Bild: Max Deibert
Die besten Partys schmeißt immer noch Mutti.

Die hier zum Beispiel: "Auf dem gesamten Grundstück herrscht striktes Rauchverbot und Alkoholkonsum kommt selten und dann nur in geringem Maße vor.“ Oder die hier: "Wir suchen jemanden, der oder die nicht nur zum Partymachen nach Berlin kommt (gerne 30+) und gute Deutschkenntnisse mitbringt.“

Halleluja, da behaupte doch einer, die Hauptstadt sei cool und weltoffen! Beides sind Anzeigen auf Berliner Wohnungsportalen. Meine Freunde und ich waren auf der Suche – hatten aber auf diese verklemmte Prenzlauer-Berg-Einstellung keinen Bock. Also beschlossen wir, eine eigene WG zu eröffnen. Ganz young, wild and free!

Nach drei Monaten Suche sind wir fündig geworden, in Alt-Moabit. Mein neues Zimmer dort ist klein. Winzig. Speisekammerschmal. Aber es ist mein Zimmer! Meine Ausziehcouch, mein Schrank, meine Topfpflanzen. Sie heißen Udo und Thomas. Ich darf die Wände schwarz streichen, Tribal-Wand-Tattoos anbringen oder gestohlene BVG-Schilder in meinem Zimmer verteilen.

Max' Zimmer: Nur echt mit Ausziehcouch

Wobei das nur die kosmetischen Korrekturen sind: Was ich alles ideologisch aus meinem Zimmer rausholen könnte! Einen Flüchtling darin unterbringen, einen Techno-Altar errichten, es zu einer veganen Zone erklären. Oder eine neue anarchische Auffangstelle wie in der Rigaer Straße gründen!

Berlin only

Für bento berichtet Max Deibert regelmäßig aus Berlin. Und zwar aus Berlin only. In welchen Club sollte man gehen? In welchen nicht? Haben Veganer Friedrichshain unter ihre Kontrolle gebracht? Wie muss ich mich anziehen, um in Berlin als "sexy" empfunden zu werden? Max teilt seine besten Antworten und Lebensweisheiten in dieser Kolumne mit euch.

Anarchie ist mir als Lebenskonzept nicht fremd: Von der Trotzphase im Kindergarten bis hin zur Pubertät habe ich mich aufgelehnt. Bislang allerdings nur im elterlichen Wohnzimmer. Jetzt lebe ich meinen Freiheitsdrang in einem Zehn-Quadratmeter-WG-Zimmer aus. Kein "Räum deine Bude auf" oder "Mach die Musik leiser" mehr. Das ist nicht mehr wie bei Mutti, das ist jetzt echt. Ich darf am Fenster rauchen (solange es nicht zu sehr nach drinnen zieht), bis 13 Uhr schlafen (außer wenn ich zur Uni muss) oder mir im Stehen einen runterholen (okay, das bringt eigentlich gar nichts).

Gestern Abend marschierte die Frau aus der Wohnung über mir in hochhackigen Schuhen durch ihren Flur. Ich wollte in Ruhe lesen. Moe, mein Mitbewohner, kam aus seinem Zimmer geschlappt, noch halb verschlafen, und klopfte zaghaft gegen die Heizungsrohre. Kurz darauf verstummte das Pochen ihrer High Heels.

Raus aus der Wohnung: Berliner Clubs in der Fotostrecke
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Moe, der während der Schulzeit alles flachlegte, was nicht bei Drei auf den Bäumen war, ist jetzt in einer festen Beziehung. Er schlug vor, dass jeder höchstens drei Mal die Woche Frauenbesuch haben dürfe, damit nicht andauernd die Nachtruhe gestört wird. Außerdem sollen die Damen zu Hause duschen. Heißes Wasser kostet Geld.

Mein anderer Mitbewohner Per, der das beste Abi von uns dreien hat, berechnet die Effektivität unserer Einkäufe und verwaltet die Haushaltskasse. Ich kann nichts, darum räume ich die Spülmaschine aus. Toll, wie jeder von uns seine neue Freiheit nutzt, um seine Talente auszuleben.

"Den Teppich sauge ich alle vier Tage. Ich bin halt mein eigener Boss."

