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Ariadne, 25, und ich kennen uns schon länger. Eigentlich lacht sie gern und viel – aber nicht in diesem Gespräch. Wir haben uns getroffen, um über ihre vergangene Beziehung mit Thomas zu sprechen. Thomas hat sich in ihrer gemeinsamen Zeit immer weiter in Richtung Rechtsextremismus radikalisiert. 

Ariadnes  Familie stammt aus dem Nahen Osten, sie hat sich immer für Toleranz und Weltoffenheit eingesetzt. Trotzdem fiel es ihr schwer, sich zu lösen. Ich habe sie gefragt, wie sie ihre Beziehung im Nachhinein sieht, ob sie sich geschämt hat – und was sie über Liebe gelernt hat. Um sie zu schützen, hat die Redaktion bei allen Beteiligten den Namen geändert.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir haben uns bei einer Party im Jahr 2014 kennen gelernt. Ich war ausnahmsweise alleine tanzen und wurde von ihm am Rande des Dancefloors angesprochen.

Danach schrieben wir eine Zeit lang, verabredeten uns einige Male, redeten über Musik, Reisen, Politik. Damals fand ich es schön, dass er nach Veränderungen zum Beispiel im System der EU gesucht hat. Er äußerte zwar auch Kritik am Freihandel und ähnlichem, aber seine Argumente waren damals für mich noch nachvollziehbar und in keiner Weise menschenverachtend.

Was hast du an ihm gemocht?

Thomas konnte sich für viele Sachen begeistern: Wir waren oft zusammen wandern, haben gekocht, waren auf Konzerten oder haben zusammen Musik gemacht. Wir waren am Anfang unserer Beziehung einfach in unserer eigenen kleinen Welt, die für mich sehr schön war. Ich habe mich auch sehr geliebt gefühlt. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass unser Blick auf die Welt da draußen so unterschiedlich sein könnte.

Die negative Veränderung in seiner Einstellung begann für mich im Sommer 2015 mit der vermeintlichen "Grenzöffnung" Merkels. Schon das Wort ist eine Verdrehung der Tatsachen, das wollte er aber nicht wahrhaben.

Wann hast du die ersten Zeichen der Radikalisierung gesehen?

Er äußerte immer wieder seine Entrüstung über die Entscheidung Merkels. Dann schaute er sich im Internet immer häufiger auf Seiten von Rechtspopulisten und "alternativen, kritischen Plattformen" auf YouTube und anderen Seiten um. Sein Vokabular veränderte sich und wurde zunehmend "völkischer". Immer öfter war die Rede von "wir" und "die"“ – dabei bezog er mich auch immer ins "wir" mit ein. 

Er stellte mich als Vorzeigedeutsche dar und ignorierte völlig, dass ich  Vorfahren aus anderen Teilen der Welt hatte und eine kosmopolitische Weltanschauung vertrat.

Es ist auch nach Chemnitz wieder oft die Rede von "besorgten Bürgern" - hat er sich Sorgen gemacht?

Er redete von Menschenmassen, Flüchtlingsinvasion und Kulturen, die nicht miteinander vereinbar seien. Vor allem hatte er Angst vor jungen Männern aus muslimischen Ländern. Diese seien besonders aggressiv und übergriffig. 

Dabei machte er das muslimisch sein nur an Äußerlichkeiten fest. Über eine Demonstration von Muslimen gegen Hass, über die berichtet wurde, sagte er, dass es sich bei den Demonstranten nicht um Muslime, sondern um "Deutsche" handele. Und wenn er Muslime kennenlernte, die z.B. kein Kopftuch trugen oder Alkohol tranken, sagte er, dass es ja keine "richtigen Muslime" seien. Er übernahm also genau die Denkweise der strenggläubigen Salafisten.

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Die Gesellschaft spaltet sich, und der Spalt verläuft genau zwischen uns.

Habt ihr trotzdem über Politik gesprochen?

Im Laufe der Zeit hat sich unsere Beziehung politisiert. Wir hatten fast keine anderen Gesprächsthemen mehr. Es endete fast immer im Streit. Doch wir beide wollten nicht aufgeben. Er konnte meine Verletzung nicht nachempfinden und er wurde mir immer fremder. Er verkroch sich ins Internet, wo er seine Meinung vertreten fand und ich wurde immer aktiver, ging auf Demos gegen rechte Ideologie und begann den Alltagsrassismus in meiner Musik zu verarbeiten. Irgendwann fiel der Satz: Die Gesellschaft spaltet sich, und der Spalt verläuft genau zwischen uns.

Wie kann man sich das im Alltag vorstellen? 

Wenn ich ihm immer wieder Menschen mit Migrationshintergrund, Migrationsvordergrund oder Fluchtgeschichte vorstellte, reagierte er meist positiv und war neugierig. Er schätzte die Menschen persönlich sehr und bezeichnete sie manchmal sogar als Freunde. Es ist für mich völlig unverständlich, dass er nach so einer Begegnung am nächsten Tag von "Überfremdung" sprach oder davon, dass Menschen in Deutschland keine "Basare" aufmachen sollten oder denken sollten, dass es "ihr Land" sei.

Wo sah er die Grenze zwischen sich und "ihnen"?

