Bild: Unsplash/ Toa Heftiba

Pünktlich zur Adventszeit, wenn das sogenannte Fest der Liebe und der Jahreswechsel nahen, beginnen Singles sich wieder zu fragen: Wie soll ich die Feiertage nur ohne Partner oder Partnerin überstehen? Oder – was viel wahrscheinlicher und nicht weniger schlimm ist – andere übernehmen das für sie.

 "Bist du an Weihnachten ganz alleine?"

Nächstes Jahr triffst du bestimmt jemand ganz besonderen.

"Du findest sicherlich noch jemanden, der dich an Silvester um Mitternacht küsst."

Auch Netflix gibt ungefragte Ratschläge: Für einsame Herzen prangt ganz oben in den Vorschlägen die Selbsthilfe-Komödie "How to be Single". Beim Schauen dürfen wir Dakota Johnson bei ihren Versuchen begleiten, sich von ihrer langjährigen College-Liebe zu lösen, wobei sie doch nur von einer Beziehung in die nächste stolpert – bis sie endlich den Wert des Alleinseins erkennt. Bis sie endlich versteht, wie man eigentlich richtig Single ist. 

"Alleine sein" – häufig synonym zu "Einsam" und "Nicht in einer Beziehung" verwendet – scheint gemeinhin als etwas gesehen zu werden, das wir erst einmal lernen müssen. 

Die Spezies Mensch wird als Herden- und Beziehungstier verstanden, alleine sein zu können dagegen zu einer Kunst, einem höheren Geisteszustand stilisiert. So beschwören es auch unzählige Ratgeber mit Titeln wie "Über die Kunst, allein zu sein" oder "21 Gründe, das Alleinsein zu lieben".

Auch wenn es bestimmt genauso viele Ratgeber zum Thema "Glückliche Beziehungen" gibt: Eine Beziehung zu führen scheint für viele immer noch der Normalzustand zu sein. Kann jeder, macht jeder – oder stürzt sich zumindest erstmal rein. Wer das nicht tut oder sich vielleicht sogar bewusst dagegen entscheidet, wird entweder pathologisiert ("beziehungsunfähig!") oder kassiert mindestens einen schiefen Blick.

Ich sehe das anders. 

Eine Beziehung führen zu können ist nicht selbstverständlich

Ganz im Gegenteil: Ich finde es mindestens genauso schwierig – wenn nicht schwieriger –, mein Leben mit jemandem zu teilen. Auch das ist etwas, das man lernen muss.

Ich glaube, viele Paare täten gut daran, wenn sie sich ein paar Gedanken zu ihrer Beziehung machen würden, anstatt zu glauben, sie wüssten sowieso wie Zweisamkeit funktioniert.

Als Single kann ich für mich selbst entscheiden: Wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Mit wem ich nach einer durchtanzten Nacht nach Hause gehe. Wie ich Weihnachten und Silvester verbringe. Die Einzige, die mein Handeln und die Konsequenzen daraus interessieren und betreffen, bin ich

Als Teil einer Beziehung kann ich natürlich auch entscheiden – aber was ich entscheide, betrifft nicht mehr nur mich, sondern noch eine weitere Person.

(Bild: Unsplash/ Priscilla Du Preez)

Wollen wir langfristig in dieselbe Stadt ziehen? Wenn ja, in welche? Wenn nein: Wie viel Distanz ertragen wir? Und wie viel Nähe tut uns gut?

Halten wir es aus, wenn ich mal eine Nacht mit jemand anderem verbringe? Ertrage ich, wenn er oder sie dasselbe macht?

Muss ich die Feiertage wirklich mit seiner Familie verbringen – obwohl die AfD-Sprüche seiner Tante mich auf die Palme bringen?

Die Fragen, die man sich stellen muss, um eine gute Beziehung zu führen, sind eigentlich noch viel grundsätzlicher: Was möchte ich von einer Beziehung? Was ist mir wichtig? Wo sind meine Grenzen? Welche Freiheiten brauche ich? Welche Freiheiten kann ich geben?

(Bild: Unsplash/Quân Nguyễn)

Diese Fragen sind so individuell, dass man einiges über sich selbst verstanden haben muss, bevor man sie beantworten kann. Und dann muss man noch jemandem gegenübersitzen, der oder die bereit ist, all diese Fragen mit einem zusammen immer und immer wieder zu beantworten. 

Denn alles verändert sich. Ständig. Wir verändern uns als Menschen; Dinge, die uns passieren, verändern uns. Unsere Situation verändert sich, ein Jobwechsel, eine neue Stadt, ein neues Hobby. Neue Dynamiken entstehen. Man kann und muss sich immer wieder aufs Neue füreinaner entscheiden. 

Beziehung kann nicht einfach so jede und jeder, nicht immer und nicht überall. 

Gute, faire und stabile Beziehungen zu führen haben wir in der Regel nicht verinnerlicht, nicht in die Wiege gelegt bekommen, nicht von klein auf gelernt, wie das geht – im Zweifel eher im Gegenteil. Deswegen ist es wichtig, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie Beziehung eigentlich funktioniert – mindestens genauso viele, wie übers alleine sein.

 


Gerechtigkeit

Jonas verbringt Heiligabend auf dem Mittelmeer – um Menschenleben zu retten
Wir haben mit ihm gesprochen.

Wenn Jonas an Heiligabend um sich schaut, dann steht da kein Weihnachtsbaum, dann duftet da nichts nach frisch gebackenen Plätzchen. Stattdessen schlägt ihm  Mittelmeerwind ins Gesicht, die Luft riecht nach Salz.

Jonas steht an Deck der "Professor Penck", einem Boot der Organisation "Sea-Eye", mit dem freiwillige Helfer in Seenot geratene Geflüchtete aus dem Mittelmeer retten wollen. Über Weihnachten hat Jonas mit angeheuert und ist gerade auf dem Weg vor die libysche Küste. Er sagt: