Bei Tim und seiner Freundin schleicht sich der Corona-Alltag ein. Ist das das Ende der Beziehung?

Während ich mich leise anziehe, schläft sie weiter. Ihr Mund ist leicht geöffnet, sie schnarcht vor sich hin. Früher fand ich diesen Anblick irgendwie süß. Mittlerweile denke ich gar nicht mehr darüber nach, dass das süß sein könnte. Durch das Zusammenziehen stumpft die Sensibilität für solche Momente irgendwie ab. Und Corona wirkt wie ein Beschleuniger dieser Entwicklung.

Die gemeinsame Wohnung war unser beider Wunsch. Nach anderthalb Jahren Beziehung und mit Ende 20 war es Zeit, fanden wir. Eine Mietwohnung in Hamburg ist teuer, und mit unserem Budget wäre sie auch nicht besonders groß ausgefallen. Also zogen wir in eine Kleinstadt in der Nähe.

"Klingt sehr nach erwachsen werden", sagte ein Freund von mir. Ich war ihm dankbar, dass er auf das Wort "spießig" verzichtete. Leben in der Kleinstadt, ruhigere Wochenenden, Sonntagabend Tatort gucken und montags wieder im Pendler-Zug nach Hamburg sitzen. So hatte ich mir mein Leben mit 28 früher nie vorgestellt – und es machte mir durchaus ein mulmiges Gefühl. 

Gleichzeitig wollte ich dieses Leben mit ihr unbedingt.

Ich hatte keine Lust mehr auf WGs und wollte meine eigene Wohnung, mich nicht mehr über schmutzige Bäder aufregen, abends um halb elf die Augen zu machen, ohne von Mitbewohnern geweckt zu werden. Und ihr ging es genauso. 

Die Bewährungsprobe für uns zwei

Unser Sex sollte endlich stattfinden, wann und wie wir es wollten. In unseren WG-Zimmern fanden wir häufiger nicht zu- und ineinander. Weil nebenan jemand in der Küche werkelte oder den Film lauter drehte. Also zogen wir im Dezember 2019 zusammen. Wir hatten unsere Bedürfnisse klar abgesprochen: Sport und die Zeit mit meinen Jungs waren mir wichtig, sie brauchte ab und zu ihre Ruhe und einen Abend allein mit Freunden. 

Eigentlich waren wir damit gut gewappnet. Der Paartherapeut Roland Kopp-Wichmann beschrieb in einem bento-Text das gemeinsame Wohnen als "erste richtige Bewährungsprobe für ein Paar". Er warnt, dass beide sich über einige Dinge vorher im Klaren sein müssen: Jeder sei nur noch selten alleine, Rückzugsorte verschwänden, man stünde stärker unter Beobachtung, erlebe sich intensiver – wie im Urlaub. 

Den hatten wir schon erfolgreich hinter uns. Dass wir schon bald einen etwas anders gearteten Sonderurlaub gemeinsam durchstehen sollten, ahnten wir im Dezember nicht. Und für die anderen möglichen Fallen hatten wir ja Vorsorge getroffen.

Die ersten Monate verliefen ziemlich genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten: Wir hatten Sex wann und wo wir wollten, weihten die Wohnung im Esszimmer ein und niemand störte uns dabei. Am Wochenende kochte ich für uns in der neuen Küche, ab und zu stritten wir über die Einrichtung der Wohnung, ja, aber jeder hatte seinen Ausgleich: Ich sah meine Freunde, sie ihre, ich hatte den Sport, sie kaufte sich ihren lang ersehnten Bus und nutzte die freie Zeit, ihn auszubauen. Alles ein bisschen erwachsener als mein WG-Leben vorher, und doch weit genug vom Spießertum entfernt. 

Dann kam Corona. 

