Ein Nachruf.

Er wusste schon, dass das Ende bevorstand. Lange, bevor ich und alle anderen es wussten. Es ging ihm nicht gut, das Alter machte ihm zu schaffen. Er hatte versucht, es zu verstecken, so gut es eben ging. Aber hektische Bewegungen waren schon seit Monaten nicht mehr drin. Nun war da noch dieses Knirschen, beim Wenden, dass klang, als würde er von innen heraus zerreißen. Gruselig war das. Vor allem, weil auch die anderen es mitbekamen. 

Und plötzlich mieden sie ihn, ließen ihn alleine am Straßenrand stehen – auch ich. 

Sein ganzes Leben hatte er gearbeitet, sich niemals beschwert. Und er war dabei rumgekommen, hatte die Welt gesehen, etwas aus sich gemacht. Geboren in Mexiko hatte er seine Jugend in den USA verbracht. Als ihm die breiten, leeren Straßen und Geschwindigkeitsbegrenzungen zu langweilig wurden, nahm er sich den nächsten Dampfer und machte rüber nach Europa. Nach Deutschland, das Land seiner Vorfahrenden. Wie schnell war dort die Zeit vergangen? 

Früher hatten sie ihm alle hinterhergeschaut, ihn bewundert. Er war schneller, geräumiger und stärker als seine kleinen Brüder Golf und Polo. Er war ein waschechter US-Jetta, 90 PS, Automatik, TDI, in silber. 

Der Traum eines Teenagers und Rentners gleichermaßen.

Und er hatte so gerne angegeben, wie ein röhrender Hirsch hatte er sie alle beindrucken wollen, voller Stolz jeden anderen zum Duell gefordert, sein Drehmoment machte ihn zum König an jeder Ampel. Trotzdem war er sanft, familiär sogar. Er brachte Einkäufe nach Hause und machte Umzüge zu einem Kinderspiel. Alle fühlten sich bei ihm sicher, Männer, Frauen, egal. Sie liebten ihn. Für viele war er der erste; immer war er ihnen treu – egal, wie sie ihn behandelten.

Bevor ich ihn gekauft hatte, stand er die meiste Zeit allein in einer engen Parkgarage herum. Dunkel, muffig und klaustrophobisch war es, ein Autogefängnis. Doch schon bei der Probefahrt wusste ich, dass wir Freunde werden würden. Weil ich immer lächeln musste, als wäre ich frisch verliebt: wenn ich Gas gab, wenn ich bremste, wenn ich die Musik hochdrehte. Das Brandloch in der Rückbank? Kein Problem! Das Schloss machte manchmal Probleme? Egal! 

Aber das war einmal.

Jetzt redeten wir plötzlich alle schlecht hinter seinem Rücken. Wie abfällig wir es schon betonten: "Diesel." Ja, seine Familie habe zwar aus eigener Kraft die Wirtschaft befeuert. Aber dabei eben auch die Umwelt zerstört, behaupteten wir. Eine Gefahr für andere sei er jetzt. Dabei hatte er nur seinen Job gemacht. 

Er war einer von der alten Garde. Einer, den auf einmal niemand mehr wollte. Andere hatten seinen Platz eingenommen, stromerten auf den Straßen umher oder warteten für einen kurzen Trip gegen Geld an der Ecke, Car2Go, Drive Now und wie sie nicht alle hießen. Wie sollte er mit den jungen Dingern mithalten? 

Not-OP am offenen Herzen, Sommer 2017. 

Noch ein Jahr würde er nicht mehr packen, das war klar. Er war eingerostet, bewegte sich in letzter Zeit zu wenig. Der Umzug nach Hamburg hatte ihm nicht gut getan. Schon direkt nach dem Aufstehen fühlte er sich, als seien die Batterien leer. Kam die Kälte in seinem Inneren vom Winter? Oder war das etwas anderes? 

Immerhin bestand die Chance, dass er jemand anderem das Leben retten konnte. Ich hatte eingewilligt, ihn im schlimmsten Fall Organspender sein zu lassen, seine Teile in anderen Autos weiter leben zu lassen. Der Gedanke war beruhigend, aber er machte mir auch Angst. 

