Bild: Daniel Tafjord/Unsplash
Ausgangssperre – zu dir oder zu mir?

Als wir uns das erste Mal trafen, war um uns herum noch alles wie immer. Naja, fast. In den Drogerien waren Desinfektionssprays bereits restlos ausverkauft und Menschen begannen, "Happy Birthday" zu singen, während sie sich die Hände wuschen. Das, was das Coronavirus über die Welt bringen sollte, lag in Deutschland zwar bedrohlich, doch noch beinahe unsichtbar in der Luft.

Mein erstes Date mit diesem Mann beeinflusste das nicht: Wir trafen uns in einer Bar, redeten, lachten und tranken, bis wir morgens um sieben mit dem Taxi nach Hause fuhren. Die ganze Zeit über wurde uns nicht langweilig. Wir wollten uns wiedersehen. Seitdem sind nur etwas mehr als sechs Wochen vergangen. Die unsichtbare Bedrohung ist an vielen Stellen sichtbar geworden und hat eine weltweite Krise verursacht. Eine Krise, die das Leben aller Menschen verändert hat.

Für mich hat sich aber noch etwas geändert: mein Beziehungsstatus.

Mal sehen, was das wird, dachte ich nach unserem ersten Treffen gelassen. Zu Beginn versuchten wir, ganz normal zu daten und uns kennenzulernen. Doch um uns herum veränderte sich alles, manchmal sogar innerhalb weniger Stunden. 

Wir waren ein einziges Mal zusammen essen – am nächsten Morgen wurde bekannt gegeben, dass die Restaurants schließen mussten. Ich traf ein einziges Mal Freunde von ihm – wenige Tage später gab es eine deutschlandweite Kontaktsperre. Und ich war drei oder vier Mal in seiner Wohnung – dann zog ich gewissermaßen bei ihm ein.

(Bild: Edwin Hooper/Unsplash)

Ausgangssperre – zu mir oder zu dir? 

Als über Ausgangssperren diskutiert wurde, erste Freunde von uns in Quarantäne bleiben und wir von zu Hause aus arbeiten mussten, entschieden wir: Wir stehen diese Krise gemeinsam durch. Wir wollten uns besser kennenlernen. Sollte einer von uns das Virus kriegen, dann kriegt es der andere eben auch, beschlossen wir. Wir sprachen auch über das damit verbundene Risiko: zwei Wochen Quarantäne, nur wir beide. Falls das gut gehen sollte – dann wüssten wir, dass es funktioniert. Wenn nicht, dann eben nicht. Wir beschlossen, den Großteil unserer gemeinsamen Zeit in seiner Wohnung zu verbringen, die größer ist als meine. Hier können wir zusammen sein und uns trotzdem aus dem Weg gehen. Und so wurde er innerhalb von kürzester Zeit zu meiner "Kernfamilie" und ich zu seiner. Ist das romantisch oder verrückt, fragten wir uns. Andererseits: Was ist gerade noch normal?

Wohnzimmer statt Kneipe

Zwei Wochen konnten wir so tun, als sei alles wie immer. Wir trafen uns nach der Arbeit in der Stadt, machten lustige Fotos in einem Fotoautomaten am Straßenrand, planten, gemeinsam auf Konzerte zu gehen und irgendwann zusammen nach Dänemark zu fahren.

(Bild: Christian Lue/Unsplash)

Normalerweise hätte ich niemals nach so kurzer Zeit eine Situation zugelassen, die sich so nach Zusammenziehen anfühlt. Als ich das erste Mal ein paar Klamotten in seine leere Schublade legte, die Spülmaschine ausräumte und meine Zahnbürste in ein Glas stellte, spürte ich einen Fluchtreflex. Ich kaufte mir ein Fahrrad, um unabhängiger zu sein, und um jederzeit von ihm zu mir fahren zu können. Aber ich merkte, dass ich das gar nicht so oft brauchte wie gedacht.

Am Telefon erzählte ich einer Freundin, was gerade passierte. "Ich bin so froh, dass du nicht alleine bist", sagte sie. "Ich auch", sagte ich. Aber es fühlte sich seltsam an. Ich war schließlich nicht froh darüber, nicht alleine zu sein. Ich war einfach froh, mit ihm zusammen zu sein.

