Folge 3 unserer Serie: Dorfliebe

Beim Abiball funkt es. Es ist Sommer, und die Abiturientinnen und Abiturienten eines Gymnasiums in Schleswig-Holstein feiern das lang erwarte Ende der Schulzeit. Jetzt noch einmal gemeinsam trinken und alles hinter sich lassen.

Unter den Gästen sind auch die Abiturientin Leonie* und ihr Lehrer Jörg*. Sie kennen sich seit drei Jahren und kommen ins Gespräch – wie eigentlich täglich. Zunächst reden sie über Leonies anstehendes Studium. Sie möchte auf Lehramt studieren, so wie Jörg es getan hat. Schnell schweifen sie jedoch vom Thema ab und reden über alles andere, nur nicht über die Uni. 

(Bild: Regina Valetova / Unsplash)

Während die anderen feiern, tanzen, bechern, alleine, zu zweit oder zu dritt nach Hause aufbrechen, gibt es für Leonie und Jörg nur einander. Irgendwann geht das Licht an, Zeit zu gehen. 

Zum Abschied küsst Jörg Leonie flüchtig auf den Mund.

Dreieinhalb Jahre später sitzen die beiden am Esstisch des offenen Wohnzimmers mit Kamin in ihrer Doppelhaushälfte. Seit sieben Monaten sind sie nun verheiratet, leben gemeinsam mit ihrer Labradorhündin Cleo am Rande einer Kleinstadt. Er, Mathe- und Geschichtslehrer, sie, 15 Jahre jünger und seine ehemalige Schülerin.

In den meisten Teenie-Serien wäre dies eine Geschichte, die mächtig schiefläuft. Dort ist das Drama vorprogrammiert. Bei Leonie und Jörg läuft es anders.

Wenn Leonie von der ersten Annäherung beim Abiball berichtet, funkeln ihre blauen Augen. Die Schülerin wurde an diesem Abend genauso von der Situation überrumpelt wie ihr jetziger Ehemann.

Dabei fand sie Jörg schon zu Schulzeiten irgendwie süß. 

Er hatte immer eine lockere Art, trug meist Festival-Shirts. Leonie fand ihn gut. "Aber ich habe mir nie etwas dabei gedacht", erzählt sie. 

Einmal bittet Jörg sie im Unterricht darum, etwas an die Tafel zu schreiben, und wirft ihr die Kreide zu, was er immer tut, wenn jemand aus der Klasse nach vorne kommen soll. Die Kreide landet in Leonies Ausschnitt. Mit hochrotem Kopf geht Jörg aus der Klasse – er müsse etwas kopieren. "Danach habe ich nie wieder Kreide geworfen", lacht der Lehrer heute.

Jörg erzählt, ihm sei Leonie nie besonders aufgefallen, als sie seine Schülerin war. 

Umso verwirrter ist Leonie, als sie am Morgen nach dem Abiball aufwacht und die Ereignisse der letzten Nacht rekonstruiert. Beide hatten viel getrunken. Die Erinnerungen sind schwammig. Während Leonie noch versucht, zu begreifen, was passiert ist, vibriert ihr Handy permanent. 

Sie wurden gesehen.

Nicht nur die langen Gespräche auf der Party sind aufgefallen, auch der flüchtige Abschiedskuss blieb nicht unbeobachtet. Läuft da was zwischen der Schülerin und dem Lehrer? Sind sie zusammen nach Hause? Alle wollen Details.

(Bild: Oleg Magni / Unsplash)

Zwischen den Nachrichten ihrer Freunde findet sich auch eine von Jörg. Leonies Herz klopft. Seine Nachricht ist unverfänglich: "Hi, wie geht‘s?", schreibt er. Nach kurzem Hin- und Herschreiben entscheidet Leonie, die Geschichte erst mal abzuhaken. Das Gerede der anderen schüchtert sie ein, sie ist verwirrt. 

"Es war irgendwie alles zu viel und zu komisch", sagt sie aus heutiger Sicht.

Dann geht es erst mal auf Abifahrt. Eine Woche Mallorca. Angekommen im Hotel wieder eine Nachricht von Jörg. Trotz ihres Vorhabens antwortet sie. 

Noch ist Leonie nicht bereit, ihren Freunden von Jörg zu erzählen. 

Kurz nach der Reise kommt es zum ersten Treffen – mit dem Vorwand, diesmal wirklich Leonies Studienpläne in Kiel zu besprechen. Beiden ist jedoch klar, dass es ein Date ist. Eis essen und Kino im nahegelegenen Hamburg. Die Gespräche übers Studium sind Nebensache. 

Danach geht alles ganz schnell. Beim zweiten Date trinken sie Cocktails in einem Café. Wieder bleiben sie, bis das Licht angeht. Beide merken, dass sich hier etwas Ernstes entwickelt. Der Konflikt der Lehrer-Schüler-Beziehung existiert nicht mehr – bis im Sommer ein Klassentreffen ansteht. Denn bisher ist nur Leonies beste Freundin eingeweiht.

Beide haben Angst vor der neuen Situation. Sie werden zusammen dort sein, umgeben von all denen, die noch nichts von ihrer Beziehung wissen dürfen. Umgeben von den Tuscheleien und Gerüchten nach dem Abiball. Kurz vor dem Treffen sind Leonie und ihr ehemaliger Lehrer noch zusammen unterwegs. 