Er selber sah sich als stolzer Deutscher. Das Wort Stolz benutzte er sehr, sehr oft. Es nützte leider nichts, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass man nur auf eigene Leistung stolz sein kann, nicht aber auf eine Nationalität. 

Ich dachte, wenn er vielleicht selber aktiv werden würde und sich vielleicht in einem Heimatverein oder künstlerisch engagieren würde, würde dieser projizierte Stolz vielleicht verschwinden. Doch hatte er keinerlei Lust sich mit aktueller oder vergangener Kultur zu beschäftigen oder selbst voranzutreiben. Lieber las er Bücher über den Kampf der Kulturen und den Untergang des Abendlandes – ein ziemlich oberflächlicher Umgang mit Kultur, wie ich finde.

Wann hast du dich zum ersten Mal richtig unwohl gefühlt?

Der schrecklichste Moment war, als er in einer Kneipe sehr laut schimpfte: "Diese scheiß Molukken! Sie kommen in unser Land und belästigen unsere Frauen.“" Ich wusste in dem Moment nicht mehr, zu welcher dieser beiden Kategorien ich gehören sollte. Ich rannte einfach weg. Draußen hatte es geschneit und zum Taxifahrer, der mich aufs Wetter ansprach, konnte ich nur noch weinend sagen, dass es sehr kalt geworden sei in Deutschland.

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Ich betrachtete meine Beziehung schon längst als persönlichen Kampf gegen dieses Weltbild

Warum war da nicht Schluss?

Es hat gedauert, bis ich mich endgültig von ihm lösen konnte. Ich betrachtete meine Beziehung schon längst als persönlichen Kampf gegen dieses Weltbild, den ich nicht nach so viel Leid aufgeben wollte. Ich hatte schon früher oft mit Vorurteilen zutun und muss zugeben, dass ich mir dieses Thema sehr zu eigen gemacht habe und wie besessen davon war. Zum einen, weil ich verstehen wollte, wie Menschen so viel Hass in sich tragen können – und zum anderen weil ich das Gefühl hatte, für ihn verantwortlich zu sein und ihn vor dem Hass und die Welt vor ihm retten zu müssen.

Was hast du dann gemacht? 

Ich habe wirklich ALLES getan, was mir einfiel. Von rationalen Argumenten und theoretischen Auseinandersetzungen über theologische Argumente, bis zu dem Versuch, ihn emotional und emphatisch zu erreichen und möglichst viele positive Bekanntschaften und Erfahrungen zu schaffen. Er hat sich sogar auf meinen Wunsch in eine Psychotherapie begeben. Am Ende hat mich das jedoch selber so negativ verändert, dass ich ihm gegenüber keinen Respekt mehr zeigen konnte. Das tut mir im Nachhinein leid.

Wie haben deine Freunde und deine Familie reagiert? 

Meiner Familie habe ich es nicht erzählt. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machen. Am Anfang habe ich es auch Freunden nicht erzählt. Irgendwann ging es mir so schlecht, dass ich es einigen Freunden und meiner Schwester erzählt habe und ich viel Hilfe und Unterstützung bei ihnen fand.

Glaubst du im Nachhinein, dass du dich selbst belogen hast?

Ich habe ihn wirklich geliebt. Aber ich habe damals nicht verstanden, dass man Menschen nicht ändern kann, sondern sie sich nur selber ändern können. Ich habe mich also darüber belogen, dass ich die Kraft hätte.

Hast du die Zeit verarbeiten können? Wenn ja, wie?

Ich bin noch dabei, diese Zeit zu verarbeiten. In der Zeit der Trennung habe ich selber die Welt oft nur schwarz und weiß gesehen. Ich hatte ständig Angst vor Rassisten und sah sie an jeder Ecke lauern. Ich habe jeden Blick, den mir Menschen zuwarfen, überinterpretiert. Ich habe mich plötzlich selber fremd gefühlt in Deutschland.

Die Musik half mir sehr, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Ich schreibe Songs über Alltagsrassismus über Radikalisierung im Internet und die Spaltung der Gesellschaft. Sie sind meistens satirisch. Der Humor ist die beste Medizin, um so tiefe Wunden zu verarbeiten. Gemeinsam mit dem Musikerkollektiv "Zelle 108" setzen wir die Texte dann musikalisch um. 

Und was hast du in der Zeit über Liebe gelernt?

Ich glaube immer noch, dass Liebe die stärkste Kraft im Menschen ist. Über Beziehungen habe ich aber gelernt, dass das Zusammenleben mit einem Menschen, der ein völlig konträres Weltbild vertritt, sehr schmerzvoll und schädlich sein kann. Man fühlt sich nicht erkannt und ich denke, dass es darum auch in der Liebe geht: Einander zu erkennen und aneinander zu wachsen. 


Grün

Wie schaffen wir es, endlich nachhaltiger zu leben?
Eine Expertin antwortet.

Wir Deutschen sind gern Erster: im Export, im Fußball, im Auto. Leider gilt das auch für die Umweltverschmutzung, zumindest in einigen Bereichen. In der Europäischen Union etwa produziert kein anderer Staat so viel Verpackungsmüll wie Deutschland.