Bild: Unsplash / Kat Love
Über Macht, Vertrauen und Wut.

Er trägt kein Halsband, sie keine Peitsche. Jenny sitzt ungeschminkt auf dem Sofa, ihre dunkelblonden Haare sind noch nass vom Duschen und trocknen an der Luft, während sie über Machtstrukturen in ihrer Beziehung sprechen. Ihr Freund Kai sitzt auf dem Boden vor der weißen Couch. Ich frage mich, warum er auf dem Boden sitzt –  erst im Laufe des Gesprächs wird es mir klar. 

Als ich die zwei kennenlerne, kann ich mir kaum vorstellen, dass er auf Schläge steht und sich seiner Freundin gerne sexuell unterordnet. Mein Kopf ist zunächst voller Klischees: Warum haben die zwei kein Lack und Leder an?

Jenny und Kai leben in einer „Female Lead Relationship“ (FLR). Ich habe noch nie solche Menschen kennengelernt, weiß gar nicht, was genau das ist. Ich bin gespannt, wie ihre Beziehung aussieht. Im Alltag und im Bett.   

Ihr führt eine 24/7 FLR-Beziehung. Was ist das?

Kai: Es gibt es ein klares Machtgefälle: Jenny hat die Hosen an, im Alltag und sexuell. Wir führen natürlich auch die ganz normalen Beziehungsgespräche und respektieren uns gegenseitig. Wir sind in erster Linie ein Paar geworden, weil wir uns sympathisch finden und Interessen teilen. Und es gibt – wie in vielen normalen Beziehungen auch - Zärtlichkeiten, Kuscheln ist für uns ganz wichtig.   

Jenny: Ach ja, wir kuscheln? Ich hau dich doch die ganze Zeit und jage dich durch die Wohnung.

Schon bin ich das erste Mal verunsichert: Ist das ein Scherz? Oder meint sie das ernst? Ich habe keine Ahnung. Sie spricht weiter. 

Die Beziehungsweisen

In dieser Reihe reden wir mit Partnern über ihre Beziehungsmodelle und alles, was dazu gehört: über Eifersucht und Sexpartys, über Geld und Liebe, über Konflikte und Geheimnisse.

Du sagst das lachend, aber ist das ernst gemeint? Macht ihr das wirklich?

Jenny: Mir wäre es zu blöd, ihn mit der Peitsche durch die Wohnung zu jagen. 

Wie sieht eine 24/7 FLR-Beziehung im Alltag aus?

Jenny: Wenn er zum Beispiel eine neue Stereoanlage will, dann rede ich ihm nicht rein, weil ich mich damit nicht auskenne und es mir nicht wichtig ist. Wenn ich aber will, dass er irgendetwas für mich tut, dann muss das passieren.

Was kann das sein? Platt gefragt: Soll er die Spülmaschine ausräumen?

Jenny: Den Haushalt teilen wir. Wir arbeiten beide, da wäre alles andere blödsinnig. Meistens sind es spontane Dinge. Ein Beispiel: Wenn ich ihm ein Halsband anziehen will, dann muss er herkommen. Und zwar jetzt, nicht in fünf Minuten.

Kai: Wir haben aber auch feste Regeln: Wenn sie da ist, muss ich sie fragen, ob ich aufs Sofa hochkommen darf. Sonst sitze ich auf dem Boden.

Jenny: Das ist etwas, was ich extrem genieße. Das ist für mich nichts Sexuelles, sondern einfach schön. Und er genießt es auch. Ich liebe ihn ja und will, dass es ihm gut geht.  

Das klingt für mich krass. Ich hatte mich schon gefragt, ob Kai zufällig vor der Couch sitzt – auf den ersten Blick wirkte es ganz gemütlich. Plötzlich hat es eine völlig andere Bedeutung. 

Wenn sie da ist, muss ich sie fragen, ob ich aufs Sofa hochkommen darf.
Kai

Ganz ehrlich: Nervt euch das nicht manchmal? Zieht ihr das immer konsequent durch?

Jenny: Das sind alltagstaugliche Regeln, deshalb müssen wir keine Ausnahmen machen. Wenn ich gerade viel zu tun habe und er mich ständig um Erlaubnis fragt, stresst mich das manchmal. Aber dafür müssen schon viele ungünstige Faktoren zusammenkommen.

Kai: Mich nervt es ganz selten mal, normalerweise fühle ich mich sehr wohl damit.

Macht ihr das auch, wenn andere Menschen dabei sind?

Jenny: Ich bin sehr offen erzogen worden und habe kein Problem, davon zu erzählen. Aber wenn wir mit Leuten unterwegs sind, leben wir meine Dominanz weniger aus. Ich will nicht zickig oder überheblich wirken.