Corona außen, Herzklopfen innen

Wenn wir abends auf der Couch sitzen, sprechen wir immer wieder über das Virus. Es gehört untrennbar zu unserer gemeinsamen Geschichte dazu. Coronamour, sagen wir.

Ohne Corona hätten wir uns anders kennengelernt. Mit mehr gemeinsamen Erlebnissen, Spaziergängen in vollen Parks und Abenden in Bars. Aber auch unverbindlicher und weniger intensiv.

Jetzt haben wir unsere eigene Bar im Wohnzimmer eröffnet, zeigen uns Fotos von Freunden, kochen zusammen, hören Platten und Playlists und schauen wahnsinnig viele Serien und Dokus gemeinsam. Wir machen Pläne für nach der Krise. Träumen von den ersten Dates, die wir nicht hatten, die aber noch vor uns liegen könnten. 

Beziehungsbooster

Uns wurde schnell klar, dass es passt zwischen uns. Dass wir es gut miteinander aushalten. Vielleicht liegt es an uns, vielleicht liegt es aber auch an der Krisensituation, dass wir besonders offen und klar kommunizieren, um Missverständnisse zu vermeiden, um nicht noch mehr Unruhe in und um uns herum zu verursachen. Dass wir füreinander da sind und über Sorgen und Probleme sprechen.

Fast sieben Wochen kennen wir uns nun, seit fünf Wochen leben wir nun die meiste Zeit zusammen in seiner Wohnung. Mit einem Mal hat jemand, den ich bis vor Kurzem nicht einmal kannte, alle meine anderen realen sozialen Kontakte ersetzt. 

Ich weiß, wie er aussieht, wenn er abends müde seine Zähne putzt, ich weiß, wie es klingt, wenn er nachts ein bisschen schnarcht. Ich habe versehentlich die Tür seiner Waschmaschine kaputt gemacht und Kräuterdip auf seinem Sofa verteilt. Meine langen Haare sind einfach überall. Er lacht darüber. Ich kenne niemanden, der seine Spülmaschine so unordentlich einräumt, er staunt darüber, wie ich die kaputte Waschmaschinentür mit einem Messer öffne. Unser gemeinsamer Alltag fühlt sich so vertraut an, als wären wir schon lange ein Paar. 

Das war wirklich keine Absicht.

Manchmal fahre ich für ein oder zwei Nächte mit dem Rad zu mir, um mal kurz auf Pause zu drücken, ein großer Luxus. Meine Wohnung würde ich auch nach der Krise erst einmal nicht aufgeben wollen. Für eine gesunde Beziehung brauchen wir Zeit und Raum für uns. Außerdem gibt es schönere Gründe, zusammenzuziehen, als eine Pandemie. Darüber sprechen wir eines Abends, als wir bei Drinks in der Küche sitzen. Aber auch darüber, dass wir uns das vielleicht schon irgendwann vorstellen könnten, das mit dem Zusammenziehen. Er warnt mich vor, dass er viel unterwegs sein wird, wenn er wieder arbeiten kann wie zuvor. Aber wenn wir über die Zeit sprechen, die vor uns liegt, klingt es, als könnten wir das alles gut hinbekommen. Als Paar.

Mittlerweile sind Lockerungen in Aussicht. Wir könnten auch alleine in unseren Wohnungen sein und uns trotzdem ab und zu sehen. Dennoch bleibe ich. Weil wir beide wollen, dass ich bleibe. 

Das Coronavirus hat die Welt lahmgelegt. Das zwischen uns hat es aber wahnsinnig beschleunigt.

Mindestens drei Monate sieht man eine frische Beziehung durch eine rosarote Brille, sagen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Mal sehen, was dann kommt. Die erste Beziehungskrise, die wir meistern, hat globale Ausmaße. Vielleicht werden wir sie gemeinsam durchstehen.

In ein paar Jahren werden wir uns alle gegenseitig fragen, was wir während des Lockdowns gemacht haben. Und ich werde sagen: Ich habe mich verliebt.


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