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Ein Gespräch.

Ein sommerlicher Nachmittag im Herbst. Paula und John können jetzt im Biergarten sitzen, weil sie ihre Termine selbst einteilen, sie sind ihre eigenen Chefs. Er trägt Jeans und weißes Shirt, sie Leopardenkleid und ein abwaschbares Einhorntattoo auf dem Unterarm – eine Erinnerung an die Hochzeit, die sie am Wochenende fotografiert haben.

Seit sich die 28-Jährigen vor zweieinhalb als Hochzeitsfotografen selbstständig gemacht haben, frage ich sie oft aus: über Shootings in Island oder Italien, ihren Erfolg bei Instagram, die wildesten Weddingstories. Aber noch nie darüber, wie es wirklich ist, mit dem Partner zusammen zu arbeiten – und ob das nicht mal ätzend wird. Es ist höchste Zeit. 

Die Beziehungsweisen

In dieser Reihe reden wir mit Partnern über ihre Beziehungsmodelle und alles, was dazu gehört: über Eifersucht und Sexpartys, über Geld und Liebe, über Konflikte und Geheimnisse.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, zusammen zu arbeiten?

Paula: Wir sind seit sechs Jahren zusammen und hatten vorher schon mal lose in Projekten zusammengearbeitet. Aber ich habe nie daran gedacht, ein Business mit John zu starten. Das war eher die Idee von allen Anderen – ich habe mich erst dagegen gesträubt.

Warum das?

Paula: Ich habe mich gefragt, was man sich dann noch zu erzählen hat. Wir sind ja alle von diesem klassischen Bild geprägt: Zwei Leute gehen den ganzen Tag arbeiten und abends treffen sie sich auf der Couch. Außerdem habe ich in Projekten mit Freunden schon erlebt, wie schwierig es werden kann, wenn es plötzlich um Geld oder Business-Werte geht. Ich hatte Angst, dass unsere Beziehung darunter leidet.

Und wie hat es sich entwickelt? Paula, haben sich deine Befürchtungen bestätigt?

Paula: Wir haben schon verschiedene Phasen mit Uni- und Jobleben miteinander durchgemacht – und wir hatten uns noch nie so viel zu erzählen wie jetzt. Auch wenn es natürlich fast immer ums Business geht.

John: Ich glaube, das liegt daran, dass wir eine gemeinsame Vision haben. Und durch unsere Arbeit entwickelt sich jeder von uns weiter – aber auch wir als Paar wachsen gemeinsam.

Inwiefern?

Paula: Wer sich selbstständig macht, wird als Person unheimlich gefordert. Du hast so eine große Verantwortung, es wird ständig etwas Unerwartetes passieren, du musst immer an dir arbeiten.

John: Du lernst auch sehr viel über dich selbst und deine Glaubenssätze. Ich habe zum Beispiel erkannt, dass wir alle eine Stimme im Kopf haben, die uns mit Bullshit auflädt: Sie erzählt uns, was wir alles nicht können und schaffen. Zu verstehen, dass es diese Stimme gibt und dass man sie ausschalten kann – das ist faszinierend. Wenn man diesen Prozess gemeinsam durchlebt, bringt das eine Tiefe in die Beziehung, die man auf anderen Wegen nur schwer erreicht.

Habt ihr auch Seiten am Anderen entdeckt, die ihr vorher nicht kanntet?

Paula: Du kannst keine Fassade aufrechterhalten. Wir alle nehmen verschiedene Rollen ein: bei der Arbeit, mit Freunden, in der Beziehung. Wenn du Arbeit und Beziehung mischst, kommen alle Seiten raus. Dann taucht die gestresste Paula auf – oder Paula, der Kontrollfreak. Ich lerne, dass John sich unheimlich über Details aufregen kann. Wenn diese Personen aufeinanderprallen und sie trotzdem zu konstruktiven Lösungen kommen, dann weißt du, dass es passt.

Seid ihr bei der Arbeit auch schon mal richtig aneinander geraten?

Sie gucken sich an, als wäre die Frage absurd. Und sie lachen.

Paula: Immer, das passiert ständig.

John: Völlig normal bei uns.

Paula: Wo sollen wir da anfangen? Natürlich fliegen die Fetzen – und dann geht man viel weniger sachlich miteinander um als Kollegen.

John: Im Idealfall passiert das aber nur bei oberflächlichen Themen. Wenn einer in der Hochzeitsfotografie bunt und poppig sein will und der andere dark und moody, dann läuft das nicht. Solche Konflikte gibt es bei uns nicht, es sind eher Detailfragen. Und das legt sich dann wieder.

Probleme über eine längere Zeit gibt es nicht?

Paula: In der Hochzeitsfotografie haben wir im Sommer sehr intensive Phasen und im Winter ist es eher ruhig. Letztes Jahr haben wir dadurch sehr viel Druck empfunden, weil wir trotzdem 100 Prozent geben wollten. Da gab es auch Wochen, in denen wir uns nicht leiden konnten. Und wenn man tagsüber frustriert ist, schmachtet man sich nicht abends beim Candle-Light-Dinner an.

Und wie sieht ein solcher Abend bei euch aus?

Paula: Es kommt nie vor, dass wir gar nicht miteinander reden. Wir diskutieren alles aus, werden dabei auch laut – und dann löst es sich. 

Es passiert nie, dass mal einer von uns für ein paar Tage abhaut. Wir verbringen höchstens mal den Abend in getrennten Räumen. Aber das kommt nicht nur vor, wenn wir uns streiten – sondern auch, weil wir mal Zeit für uns brauchen.

Habt ihr auch mal längere Auszeiten voneinander?

