"Tagelang war Samir nicht nach Hause gekommen. Plötzlich stand die Polizei vor der Tür. Ich war geschockt, ich dachte, es sei etwas Schlimmes passiert. Die Beamten wollten die Wohnung durchsuchen. Ich bat sie, das leise zu tun, weil die Kinder schon schliefen." 

So beschreibt Sara den Moment, der ihr Leben für die kommenden Jahre völlig verändern sollte. Die Polizisten teilten ihr mit: Ihr Mann Samir wurde verhaftet. Seit dem 18. Oktober 2016 sitzt er in einem Gefängnis, erst 2026 darf er wieder raus.* Sich deshalb trennen? War für das Paar nie eine Option.

Samir erzählt: "Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Es hat richtig wehgetan, ihr nicht 'Tschüss' zu sagen. Aus der U-Haft durfte ich sie nicht einfach so anrufen, die Post braucht einen Monat. Man kann einfach nichts machen, außer zu warten und zu hoffen."

Paragraf 119 der Strafprozessordnung hielt die beiden auf Abstand: Während der U-Haft darf ein Gefangener in Deutschland, bei dem Flucht-, Verdunkelungs- oder Wiederholungsgefahr besteht, nicht einfach so telefonieren oder Besuch bekommen, er muss dafür extra einen Antrag stellen. Dabei bleibt alles immer unter den strengen Augen der Justiz, die jeden persönlichen Kontakt überwacht. 

Plötzlich war Samir sehr weit weg von seiner Familie. 

Die Veränderung für beide war enorm: Während Samir sich auf die strengen Regeln des Justizvollzugs einstellen musste, die Enge auf einer kleinen Zelle und die Isolation, kämpfte Sara mit den Herausforderungen des Alltags. Und mit der Einsamkeit. Jede Nacht schlief sie nur noch auf seiner Bettseite, trug seine Pullis und T-Shirts. Auf ihrer eigenen Seite kann sie bis heute nicht schlafen, zu sehr schmerzt sie die Leere. 

An ihrer Beziehung änderte all das nichts. Beide sind sich sicher, dass sie diese Erfahrung nur noch näher zusammenbringt. 

Erst einen Monat nach der Festnahme sahen sie sich das erste Mal wieder. 

Die JVA war weit entfernt: 800 Kilometer fuhr Sara für nur eine Stunde Besuchszeit. Für die U-Haft ist nämlich nicht der Wohnort entscheidend – sondern wo die Straftat begangen wurde.

An das erste Treffen erinnert sich Sara noch genau: "Der Termin wurde mir von der JVA vorgeschlagen. Ich musste an dem Tag aber bis spät abends arbeiten und konnte mir nicht freinehmen. Ich stieg direkt nach der Arbeit ins Auto und fuhr los, fuhr und fuhr. Die noch zu fahrenden Kilometer wurden einfach nicht weniger. Als ich dann da war, schlief ich auf dem Parkplatz, der Termin war erst morgens um 8.30 Uhr."

Diese Strecke fährt sie immer wieder, seit Samir im Gefängnis ist. Keinen einzigen der möglichen Besuchstermine lässt sie ausfallen. Auch die Kinder, die Sara 2011 mit in die Ehe brachte und die sie mit Samir großzieht, kommen häufig mit. Während ihrer Besuchszeit reden sie viel, tauschen sich über ihren Alltag aus. 

2018 wurde Samir in ein anderes, nähergelegenes Gefängnis verlegt, die Fahrerei nahm ein Ende. Seither besucht seine Familie Samir häufiger. 

Sie sehen sich etwa sieben bis acht Mal pro Monat. Es hat sich etwas Routine eingespielt: "Ich sehe ihn so oft, da fühlt es sich an, als hätte er seine Wohnung hier im Gefängnis und ich eben zu Hause", sagt Sara.

In der JVA wird weiterhin jede Beziehung von den Beamten und Sozialarbeitern genau geprüft, Besuchszeiten und Anrufe müssen immer noch beantragt werden. Jede Telefonnummer, die ein Gefangener wählt, muss vorher genehmigt werden. 

Samir landete 2018 in der neuen Anstalt auf Abteilung drei, Zelle 208: Die schweren Türen mit den großen Schlössern und Metallscharnieren werden dort nicht abgeschlossen, er und die anderen Häftlinge können ein selbstbestimmteres Leben führen, als andere in Haft. Neuerdings dürfen die Gefangenen mit einem eigenen Guthaben bis zu fünf Nummern anrufen, die sie vorher angemeldet haben. Und dann, so häufig das Geld es eben zulässt, in die Freiheit telefonieren. Eine kleine Seltenheit in der Gefängniswelt.

Während Samir hinter dicken Mauern in Haft sitzt, ist Sara in Freiheit. 

Samir erzählt: "Man braucht erstmal Zeit, um wieder ins Gespräch zu kommen. Wenn wir voneinander hören, dann geht’s uns gut. Wir erzählen uns vom Alltag, tauschen uns aus. Wir beziehen uns in alles ein, sind sehr offen. Fremdgehen brauchen wir nicht, wir reden über uns und über alles. Ich habe hier schon viele Beziehungen scheitern sehen. Wie kann man nur so schnell aufgeben?"

Auch Briefe schreiben sich die zwei regelmäßig. Samir sammelt sie alle und sortiert sie in einem Ordner nach Datum. Besonders zu Beginn seiner Haft, als sie sich noch nicht so oft sehen konnten, versuchte Sara, alles, was sie erlebte, aufzuschreiben. Sie erzählte ihm von ihrem Job, aber schrieb auch über Alltägliches. Zum Beispiel, was sie aß.  

Aber die emotionale Nähe, die die zwei sich dadurch schufen, ist eben nur ein Teil einer glücklichen Beziehung. 

Bei sogenannten Langzeitbesuchen können Samir und Sara für drei Stunden ungestört sein, keine der insgesamt 185 Kameras der JVA ist auf sie gerichtet. Kein Beamter da, der ihre Beziehung kritisch beäugt und später mit den Kollegen bespricht. 

Der Raum ist eingerichtet wie eine Essküche, auch eine Couch gibt es. Möglichst wie zu Hause sollen sich die Häftlinge mit ihrem Besuch fühlen. Samir und Sara versuchen während der Langzeitbesuche, alltäglichen Dingen nachzugehen: Sie kochen gemeinsam und kommen sich auch körperlich wieder nah. 

Diese Zeit gehört nur den beiden: "Wir wollen ein Kind zusammen", erzählt Samir. 

"Im Langzeitbesuch stehen die Chancen gut, wenn ich hoffentlich bald im offenen Vollzug bin, sind sie noch höher."

In der vergangenen Woche kam Sara zum ersten Mal nicht zur Besuchszeit. Niemand konnte Samir sagen, was passiert war, er hatte sofort ein ungutes Gefühl. Nach einem Gespräch mit einem Beamten erfuhr er, dass sie einen Autounfall auf dem Weg zur JVA hatte. 

Er versuchte, ihre Verwandten zu erreichen, geriet in Panik. Nach langen Stunden der Ungewissheit meldete sich Sara bei ihm: Ihr gehe es gut, lediglich ein paar Rippen seien angebrochen. In diesem Moment wird ihm schmerzlich bewusst, dass er trotz der Normalität, die sie sich geschaffen haben, eben nicht frei ist und bei ihr sein kann, wann sie es braucht. "Es fehlt mir, in solchen Situationen für sie da zu sein", gibt Samir zu.

Ein Ende ist aber in Sicht: Möglicherweise kann Samir schon bald in den offenen Vollzug, um dort seinen Meister als Lackierer zu machen. Dann ist es nicht mehr lang bis zur Entlassung. Wenn alles klappt, darf er 2020 raus aus dem Gefängnis. Sara ist optimistisch: "Man hat immer die Anzahl der Jahre vor Augen, zu denen er verurteilt wurde. Aber ich glaube nicht, dass er so lange inhaftiert bleibt." Samir hält sich zurück: "Wenn ich rauskomme, muss ich das Leben wiederfinden, von vorne anfangen. Jede Sekunde in Haft bereue ich. Wir wollen in Zukunft nicht mehr solche Probleme haben."

*Damit die Privatsphäre von Samir und Sara gewahrt bleibt, haben wir auf ihren Wunsch darauf verzichtet zu schreiben, warum er verurteilt wurde – und in welchem deutschen Gefängnis Samir inhaftiert ist. 

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Fühlen

Nachgefragt: Warum sich Väter für eine lange Elternzeit entschieden haben
"Eine großartige Erfahrung, die ich dringend weiterempfehlen würde."

Väter nehmen deutlich seltener und kürzer Elterngeld und Elternzeit in Anspruch als Mütter. Dass es so wenige sind, hat viele Gründe – darüber haben wir hier mit einem Experten gesprochen.  

Aber was ist mit denen, die es doch tun? Wir haben nach Vätern gesucht, die sich in ihrer Familie mehrheitlich um die Kinder kümmern. 

Warum haben sie sich dafür entschieden? Wie haben ihre Chefs und Chefinnen die Entscheidung aufgenommen? Und ist es so, wie sie es sich vorgestellt haben?  

Das sind ihre Antworten: 

Dave, 30, gelernter Heilerzieher aus Zumhof bei Regensburg