Kai: Wenn ich mich von ihr dominieren lasse, spielt da auch etwas Sexuelles mit hinein. Daran will ich die Öffentlichkeit nicht teilhaben lassen oder andere Menschen damit überfordern.

Was reizt euch an der SM-Beziehung?

Kai: Viele denken, dass es darum geht, Schmerz zu empfangen oder für den anderen zu leiden. Das ist es aber nicht. Der Schmerz führt zu einem Hormoncocktail im Körper, der sich irgendwann extrem gut anfühlt. Wenn man geschlagen wird, wird Adrenalin freigesetzt – wie wenn man vor einer Gefahr wegläuft. Wenn man wieder stillsteht und in Sicherheit ist, kommen die Endorphine. 

Jenny: Wenn ich Kai Schmerzen zufüge ist es ähnlich: Ich spüre Adrenalin, werde hochgepusht, bin total konzentriert und angestrengt. Und dann folgt die Endorphin-Ausschüttung.

Viele denken, es geht darum, für den anderen zu leiden – das ist es aber nicht.
Kai

Das alles ist für euch jetzt selbstverständlich, aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie man in so eine Beziehung hineingerät. Wusstet ihr schon immer, dass ihr ungewöhnliche Neigungen habt?

Kai: Meist ist es so, dass man Bedürfnissen nachgeht, Sachen ausprobiert und irgendwann merkt: Es gibt einen Namen dafür, offenbar stehe ich auf BDSM. Vor unserer Beziehung hatte ich nur SM-Erfahrung, jetzt habe ich gelernt, wie weit ich in Bezug auf DS (Dominance and Submission) gehen möchte. Ich finde es spannend, diesen Teil meiner Persönlichkeit zu entdecken.

Jenny: Ich war sexuell schon immer sehr aufgeschlossen, habe früh Pornos geguckt und vieles ausprobiert. Mich hat BDSM erregt und ich hatte das Glück, dass meine Ex-Freunde immer mitmachten. In meiner letzten Beziehung war ich aber die Passive. Als ich Kai online kennenlernte, waren wir beide passiv und hätten nie gedacht, dass es zwischen uns passen könnte. Ich wollte die aktive Rolle aber ausprobieren und habe festgestellt, wie sehr sie mir gefällt. Wir haben irgendwann beschlossen: Wir möchten ein klares Machtgefälle. Diese Entscheidung trifft man natürlich gleichberechtigt, damit sich beide damit wohlfühlen. 

Ich war sexuell schon immer sehr aufgeschlossen, habe früh Pornos geguckt und vieles ausprobiert.
Jenny

Könnt ihr denn erklären, warum ihr all das wollt? Woher kommen diese Vorlieben?

Jenny: Früher habe ich bei einem Streit nie Wut zugelassen. Ich habe mich zurückgezogen, weil ich finde, dass Wut nicht in Beziehungen gehört. Wenn Kai mich jetzt nervt, darf ich wütend werden und es auch zeigen. Dann packe ich ihn manchmal und drücke ihn auf den Boden. Je stärker das Machtgefälle wird, desto mehr gehe ich in diesen Situationen aus mir heraus und das tut mir gut. Mich entspannt unsere Struktur, sie holt mich runter. Früher war ich sehr unruhig, jetzt fühle ich mich einfach wohl.

Kai: Wir leben so, weil es uns beiden ein Bedürfnis ist – sexuell und grundsätzlich. Wenn man dieses Bedürfnis stillen kann, dann fühlt es sich richtig an. Es ist doch normal, dass jeder Mensch andere Neigungen hat.

Vermutlich hat Kai Recht: Jeder ist anders. Mein Freund und ich stehen auf Sex mit anderen Paaren – und ich will dafür auch nicht von Fremden verurteilt werden.  

Zweifelt ihr manchmal an eurem Modell?

Kai: Ich frage mich manchmal, wie wichtig es mir ist, dass unsere Beziehung als normal angesehen wird – das ist ja leider nicht der Fall. Es gibt in der Gesellschaft noch immer viele Vorurteile.

Jenny: Manchmal erschreckt es mich selbst, dass mich unser Machtgefälle so erregt. Ich hätte nie gedacht, dass ich solche Bedenken bekommen würde und finde noch für mich heraus, wie ich damit umgehe. Grundsätzlich zweifle ich überhaupt nicht an unserer Struktur. Außerdem ist es so: Wir entwickeln uns weiter, wie alle anderen Menschen auch. Deshalb wird unsere Beziehung schon in einem Jahr wieder ganz anders aussehen – und ich bin gespannt darauf. 


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