Der Kopf taucht immer wieder unter, das Gesicht ist nur kurz an der Oberfläche. Als ich meinem Freund dabei zusehe, wie er beinahe ertrinkt, ist er nicht mal 50 Meter von mir entfernt. Wir sind an unserem Lieblingsbadesee, ich bin etwas rausgeschwommen. Es ist der heiße Sonntag des Himmelfahrt-Wochenendes, der See und das Ufer sind voller fröhlicher Menschen. 

Mein Freund schwimmt in diesem Moment nahe des Badestrandes mit seinem Neffen Jonas (6) auf dem Rücken, der vergnügt lacht. Die Panik, die in mir aufsteigt, wird von diesem Lachen etwas beruhigt: Ist alles nur ein Spiel? Tut mein Freund vielleicht so, als sei er ein Hai – wie er es kurz zuvor im flachen Wasser getan hatte? Er muss doch eigentlich dort sogar stehen können, denke ich, er ist so nah am Strand! 

Zur Autorin

Dieser Text wurde von einer bento-Redakteurin verfasst. Sie erzählt ihre Geschichte hier anonym, um die Familie ihres Freundes nicht zu beunruhigen. Der Name des Kindes wurde geändert.

Ich schwimme trotzdem los in seine Richtung. Die schnellen Armbewegungen, mit denen er sich immer wieder kurz an die Wasseroberfläche bringt, machen mir Angst. 

(Bild: Tim Marshall / Unsplash)

Wenige Sekunden später das wortwörtliche Aufatmen: Sein Oberkörper taucht aus dem Wasser auf, er hat offenbar Boden unter den Füßen und steht wenige Meter neben den anderen Badenden. Mein Puls beruhigt sich etwas, ich drehe wieder um und schwimme meine Runde. War wohl tatsächlich nur das Hai-Spiel, denke ich. 

Erst als ich kurz darauf zurück zu unseren Handtüchern komme, merke ich, wie ernst die Lage war. Mein Freund liegt erschöpft da und erzählt mir leise, dass er gerade etwas richtig Schlimmes erlebt habe. "Ich wäre fast untergegangen", sagt er. Sein Blick ist ernst, sein eigentlich gebräuntes Gesicht sieht blass aus. 

Er erzählt mir, er habe mit Jonas zu einem nahegelegenen Ponton im See schwimmen wollen. 

(Bild: Jorge Garcia / Unsplash)

Jonas kann nicht schwimmen. Mein Freund dachte, die kurze Strecke mit dem Kind auf dem Rücken wäre kein Problem. Leichtsinnig – das weiß er jetzt. Doch als er losschwamm, dachte er nicht an das schlimmstmögliche Szenario. Er wollte einfach nur ein paar Minuten hin zum Ponton und zurückschwimmen.

Auf dem Rückweg legte Jonas seinen Arm um den Hals meines Freundes. Ohne es zu merken schnürte er ihm die Kehle ab. Beim Versuch, gleichzeitig zu schwimmen, den Kinderarm von seinem Hals zu ziehen und zu atmen, habe er Wasser verschluckt, erzählt er. 

Was genau danach geschehen ist, weiß er nicht mehr genau. Nur, dass sein Körper mit dem Gewicht des Kindes auf dem Rücken und ohne den nötigen Sauerstoff plötzlich abtauchte, während er gleichzeitig den unbändigen Drang danach hatte, einen tiefen Atemzug zu nehmen und das Wasser in seiner Luftröhre auszuhusten. 

Es ging nicht. Sein Gesicht geriet unter Wasser. Seine Arme schafften es mit jedem Schwimmzug immer weniger, ihn an die Oberfläche zu bringen. 

(Bild: Tim Marshall / Unsplash)

Mit letzter Kraft habe er sich gesagt, er werde jetzt unter Wasser drei starke Schwimmzüge machen und hoffen, damit ins flache Wasser zu gelangen, erzählt er. Es klappte. Zum Glück. Es hätte auch ganz anders kommen können.

Das liegt unter anderem daran, dass beim Ertrinken im menschlichen Körper verschiedene Dinge geschehen, die dazu führen, dass man keine Kontrolle mehr über sich selbst hat. Hier sind einige davon:

  • Verschluckt man Wasser, so verkrampft sich die Stimmritze im Kehlkopf. Der Schutzmechanismus soll verhindern, dass weiteres Wasser in die Luftröhre gelangt, führt aber auch dazu, dass man nicht mehr atmen kann, selbst wenn man an die Oberfläche kommt.
  • Ist das Wasser kalt oder kühl, kann zudem durch ein plötzliches Eintauchen ein sogenannter Kälteschock auftreten – und das schon bei Temperaturen um 20 Grad Celsius. Unser Badesee hatte am Sonntag etwa 16 Grad (wetteronline). Der Kälteschock löst eine schnellere Atmung und eine höhere Herzfrequenz aus und führt dazu, dass man die Luft nicht mehr lange anhalten kann. Die ertrinkende Person kann die Schwimmbewegungen dann nicht mehr koordinieren und das Gesicht nicht mehr gezielt über Wasser halten: Sie taucht immer wieder unter und es kommt zum Verschlucken von Wasser. (DLRG)
  • Die oder der Ertrinkende bringt sich automatisch in eine aufrechte Position, um das Gesicht über Wasser zu halten, was aber nur dazu führt, dass die Schwimmbewegungen immer kraftaufwendiger und gleichzeitig ineffizienter werden. Währenddessen nehmen die Koordinationsfähigkeit und die Leistung der Muskelzellen rapide ab.

