger Kampf, überhaupt eine Beziehung einzugehen.

Ich habe mit der Psychotherapeutin Stefanie Stahl  über Bindungsängste und die "Generation beziehungsunfähig" gesprochen. Und ich habe sie gefragt: Kann ich in einer Beziehung trotzdem glücklich werden?

Psychotherapeutin Stefanie Stahl

(Bild: Roswitha Kaster)

Stefanie Stahl stellt gleich einmal klar: Ihrer Meinung nach ist Bindungsangst gar kein Generationenproblem. Ganz im Gegenteil werden die Menschen eher bindungsfähiger. Nur dürfe man als Parameter nicht die Dauer der letzten Beziehung nehmen.

"Viele denken, die Dauer einer Ehe würde etwas über die Beziehungsfähigkeit aussagen. Das Ehepaar, das langjährig verheiratet ist, ist aber nicht automatisch beziehungsfähiger als der Single von nebenan. Heute kann jeder Beziehungen führen, wie er will: Man muss nicht mehr heiraten oder Kinder kriegen, um ein angesehener Teil der Gesellschaft zu sein."

Auch Bindungsängstliche verlieben sich.

Stefanie Stahl sagt: "Bindungsängstliche können sich heftig verlieben. Der Anfang einer Beziehung ist sehr leidenschaftlich, aber dann kippt es abrupt – meistens, wenn es gerade besonders schön ist."

Auch bei mir beginnen die Probleme schon, wenn ich jemand Neues kennenlerne. Merke ich, dass ich zurückgemocht werde oder versucht wird, mir näherzukommen, ziehe ich mich zurück. Das wirkt, als verlöre ich das Interesse.

Jemand, in den ich verliebt war, hat mir einmal ein Mixtape aufgenommen und in den Briefkasten geworfen. Ich habe die CD gehört und mich danach nie mehr bei ihm gemeldet. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht konnte: Zu groß war der Druck, seine womöglichen Erwartungen zu erfüllen. Zu groß die Angst, ihm nicht gerecht werden zu können. Meine Gefühle überollen mich in diesen Momenten. Ich empfinde Panik und einen starken Fluchtreflex. Die meisten Beziehungen enden deshalb schon bevor sie angefangen haben.

Stahl sagt, Menschen wie ich verlieben sich außerdem oft in die Falschen. Nämlich in die, die selbst sehr autonom und für eine feste Beziehung gar nicht zu haben sind. "Weil es unbewusst eine Rolle spielt, dass man von diesem Mensch nicht eingeengt werden kann."

Wenn ich mit jemandem mehr Zeit verbringe, dann oft mit Menschen, mit denen eine Beziehung zum Scheitern verurteilt ist. Menschen, die das gleiche Problem haben und sich noch vor mir aus dem Staub machen. Oder solche, die in einer anderen Stadt wohnen. Hauptsache Distanz.

Denn sobald es ernst wird, kommt die Angst.

"Sobald es in die Richtung einer festeren Bindung läuft, bricht die Angst aus, die häufig als Einengung empfunden wird", sagt Stahl. "Der Bindungsängstliche sieht sich von Erwartungen umzingelt, mit denen er nicht so gut umgehen kann." Manche würden sich in die Schwächen des Partners hineinsteigern. Sie zweifeln, ob der Partner überhaupt der oder die Richtige ist und ziehen sich zurück. "Das ist ein unbewusstes, psychisches Manöver, um aus der Bindung rauszukommen", sagt Stahl.

Ich habe seit meiner Jugend eigentlich nur zwei richtige Beziehungen geführt – eine davon seit einem halben Jahr. Das klingt nach einer Erfolgsgeschichte, ist für mich und meinen Freund aber sehr anstrengend. Als Single konnte ich mich aus Situationen stehlen, wenn sie mir zu viel wurden. Ich konnte den Kontakt abbrechen, auf Nachrichten nicht antworten. In einer Beziehung geht das nicht ohne den anderen zu verletzen.  Gerade in schönen Momenten, suche ich plötzlich einen Ausweg.