Paula: Auf jeden Fall. Wir haben beide eigene Freundeskreise und sind auch mal alleine unterwegs. Aber wenn ich ohne John im Urlaub bin, denke ich schon oft: Das würde ich ihm jetzt gerne zeigen. Er ist eben die Person, mit der ich am liebsten abhänge.

Zusammen arbeiten ist ja anders als gemeinsam abhängen: Wie war es anfangs, gemeinsame Abläufe aufzubauen?

Paula: Schwierig. Wir brauchen ganz unterschiedliche Voraussetzungen, um konstruktiv zu arbeiten. Johns Vorstellungen gehen stark in Richtung klassischer Arbeitstag. Wenn ich 15 Aufgaben habe, frage ich mich: Welche fühle ich jetzt? Ich muss viel intuitiver arbeiten, um in meinen kreativen Modus zu kommen.

Und wie bringt ihr diese unterschiedlichen Einstellungen zusammen?

Paula: Wir haben klare Grenzen gezogen – jeder hat eigene Aufgaben und da hat der Andere nichts zu melden. John kümmert sich eher um logistische Dinge, ich um Social Media oder ums Netzwerken.

John: Ich bin aber auch viel lockerer geworden. Ich hatte immer panische Angst davor, Pausen zu machen. Ich bin leider 15 Jahre lang zur Schule gegangen und habe dort gelernt: Du musst Leistung bringen, sonst fällst du durch. Es interessiert niemanden, was du gerade fühlst. So bin ich das Business angegangen und habe versucht, mein "Richtig" auf Paula zu pressen. Aber das funktioniert natürlich nicht.

Wie sieht ein klassischer Tag bei euch aus?

Paula: Den gibt es bei uns gar nicht. Am Wochenende haben wir eigentlich immer Hochzeiten, unter der Woche stehen oft Shoots an oder wir sind unterwegs zu einem Projekt. Es kann aber auch sein, dass wir eine Woche durchgehend im Office sitzen und Bilder bearbeiten, Konzepte entwickeln und Mails schreiben.

Macht ihr das alles zu zweit?

John: Meistens ergibt es sich so, dass wir morgens gemeinsam ins Office fahren und abends zusammen zurück. Es kann aber auch sein, dass einer sich mal schlecht konzentrieren kann und früher Schluss macht – da gibt es keine Regeln, an die wir uns halten.

Habt ihr manchmal Bedenken, weil ihr beide vom gleichen Job abhängt? Wenn nur einer selbstständig ist, kann es der Partner zur Not abfangen, wenn es nicht so gut läuft.

Paula: Ich persönlich hatte davor nie Angst – mein Umfeld aber schon. Jeder erzählt Horrorgeschichten von irgendwelchen Fremden. Für mich war immer klar, dass ich mich beruflich selbstverwirklichen will. Da kann ich nicht den Anspruch an John stellen, dass er klassisch arbeiten geht, damit wir eine gewisse Sicherheit haben.

John: Wenn deine finanzielle und deine emotionale Abhängigkeit in der gleichen Person liegen, dann ist das natürlich ein Abenteuer. Aber wir sind beide überzeugt, dass es sich lohnt, sich darauf einzulassen – mit allen Risiken, die es birgt. Wir wollen das tun, was sich gut anfühlt. Und für uns fühlt es sich gut an, zusammen zu arbeiten.

Habt ihr  das Worst-Case-Szenario mal durchgespielt? Falls ihr beide euch trennt: Dann ist ja auch das Business in Gefahr.

Paula: Natürlich wissen wir beide theoretisch, dass etwas passieren kann. Unsere Beziehung kann auseinandergehen, vielleicht hören die Leute auf, zu heiraten. Es können 100 ganz blöde Sachen passieren. Aber es können auch 100 richtig gute Sachen passieren – und wir denken beide lieber in diese Richtung. 

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Gerechtigkeit

US-Sender verbannen Trump-Werbespot, weil er rassistisch ist
Auch Facebook geht das zu weit

Mehrere US-Fernsehsender haben beschlossen, ein Wahlkampfvideo von Donald Trump nicht mehr zu zeigen, weil es rassistisch ist. Darunter ist neben CNN und NBC sogar der konservative und eigentlich Trump-freundliche Sender Fox News. Auch Facebook geht der Clip zu weit, er wurde mit dem Hinweis gelöscht: "Diese Werbung wurde herunter genommen, weil sie gegen die Richtlinien von Facebook verstößt." (SPIEGEL ONLINE)

Was ist in dem Spot von Donald Trump zu sehen?

In dem 30-sekündigen Video sieht man zunächst den zum Tode verurteilten mexikanischen Einwanderer Luis Bracamontes. Er prahlt damit, Polizisten getötet zu haben und sagt dann: "Ich werde bald ausbrechen und noch mehr töten." 

Darüber eingeblendet: Die Sätze "Demokraten haben ihn in unser Land gelassen" und "Demokraten haben ihn bleiben lassen". 

Danach werden Bilder von südamerikanischen Migranten gezeigt, die gerade auf dem Weg in die USA sind, um dort Asyl zu beantragen. Dazu zu lesen: "Wen lassen die Demokraten noch alles rein?". 

Der Spot setzt also Geflüchtete nur aufgrund ihrer Herkunft in direkten Zusammenhang mit einem verurteilten Mörder

Wie reagiert Trumps Wahlkampfteam?

Sein Wahlkampf-Manager Brad Parscale twittert: "NBC, CNN und Facebook haben also entschlossen, sich hinter die zu stellen, die ILLEGAL IN DIESEM LAND SIND. Anstelle sich hinter die LEGALEN IMMIGRANTEN zu stellen und die, die unsere Gesetze befolgen." Dass Fox News den Spot auch nicht mehr zeigt, erwähnt er nicht