Antonia, 26, fragt:  

Ich bin seit sieben Jahren mit meinem Freund zusammen. Wir hatten immer so unsere Probleme. Mich störte schon oft, dass ich nie seine absolute Nummer 1 war und dass er nicht so viel Sex braucht wie ich.

Vor über einem Jahr waren wir schon einmal getrennt, weil er eine andere hatte. Monate später kamen wir wieder zusammen und schworen uns, es besser zu machen. 
 
Die ersten Monate klappte das, doch dann merkte ich wieder, dass er es einfach nicht schafft, mich zu seiner Priorität zu machen. Er zieht vieles andere mir vor und macht keinen Unterschied zwischen mir als seiner festen Freundin und anderen platonischen Freundinnen.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Da wir uns nur selten sehen und mittlerweile auch der Sex nicht mehr stattfindet, führen wir gerade keine richtige Beziehung mehr.

Neulich habe ich dann einen kennengelernt, bei uns kribbelt es. Zuerst wollte ich nur schauen, wie sich das entwickelt und hatte nicht die Absicht, meine Beziehung aufs Spiel zu setzen. Doch dann küssten wir uns und hatten auch einmal Sex.
 
Der Neue erfüllt Bedürfnisse, die mein Freund nicht mehr erfüllt. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, ergänzen uns. Ich fühle mich so wohl bei ihm und würde am liebsten jeden Tag mit ihm verbringen. Und vor allem trägt er mich auf Händen. Endlich bin ich mal die Nummer 1, die ich immer sein wollte.

Mehr Notfälle? Hier:
"Oft fühle ich mich erfolglos und allein. Was kann ich tun?"
"Meine Schwiegereltern mögen mich nicht – soll ich sie dennoch besuchen?"
"Meine Oma kommt auch nach zehn Jahren noch immer nicht mit meiner Homosexualität zurecht. Auf Familienfeiern geraten wir immer wieder aneinander – was kann ich tun?"
"Ich liebe meine Tante, aber sie geht an Weihnachten immer total herzlos mit meiner Cousine, um. Was kann ich tun?"
"Jedes Jahr an Weihnachten findet ein Klassentreffen statt. Was kann ich gegen Gefühl tun, dass alle anderen viel mehr erreicht haben als ich?"
"Ich bin überzeugter Vegetarier, will aber den Familienfrieden beim Weihnachtsessen nicht stören. Lasse ich mich auf die Diskussion mit meinen Eltern ein?"
"Meine Mutter sieht nicht ein, dass ich erwachsen bin. –Was soll ich tun?"
"Warum fürchten wir uns so vor einem Terroranschlag, aber nicht vor einem Fahrradunfall?"
"Ich habe Panik, keinen Job zu kriegen – Ist meine Angst berechtigt?"
"Ich verliebe mich zu schnell – was kann ich dagegen tun?"
Mein Studium überfordert mich und lässt mich jeden Tag leiden. Wo sind nur meine Träume und Ziele hin?"
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Trotzdem bin ich mir unsicher bei alledem. Ich bin schockiert davon, wie ich einfach so fremdgehe. Ich bin irritiert, weil ich nicht ungehemmt verliebt bin, sondern mich frage, ob ich nicht doch besser an meiner alten Beziehung arbeiten sollte. 

Mein Freund weiß, dass ich jemanden kennengelernt habe, mehr aber nicht. Er schlug vor, dass wir das endlich zum Anlass nehmen sollten, an der Beziehung zu arbeiten.

Aber ist nicht längst alles kaputt? Wann sollte man sich final lösen? Ich will sieben Jahre nicht einfach wegwerfen. Was, wenn es nur eine Phase ist?

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Antonia,

ich kann gut verstehen, dass du so hin- und hergerissen bist. Auf der einen Seite dein langjähriger Partner, mit dem du schon so einiges durchgemacht hast. Auf der anderen Seite der Neue, mit dem es sich gerade so gut anfühlt.

Du steckst gerade in einem sehr schwierigen Entscheidungskonflikt – bleiben oder gehen. An der alten Beziehung festhalten, oder das Neue, Unsichere wagen, das aber auch mit der Befriedigung deiner Bedürfnisse lockt.

In der Regel haben wir Menschen die Tendenz, den Status Quo beibehalten zu wollen. Und zwar umso stärker, je mehr Zeit, Gefühle, Energie und Geld wir in ihn investiert haben. Doch wenn sich eine länger anhaltende Unzufriedenheit oder ständige Frustrationen einstellen, entsteht in uns der Wunsch nach Veränderung.

Plötzlich kommen wir sinnbildlich in Bewegung, wenden uns Neuem zu, entwickeln uns weiter und lösen uns gegebenenfalls auch von alten Beziehungen. Das kann letztendlich ein sehr heilsamer und positiver Prozess sein, auch wenn er von vielen Zweifeln, Ängsten, Schuldgefühlen und Trauer begleitet ist.

Wir Menschen haben die Tendenz, den Status Quo beibehalten zu wollen
Kathrin Hoffmann

Das soll jetzt nicht heißen, dass du dich auf alle Fälle trennen solltest. So eine Unzufriedenheit kann natürlich auch Anlass sein, an der Beziehung zu arbeiten und dort nötige Veränderungen anzustoßen:

  • Liegt dir noch genug an deinem Partner, um ernsthaft an der Beziehung arbeiten zu wollen?
  • Wie hoch schätzt du die Chancen, dass die Beziehung sich so entwickelt, dass du zufrieden damit bist?
  • Wie viel Energie würde es dich kosten? Bist du bereit, diese zu investieren?
  • Was würdest du aufgeben, wenn du dich trennst? Was würdest du gewinnen?
Sich treu bleiben – aber auch dem anderen. Wie geht das?(Bild: Unsplash)

Stell dir vor, du schaust in fünf Jahren zurück – welcher Gedanke spricht dich mehr an: "Gut, dass ich damals den Mut hatte, mich zu trennen, dieser Schritt war längst überfällig. Mit der neuen Beziehung bin ich viel glücklicher, wir passen einfach richtig gut zusammen"?  

Oder: "Es war gut, dass wir für die Beziehung gekämpft haben, das hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Diese Krise überstanden zu haben, hat uns als Paar noch stärker gemacht"?

Was würdest du aufgeben, wenn du dich trennst?
Kathrin Hoffmann

Ganz unabhängig davon, ob mit dem neuen Mann eine Beziehung entsteht oder nicht, stellt sich die Frage, ob dein Partner weiterhin der Mann an deiner Seite sein soll oder nicht.

Stell dir vor, du hättest deinen Partner vor Kurzem erst kennengelernt, würdest du dich für ihn entscheiden? Falls ja, kämpfe für deine Beziehung, falls nicht, überwinde deine Angst und mach dich frei für etwas Neues.

Überstürze aber nichts, sondern gib dir genügend Zeit für den Entscheidungsprozess. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem du eine klare Tendenz verspürst und trotz aller Für und Wider eine Entscheidung treffen kannst. Im Falle einer Trennung gib dir auch genug inneren Raum zum Ablösen, Verarbeiten und Betrauern deiner alten Beziehung.

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin


Grün

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