Ich merke dann plötzlich: Ich brauche Freiraum

Neulich fand ich ein günstiges Angebot für einen Urlaub und schickte es meinem Freund.  Er wollte sofort buchen – ich plötzlich nicht mehr. Die Vorstellung, mit ihm am Strand zu liegen und Pärchenkram zu machen, war der Horror. Bis zum Urlaub wären noch vier Monate Zeit gewesen. War sich mein Freund meiner so sicher? Ich fühlte mich eingeengt – und habe abgesagt. Mein Freund war enttäuscht und überrascht. Warum schlage ich etwas vor, das ich gar nicht will?

Ich habe immer das Gefühl, meine Unabhängigkeit verteidigen zu müssen. Auch wenn niemand sie infrage gestellt hat. Mein Verhalten ist typisch für Menschen mit Bindungsangst: Flucht statt Verantwortung, Distanz statt Nähe, sagt die Psychotherapeutin. Bindungsängstliche Partner würden immer wieder ausweichen. Gern mit dem Satz 'Ich brauche meinen persönlichen Freiraum'. "Der Bindungsängstliche kann sich nicht vorstellen, dass er frei und in einer Beziehung sein kann. Es gibt nur entweder ich bin in einer Beziehung oder ich bin frei." Dabei sei das grundfalsch.

„Man kann in einer Beziehung frei sein.“

Woher kommt Bindungsangst eigentlich?

Aus der Kindheit, sagt Stefanie Stahl. Betroffene haben sich oft als Kind verbiegen müssen, um die Erwartungen Ihrer Eltern zu erfüllen und geliebt zu werden. Oder sie hatten zu wenig Autonomie und eine Beziehung bedeutete die Begrenzung ihrer Freiheit. 

"Unsere kindlichen Prägungen sind wie eine Brille, durch die wir die Welt sehen. Solange wir nicht merken, dass wir die überhaupt auf der Nase haben, glauben wir alles, was wir fühlen und denken."

Meine Gedanken folgen in solchen Momenten einem Muster. Sie sind ein Karussel, aus dem ich nicht aussteigen kann: Erst fühle ich Angst, dann Panik und dann nichts mehr. Ich habe das irgendwann verstanden. Das ist ein großer Vorteil: Ich kann spüren, wann das Karussell in meinem Kopf losrattert – und das meinem Freund kommunizieren.

Kann ich mit Bindungsangst eine glückliche Beziehung führen?

Stefanie Stahl sagt, Menschen wie ich weisen ihren Partner oft zurück. Der fühle sich dann gekränkt, nicht geliebt und abgelehnt. "Es ist deshalb ganz wichtig, den Partner darüber zu informieren und gemeinsam daran zu arbeiten."

Als ich begonnen habe, meine Gefühle – auch die negativen – mit meinem Freund zu teilen, war das nicht leicht. Wir sprechen viel, auch wenn es wehtut. Mittlerweile kann er Verständnis und Geduld für mich aufbringen. Er hört zu.

Trotzdem gibt es keine Garantie für Beziehungen. Das weiß ich – und es gibt dem kleinen Monster in mir immer wieder Futter. Aber es gibt auch Momente, in denen ich aus dem Karussel aussteige, ohne Angst. Und dann fahren wir doch noch in den Pärchen-Urlaub. Wir haben sogar zwei Monate früher gebucht. 

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Future

Meine eigene Chefin: Wie bekomme ich Gründungszuschüsse und Kredite?
"Es mangelt meistens an einer Kombination aus Zeit, Mut und Geld."

In unserer Familie hat das Tradition: Sobald wir alle zusammenkommen, der Abend später und die Gläser leerer werden, fällt jemandem wieder irgendeine Geschäftsidee ein, die der Welt noch gefehlt hat. Diese Spinnereien können sich durchaus über Wochen hinziehen, aber sie verlaufen in der Regel alle gleich: Es bleiben Spinnereien.

Nichtsdestotrotz war die ein oder andere Idee dabei, die eine ernsthafte Auseinandersetzung verdient hätte – doch mangelte es meistens an Zeit, Mut und Geld. Oft ist es die Angst vor der finanziellen Unsicherheit, die potenzielle Gründer von dem Versuch abhält, ihr Vorhaben tatsächlich zu verwirklichen.