Bild: dpa/Michael Hanschke
Max erinnert sich.

Das vorweg: Ich werde in diesem Text keine Zeile aus "Ich hab' Polizei" von Jan Böhmermann zitieren. Versprochen.

Das Versprechen muss ich bringen. Denn ich bin wie Böhmermann Polizistensohn. Das hätte sich jeder denken können, der meinen Text über Großstadtkriminalität kennt. Welcher normale Berliner interessiert sich denn bitte dafür, wo er abgezogen wird? Wir haben doch eh alle kein Geld.

Aber es gibt mindestens einen Tag, an dem fast alle Berliner eine Meinung zur Polizei haben: den 1. Mai.

Als Kind hatte ich extreme Angst vor dem 1. Mai. Die Linksextremen – oder auch nur linksgerichteten Bürger – hatten lange Zeit ihre ganz eigenen Vorstellungen vom "Tag der Arbeit". Die "Revolutionäre 1. Mai Demo" verwandelte dann Berlin-Kreuzberg in ein Kriegsgebiet. Nur mit Punks statt PKK, Antifa statt Autobomben und besoffenen Touristen statt Taliban.

Berlin only

Für bento berichtet Max Deibert regelmäßig aus Berlin. Und zwar aus Berlin only. In welchen Club sollte man gehen? In welchen nicht? Haben Veganer Friedrichshain unter ihre Kontrolle gebracht? Wie muss ich mich anziehen, um in Berlin als "sexy" empfunden zu werden? Max teilt seine besten Antworten und Lebensweisheiten in dieser Kolumne mit euch.

Ende der 1990er, Anfang der 2000er war die Kacke am 1. Mai in Kreuzberg noch richtig am dampfen. Mein Vater arbeitete damals bei der Schutzpolizei im Festnahmezug einer geschlossenen Einheit. Kurz: Er rammte mit Einsatzschilden Maskierte um, wurde mit Pflastersteinen und Bengaloböllern beworfen, weil er mit seinen Kollegen die Plünderung eines Supermarktes verhinderte.

2009 wurde eine Kollegin, die nach stundenlangem Steinhagel die Nerven verlor, von einer Glasflasche am Rücken getroffen und musste in die Notaufnahme. In den Nachrichten war von einem Messerstich die Rede. Meine Mutter und ich kauerten auf der Couch vorm Fernseher und wussten genau, dass mein Vater gerade irgendwo mittendrin ist, zwischen den Einsatzwagen, Helmen, brennenden Autos, schreienden Menschen.

Heute gibt es zu Hause keine Geschichten mehr von Selbstmördern, die an U-Bahnscheiben zerplatzen.

Er stand in der Nacht direkt neben der Polizistin, als sie blutend zu Boden ging. Seitdem arbeitet er als Einsatztrainer bei der Polizei, unterrichtet Selbstverteidigung, Schießen, Festnahmen.

Heute gibt es zu Hause keine Geschichten mehr von Selbstmördern, die an U-Bahnscheiben zerplatzen und von prügelnden Ehemännern, die von ihren Frauen in Schutz genommen werden. Stattdessen witzige Anekdoten von Anfängern bei der Polizei, die ihr Holster nicht richtig schließen.

Doch die Erinnerungen an seinen Dienst auf der Straße sind geblieben. Als ich mit 16 Jahren ins Q-Dorf, einen assigen Club für Halbstarke, zum Feiern ging, sprach er zwei Tage lang nicht mit mir. Er war enttäuscht von meiner Naivität. Bei der Polizei ist das Q-Dorf vor allem wegen Messerstechereien bekannt. Konnte ich nicht zu Hause eine nette Feier mit meinen Freunden veranstalten?

Zu Hause prallen bei uns verschiedene Sichtweisen aufeinander

Ich kann es ihm nicht verübeln: Wie soll ich mit ihm die Legalisierung von Drogen diskutieren? Er musste schon Clubtoiletten absperren, in denen sich 15-jährige Mädchen zu Tode spritzten, die Nadel noch im Arm. Wie soll ich ihm etwas vom linkem Stolz der Antifas erzählen? Er bekam 20 Jahre lang vom schwarzen Block zu hören: "Du scheiß Nazi-Bulle, ich schlag' dich tot!" Mein Vater verabscheut Neonazis. Musste sie aber auf Demos vor Antifas schützen, die ihn dafür hassten.

Die Frage, warum mein Vater einmal im Jahr nach Kreuzberg fährt, um sich zu prügeln, spielte für mich als Kind keine große Rolle. Als Schutzpolizist war er wöchentlich bei Demos und Fußballspielen Gewalt und Hass ausgesetzt, am 1. Mai war es halt nur extremer als sonst. Meine Mutter erklärte mir mit ruhiger Stimme, dass es nun mal zu seinem Beruf gehöre, das Eigentum anderer Menschen und die Gesetze zu schützen. Die Antwort leuchtete mir ein: Mein Vater ist ein Held. Und verdient damit sein Geld.

Verschiedene Sichtweisen gehörten in meiner Familie zum Alltag. Meine Mutter, Feministin, Grünen-Wählerin (glaube ich, sie hat es nie zugegeben), moderierte oft politische Gespräche am Esstisch an. Mein Bruder und ich durften unsere Freizeit selbst gestalten, mussten nur sorgfältig abwägen, was wir erzählen. Genau wie alle Kinder nur mit anderen Schwerpunkten. Im Q-Dorf war ich jedenfalls mehr als einmal.

Wahrscheinlich gehen Demonstranten mit ähnlichen Blessuren heim wie die Polizisten.

In den letzten Jahren ist das "Myfest" ruhiger geworden. "Myfest" – so heißt mittlerweile die Veranstaltung, die am 1. Mai die Aufmärsche in Kreuzberg in eine Art Partyhappening verwandelt hat. Die große Polizeipräsenz und organisatorische Änderungen, was die Route der Umzüge angeht, haben das Feuer aus der Veranstaltung genommen. Eine Katastrophe für die Revolutionäre, die den Tag mit einem Peng feiern wollen. Eine Erleichterung für Anwohner, Polizisten und deren Angehörige.

Ich liege am 1. Mai meist auf einer Wiese in Kreuzberg, trinke Bier mit Freunden und beobachte den Umzug, demonstriere aber selbst nicht mit. Ich wäre wahrscheinlich niemals in der Lage, einen Stein auf Polizisten zu schmeißen. Dafür sind die Bilder der blau geschwollen Oberschenkel und verstauchten Knöchel meines Vaters am Tag danach zu sehr in Erinnerung geblieben.

Wahrscheinlich gehen die Demonstranten mit ähnlichen Blessuren heim. Wahrscheinlich kämpft am Ende jeder Vater und jede Mutter nur für ihre Familie. Und die Kinder müssen sehen, was sie daraus machen.

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