Mein Schreibtisch steht jedenfalls links, parallel zum Fenster, das soll laut Feng Shui toll sein. Den Teppich sauge ich alle vier Tage, damit sich nicht so viel Dreck ansammelt. Ich bin halt mein eigener Boss. Bilder habe ich noch keine angebracht, ich will mir etwas Bedenkzeit nehmen, bevor ich einen Nagel in meine blütenweiße Wand dresche.

Meine Mitbewohner und ich wollten ein Bild im Flur aufhängen. Wir dachten erst an ein Selfie von uns dreien, nackt auf meiner Ausziehcouch. Das "Ausziehen" als ironische Komponente. Aber das habe ich nicht erlaubt. Ist schließlich mein Zimmer, meine Couch. Und was sollen unsere Eltern denken, wenn sie zum Kaffee vorbei kommen? Da stimmten mir die Jungs schließlich zu. Wir entschieden uns stattdessen für ein Poster der Edward-Hopper-Ausstellung, 2007 im Gropius-Bau. 2007 war ein klasse Jahr. Ich weiß nicht mehr, warum.

Kolumnist Max: Damit sich nicht so viel Dreck ansammelt

Am Abend trinke ich manchmal mit den Jungs ein Bier, dabei hören wir Musik. Per hat seine Boxen in eine Decke eingewickelt. Per sagt: "Wegen der Nachbarn". "Bitch better have my money" klingt mit gedämpftem Bass nicht ganz so geil, aber da werden wir uns sicher dran gewöhnen. Nächstes Wochenende backen wir in unserem neuen Ofen Kekse und drehen eine Vorstellungsrunde durchs Haus. Die Nachbarn sollen uns alle mögen, falls hier mal richtig die Party abgeht. Einen Putzplan haben wir auch schon aufgestellt. Sonntags darf nicht gestaubsaugt werden. Ist zu laut.

Die Einweihungsfeier verbrachten wir mit unseren Eltern. Es eskalierte relativ schnell: Wir leerten einen Kasten Weißbier, vier Flaschen Weißwein, zwei Flaschen Rotwein. Per musste zum Späti radeln und Nachschub besorgen, sein Vater zauberte aus irgendeiner Tasche einen Wurzelpeter.

Nach den ersten Shots begannen wir zu tanzen. Zwei Weingläser zerbrachen, als wir den Tisch zur Seite rückten, um Platz zu schaffen. Meine Freunde und unsere Mütter hielten uns an den Schultern, lachten und grölten zu "Du hast mich tausendmal belogen". Um 2 Uhr morgens bestellten die Erwachsenen ein Taxi, weinten noch ein wenig zum Abschied und verließen uns.

"Irgendwer muss am Ende den Kotzeimer auswaschen."

Warum wir von Anfang an so bieder mit unserem Haushalt umgingen? Vielleicht lag es am Stolz, endlich eine eigene Wohnung zu besitzen, dem Wunsch, sie nicht verdrecken zu lassen oder den Mülleimer schimmeln zu sehen. Oder an Ratschlägen unserer Eltern wie "Stellt einen Putzplan auf, sonst streitet ihr euch", "Stellt eine Haushaltskasse auf, sonst streitet ihr euch", "Bringt den Müll regelmäßig raus, sonst…".

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass unser Lebensstil auch super zu den Wohnungsanzeigen aus Prenzlberg gepasst hätte. Partys machen Spaß, aber am Ende gibt es immer jemanden, der die Kotzeimer auswaschen und die Pisse aus dem Teppich scheuern muss. Freiheit ist ein flexibler Begriff. Egal, ob in Prenzlauer Berg oder in Alt-Moabit.

Lies hier die bisherigen Berlin-Kolumnen von Max:


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Mit dieser App kannst du Tattoos anprobieren – wir haben sie getestet

Es machen oder bleiben lassen? Tätowieren lässt sich niemand leichtfertig. Dafür ist die Ungewissheit einfach zu groß: Habe ich den richtigen Künstler gewählt? Die richtige Stelle? Das richtige Motiv? Sich sein neues Kunstwerk vorzustellen, ist schwer. Egal, wie lange man mit einem schwarzen Edding auf der ausgewählten Stelle herumkritzelt: Es wird aufgezeichnet niemals so aussehen, wie nach dem Termin beim Artist des Vertrauens.