In Berlin setzen Menschen ein Zeichen gegen Rassismus

Vorm Brandenburger Tor spielt ein Pianist am Abend leise Klavier, unter den Zweigen des großen Weihnachtsbaums direkt daneben stellen Dutzende brennende Kerzen ab.

Es ist der zweite Tag nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche – und viele Berliner zeigen auf Demonstrationen und Gedenkfeiern ihr Mitgefühl. Mittags singen Flüchtlinge und Einheimische auf dem Breitscheidplatz gemeinsam "We are the world". Videos des Chors werden mit Sätzen wie "Dit is Berlin" tausendfach im Netz geteilt.

Immer wieder kommen am Mittwoch die Menschen zusammen, ein halbes Dutzend Aktionen sind in der ganzen Stadt über den Tag verteilt gemeldet. Vielen ist es dabei wichtig, ein Zeichen gegen die Instrumentalisierung des Anschlags durch die rechte Szene zu setzen. Nach wie vor sind die Hintergründe der Tat ungeklärt. Mehr zur aktuellen Situation findet ihr hier.

Dennoch diskutiert die AfD am Mittwoch mit 300 Anhängern vorm Kanzleramt über "Sicherheit für Deutschland". Und die NPD mit 120 Mann ruft ganz in der Nähe des Tatorts zu einer Veranstaltung mit dem Motto "Grenzen dicht machen – An Merkels Händen klebt Blut" auf. Die Gegenseite kommt laut Polizei mit 800 Leuten, roten Herzen in den Händen und fordert lautstark "Liebe statt Hass".

Wir haben die Gegendemonstranten gefragt: Warum geht ihr heute auf die Straße?
Kaya, 20, Studentin

(Bei der Gegendemo zum NPD-Aufmarsch an der Hardenbergstraße nahe der Gedächtniskirche)

(Bild: Leister)

"Viele Menschen haben erwartet, dass so etwas irgendwann in Berlin passiert. Trotzdem hat es die Menschen natürlich berührt und geschockt. Ich finde, man darf diese Trauer und Fassungslosigkeit auf keinen Fall ausnutzen, um politische Ziele zu verfolgen wie die NPD, die AfD oder Horst Seehofer – deswegen bin ich heute hier."

In der Slideshow siehst du, wie das Netz auf den Anschlag reagiert hat:
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Aaron, 25, Student und Sprecher der Initiative LiebeStattHass

(Bei der Gegendemo zum NPD-Aufmarsch an der Hardenbergstraße nahe der Gedächtniskirche)

(Bild: Leister)

"Wir wollen ein Zeichen der Solidarität, der Liebe und des Zusammenhalts gegen terroristische Gewalt setzen. Und wir wollen zeigen: Der Terror ist nicht mit den Geflüchteten gekommen, sondern sie fliehen davor – und der Terror folgt ihnen wie ein Albtraum. Ich glaube, in der AfD-Zentrale haben am Montag die Sektkorken geknallt. Wir sind das bunte, weltoffene Berlin – wir wollen uns den Spaltern entgegenstellen."

Philipp, 71, Karikaturist und Zeichner

(Bei der Gegendemo zum NPD-Aufmarsch an der Hardenbergstraße nahe der Gedächtniskirche)

(Bild: Leister)

"Ich protestiere gegen den Terror von Links und Rechts, gegen Islamisten und verdammte Nazis. Für mich ist dieser Tunnelblick furchtbar, den viele Menschen jetzt haben – denn der lässt keine Empathie mehr zu, mit niemandem."

Mohammed Ali, 23, flüchtete aus Afghanistan nach Deutschland

(Bei der Gegendemo zur AfD-Kundgebung am Brandenburger Tor bei der Aktion #Zusammen)

(Bild: Leister)

"Wir sind mit einer Gruppe afghanischer Flüchtlinge hier. Wir wollen unsere Solidarität mit den Opfern, ihren Familien und Freunden zeigen. Wir Afghanen können gut verstehen, wie es ihnen geht. Vorfälle wie dieser zerrütten unser Land seit Jahren. Davor sind wir geflohen. Es tut uns so leid. Wir fühlen mit euch."

Marie, 29, mit Susanne

(Bei der Gegendemo zur AfD-Kundgebung am Brandenburger Tor bei der Aktion #Zusammen)

"Mich frustriert es total, wie die CDU und andere Politiker, die es besser wissen müssten, jetzt mit Ideen für neue Sicherheitskonzepte ankommen und über Verschärfungen des Asylrechts diskutieren. Ich denke, nach dem Anschlag geht es erst mal um was anderes, darum Menschlichkeit und Mitgefühl zu zeigen – und nicht darum, den rechten Rand für sich zu gewinnen."

Frederick, 18, Schüler

(Bei der Gegendemo zur AfD-Kundgebung am Brandenburger Tor bei der Aktion #Zusammen)

(Bild: Leister)

"Ich gehe auf eine erzkonservative Schule. Da hat man nach dem Anschlag schon noch mal einen Rechtsruck gespürt. Einer aus meiner Klasse meinte zum Beispiel, er redet jetzt nicht mehr mit Muslimen. Ich bin heute hier, um zu zeigen, dass wir nicht alle gegen Fremde sind und pauschal verurteilen."


Gerechtigkeit

Rechte "Identitäre Bewegung" blockiert die CDU-Zentrale in Berlin

Es waren absurde Szenen, die sich am Abend in Berlin abspielten: Etwa 20 bis 30 Mitglieder der "Identitären Bewegung" hatten den Eingangsbereich der CDU-Zentrale besetzt.

Die meist jungen Demonstranten saßen auf dem Bürgersteig vor dem Konrad-Adenauer-Hauses und skandierten Parolen wie "Stoppt den großen Austausch" oder "Europa-Jugend-Reconquista" – klare Referenzen an neurechte und völkische Konzepte. Per Megafon machten sie Angela Merkel für die Gewalttat am Berliner Breitscheidplatz verantwortlich, bei der am Montag zwölf Menschen starben (bento).