All das lesen wir später im Netz, als wir versuchen zu verstehen, was genau an diesem Tag passiert ist. Und währenddessen bin ich fassungslos darüber, dass uns beinahe etwas so Schreckliches geschehen wäre. Wie konnte das passieren?

Baderegel Nummer 5 der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) lautet: "Überschätze dich und deine Kraft nicht." 

Mein Freund ist ein guter Schwimmer. Trotzdem war die Situation überfordernd.  Und das nicht nur für ihn.

(Bild: Danielle Macinnes / Unsplash)

Kurz nach dem Vorfall war der Hauptgedanke meines Freundes: "Zum Glück hat Jonas nichts mitbekommen." Meiner war: "Warum habe ich es nicht ernstgenommen?"

Klar, ich bin in seine Richtung geschwommen, als ich die Anzeichen sah, doch ich tat es nicht in voller Geschwindigkeit. Ich rief auch nicht zu den Menschen hinüber, die wenige Meter von ihm entfernt im flachen Wasser standen. 

Warum? Ich wollte keine Panik verbreiten, weil ich mir selbst nicht sicher war, ob die Panik gerechtfertigt war. Sein Neffe lachte und den Menschen in seiner unmittelbaren Nähe schien nichts aufzufallen. Vermutlich wussten viele von ihnen noch nicht einmal, wie Ertrinken wirklich aussieht. 

In Filmen wird uns oft suggeriert, eine ertrinkende Person würde mit den Armen wedeln und um Hilfe rufen. In der Realität ist Ertrinken ein sehr stiller, unauffälliger Tod.

Die Person kämpft mit aller Kraft gegen das Untergehen an, taucht dabei immer wieder unter und kann meist nicht die Energie aufbringen, um auf sich aufmerksam zu machen.

In diesem Video zeigen Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer, wie man Ertrinkende erkennt:

In wie vielen Fällen des Ertrinkens ist man sich als Beobachter also komplett sicher? Wahrscheinlich selten. 

Schon alleine deshalb hätte ich beim kleinsten Verdacht die Menschen in seiner unmittelbaren Nähe alarmieren müssen – laut rufen, auf ihn hinweisen, kurz: eine Szene machen. Warum ich das nicht getan habe, ist mir im Nachhinein unbegreiflich. Denn wäre er tatsächlich untergegangen, wäre ich relativ weit weg gewesen. Und hätte ich ihn, der gut 20 Kilo mehr wiegt als ich, wieder an die Wasseroberfläche ziehen können – an einer Stelle, an der ich selbst nicht hätte stehen können? Und seinen Neffen noch mit dazu? 

Was hat mich also abgehalten? Scham? Unsicherheit? Die Befürchtung, mich lächerlich zu machen? Wahrscheinlich eine Kombination aus all diesen Dingen. Es ist nicht immer leicht, zu wissen, wie man sich richtig verhält.

Aber die sekundenschnelle Entscheidung – jemand könnte sterben oder ich mache mich lächerlich, wenn alles doch ganz harmlos ist – die darf einem einfach nicht schwer fallen.


Gerechtigkeit

Warum sich Hasan keine Duldung wünscht – obwohl sein Asylantrag abgelehnt wurde

Mehr Fachkräfte aus dem Nicht-EU-Ausland, mehr Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern: Der Bundestag hat ein umstrittenes Migrationspaket verabschiedet, darunter auch das sogenannte "Geordnete-Rückkehr-Gesetz". Damit können mehr Asylbewerber in Abschiebehaft kommen. Wer nicht ausreichend Dokumente vorlegen kann, muss mit Sanktionen rechnen, beispielsweise einem Arbeitsverbot.

Die SPD wollte mit dem Gesetzespaket eigentlich auch den "Spurwechsel" einführen. Gut integrierte Asylbewerber sollten die Möglichkeit bekommen, in Deutschland zu bleiben. Doch die Union blockierte – am Ende blieb ein Kompromiss:

Bereits arbeitende Migrantinnen und Migranten sind für 30 Monate vor einer Abschiebung geschützt. Die Voraussetzungen dafür sind hoch: Wer eine Beschäftigungsduldung will, muss bereits seit einem Jahr geduldet sein – und seit mindestens 18 Monaten arbeiten.

Hasan Radhi, 28, kam im Oktober 2015 aus dem Irak nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt – eine Duldung wünscht er sich trotzdem nicht.