"Das war ganz unangenehm", sagt Jörg. "Wir haben uns immer durch unsere Sonnenbrillen angeschaut und versucht, bloß nicht zu nahe beieinander zu stehen." 

Der Plan geht auf. Niemand bemerkt etwas.

Dorfliebe

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung Deutschlands leben auf dem Land (Statista). Dort spielen die Geschichten des Alltags, die großen und kleinen Dramen. Davon berichten Masterstudierende des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg. Sie haben sich aufgemacht und die Liebe auf dem Dorf gesucht. 

Hier findest du alle Geschichten der Reihe und hier gibt es mehr Infos zum Projekt.

Der Sommer endet. Das Paar entscheidet sich, die Beziehung öffentlich zu machen. Sie haben nichts falsch gemacht. Er ist nicht mehr ihr Lehrer. Die fünfzehn Jahre sind nur eine Zahl. Leonie gibt sich sehr reif für ihr Alter, hatte schon mal einen älteren Freund. Jörg ist eher jung geblieben, zockt abends meistens Fifa.

Nach einem offenen Gespräch mit der Schulleitung redet Jörg mit der Frau, die die Cafeteria leitet. Strategisch – denn sie ist der Klatschmultiplikator der Schule. "Es war uns wichtig, gezielt unsere eigenen Informationen zu streuen", sagen die beiden rückblickend.

Die Reaktionen im Lehrerzimmer sind gemischt. Anfeindungen gibt es jedoch keine. Die meisten ignorieren die Beziehung. 

Im Bekanntenkreis kommt es zu Lästereien. Manche gönnen dem Paar sein Glück nicht. 

Auch Spekulationen über eine Beziehung zu Schulzeiten machen die Runde. Das wäre problematisch. Zwar ist Leonie schon über 18 Jahre alt, eine Beziehung würde somit nicht unter sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen fallen, dennoch könnte Jörg seinen Beamtenstatus verlieren (DGB). Eine Beziehung zwischen Lehrer und Schüler nach der Schulzeit hingegen stellt kein rechtliches Risiko dar.

Leonies enger Freundeskreis ist entspannt. Sie freuen sich für Leonie. Auch ihre Eltern sehen kein Problem. Vor dem ersten Kennenlernen ist Jörg sehr nervös. Als Leonies Vater ihn aber fröhlich am Grill stehend begrüßt und ihm ein Bier anbietet, ist alles gut.

Nach kürzester Zeit folgt jedoch die erste Zerreißprobe: Leonie geht für ein halbes Jahr nach Neuseeland. Das war schon ewig geplant. Raus aus dem Dorf, rein in die Welt. Jörg bleibt zurück. Sie facetimen täglich, leben aufgrund der Zeitverschiebung aber doch irgendwie aneinander vorbei. 

(Bild: Aaran Birch / Unsplash)

Die Distanz ist riesig, die Sehnsucht unerträglich. Aus sechs Monaten werden drei. Als Leonie zurückkommt, zieht sie bei Jörg ein. Statt des Studiums beginnt sie eine Ausbildung in der Nähe ihres Heimatdorfs. Sie will einfach nicht so weit weg sein von Jörg.

Im Bulgarienurlaub folgt die Verlobung, ein Jahr später die Hochzeit am Ostseestrand. 

Jung zu heiraten, hatte Leonie eigentlich nie geplant. Keine ihrer Freundinnen hat diesen Schritt bisher gemacht. "Ich habe nie damit gerechnet, so früh einen Mann kennenzulernen, der perfekt zu mir passt", sagt sie und strahlt. 

Angst, etwas zu verpassen, hat Leonie nicht. Sie planen Kinder, die gekaufte Doppelhaushälfte ist schon dafür ausgelegt. Der Altersunterschied spielt schon lange keine Rolle mehr. Eigentlich hat er das auch nie.

* Namen von der Redaktion geändert.


Gerechtigkeit

Rechts und Ordnung? Wir haben einen Experten gefragt, wie rechts die Polizei ist
Und wie die Polizei Rechtsextremen in den eigenen Reihen begegnen kann.

Eine Gruppe von Polizisten soll in einem Chat rechtsextreme Nachrichten ausgetauscht und der Anwältin Seda Başay-Yıldız Mordrohungen geschickt haben, unterzeichnet mit "NSU 2.0" (Zeit). Jörg Radek, Vize-Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), spricht von einer "Schieflage" vieler Kollegen, was die Nähe zu rechtsnationalen Parteien angeht (Rheinische Post). Und der CDU-Politiker Friedrich Merz warnt, immer mehr Polizistinnen und Polizisten würden mittlerweile bei der rechtpopulistischen AfD ihre Heimat finden. (SPIEGEL)

Schon seit längerem steht die Polizei in Deutschland in der Kritik, nach rechts zu rücken. In jüngster Zeit häufen sich die besonders extremen Fälle. 

Driftet die Polizei nach rechts? Und wenn ja, ist das strukturell bedingt?

Diese Frage kann Martin Thüne beantworten. Der 31-Jährige ist Kriminologe und Polizeiwissenschaftler und forscht an der Thüringer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung zu Sicherheitsfragen. Außerdem arbeitet er in der polizeilichen Extremismusprävention.