Anstelle von zwei Tagen sitze ich nun fünf Tage pro Woche am Küchentisch im Homeoffice. Meine Freundin ist Lehrerin, Corona versetzt sie in den Zwangsurlaub und zu mir an den Tisch. Die Situation ist ungewohnt. Den Vormittag hatte ich vor der Corona-Krise immer für mich alleine. Jetzt macht sie ihre Steuer, näht, liegt auf der Couch, guckt Fernsehen, räumt den Dachboden auf. Das wars mit dem Ausgleich, mit individuellen Bedürfnissen, mit “Zeit für sich”. 

Der Alltag ist plötzlich durchgetaktet

Plötzlich zanken wir uns häufiger wegen Kleinigkeiten im Haushalt. Mal glaubt sie, dass sie die Wäsche häufiger aufhängt, dann denke ich Gleiches von mir. Ich masturbiere weniger. Nicht, weil ich keine Lust, sondern keine Ruhe dafür habe. Masturbation war immer meine Zeit für mich alleine. Dank Corona geht das nicht mehr. Ich nutze ab und zu die kurzen Zeitfenster, wenn sie einkaufen oder spazieren geht. Aber mehr aus der Not als aus der Lust heraus. 

Dass sie ständig da ist, raubt mir manchmal meine Konzentration. Ich brauche Ruhe im Homeoffice, aber dass sie das Haus verlässt, nur damit ich mich konzentrieren kann, ist ja auch keine Option. Wo soll sie schließlich hin? Es hat ja alles zu.   

Ohne dass wir es so richtig merkten, entwickelten wir einen Corona-Alltag. Ich arbeite ab halb neun im Homeoffice. Sie steht später auf und frühstückt. Um zwölf esse ich zu Mittag, sie später. Gegen fünf klappe ich den Laptop zu, mache alle zwei Tage Sport, sie guckt meistens Fernsehen und strickt.

Um sieben gibt es Abendbrot, dann gucken wir einen Film. Mal zu zweit auf der Couch, wenn wir uns nicht einigen können, guckt jeder etwas für sich. Dann geht es ins Bett, ich lese eine halbe Stunde, sie daddelt am Handy – Licht aus, Kuss und gute Nacht.

Corona hat uns in ein altes Ehepaar verwandelt. In nur zwei Wochen sind wir so eingespielt, als wären wir 40 Jahre verheiratet. Zum Abendessen stelle ich ihr das Salz und die Butter neben den Teller, die braucht sie als erstes. "In der zweiten Schublade oben", sagte sie vor zwei Tagen, bevor ich sie fragen konnte, wo sie mein Ladekabel hingetan hatte.

Der Crashkurs im gemeinsamen Leben

Dieser Alltag und diese Routine sind womöglich auch das, was mein Freund vor meinem Umzug mit "erwachsen werden" beschrieb. Und das, was mir damals ein komisches Gefühl machte. Corona hat dafür gesorgt, dass meine Freundin und ich diesen Punkt viel früher erreicht haben, als ich es ursprünglich wollte. 

Und ich finde diese Entwicklung großartig.

Weil ich in den vergangenen Wochen eine Erkenntnis hatte: Selbst wenn ich mal den Raum wechseln muss, um einen Platz zu finden, an dem ich mich besser konzentrieren kann, oder häufiger dusche, damit ich nicht aufs Masturbieren verzichten muss, habe ich in den Corona-Wochen gemerkt: Sie geht mir nicht auf die Nerven. Es funktioniert. Ich bin glücklich. 

Durch Corona machen wir gerade einen Crashkurs im gemeinsamen Leben. Eigentlich wollten wir uns langsam daran gewöhnen. Jetzt sind wir fast 24 Stunden am Tag beieinander, und es macht mich trotzdem zufrieden. Ja, vielleicht trägt mich nicht mehr die Erkenntnis durch den Tag, dass ich ihr morgendliches Schnarchen süß finde. Aber dafür, dass sie die Frau ist, mit der ich nicht nur zusammen wohnen, sondern zusammen leben will. Und vor allem: dass dieses Zusammenleben funktioniert.


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