Sollte das Schlimmste passieren, wollte ich ihm einen gebührenden Abschied schenken.

Ich putzte ihn heraus, so gut das eben ging. Besuchte mit ihm "das volle Programm", mit Innenraum, das ich dem bescheidenen Wagen sonst nie gegönnt hatte. Frisch geduscht und nach Limetten-Minze duftend stand er da, mit einem blitzenden Lächeln und den alten, schwarzen Winterschuhen. Klar, er hatte auch die eine oder andere sichtbare Blessur, vor unserer gemeinsamen Zeit hatte er mal mit zu viel Bier im Kopf eine Wand touchiert. 

Aber machten Narben nicht sexy? 

Für seine letzte große Fahrt drehten wir die Musik voll auf, sprangen zwischen "Fuel" von Metallica und "Benzin" von Rammstein hin und her – mit heruntergelassenen Scheiben. Alle sollten ihn hören. Und das taten sie. 

Turn on I see red / Adrenaline crash and crash my head / Nitro junkie, paint me dead / And I see red
"Fuel", Metallica

Wir spürten die Straße unter uns und gaben Gas. Nur noch einmal ans Meer fahren, das wäre es. Ich genoss die leichte Vibration des Lenkrads, er genoss den Wind an seiner silbernen Nase. Die grenzenlose Freiheit. 

Und plötzlich, für einen kurzen Moment, hatten wir eine Vision:

Vielleicht musste es ja gar nicht das letzte Mal sein? Vielleicht würde er doch eine neue Familie finden, eine, die ihn mehr wertschätzte? Würde nicht von mechanischen Kannibalen gefressen und verdaut? 

Wir hatten gehört, dass unser alter Hund nun auf einem Bauernhof lebte, wo er für immer glücklich über Wiesen laufen und Kaninchen jagen durfte. 

Gibt es das Paradies nicht vielleicht auch für ihn? 

Eine ewige Autobahn, deren linke Spur immer frei ist und auf der die Sonne einem immer im Rücken steht? Auf der das Radio immer besten Empfang hat und der Tank niemals leer wird? 

Ich würde es dir wünschen. Mach's gut, alter Freund! 

*Basti ist bento-Redakteur und hat vor kurzem sein erstes Auto verkauft. Es ist ihm nicht gut bekommen.

(Bild: Privat)



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Tumblr sperrt bald Pornos 💔 Hier sind noch schnell die besten Seiten
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Twitter hat Trollbots, Facebook hat rechte Fakeprofile, Instagram hat nur noch Plastik-Perfektion und #Werbung. Zusammen bilden sie einen Sumpf, der sich das "Internet 2018"™ nennt. Wer sich den ganzen Tag durch diesen Sumpf gekämpft hat, kann abends eine Pause gebrauchen. Tumblr war für mich diese Pause; so etwas wie mein Zuhause im Internet. Und was macht man als erstes, wenn man nach Hause kommt? Man zieht die Hose aus. 

Damit ist nun Schluss: Tumblr hat bekannt gegeben, alle "Erwachseneninhalte" und "entblößte weibliche Brustwarzen" ab dem 17. Dezember 2018 weltweit blockieren und löschen zu wollen. (tumblr)

Was ist passiert?

Die Tumblr-App verschwand Ende November plötzlich aus dem App-Store. Der Grund: Nutzer hatten die Site genutzt, um Kinderpornographie zu verbreiten. Die Tumblr-Filter, die das eigentlich verhindern sollten, hatten nicht funktioniert. Tumblr ist damit nicht allein, immer wieder haben soziale Netzwerke das Problem: Facebook zum Beispiel 2013 und 2017, Twitters inzwischen vergessene Livestream-App "Periscope" ebenso 2017

Nun entschied sich Tumblr zu einem radikalen Schritt im Kampf gegen die Kriminellen: Einfach alle Nacktinhalte zu blockieren. Das ist radikal, da Pornographie einen großen Teil der 440 Millionen Blogs in Tumblrs Ökosystem ausmacht. 

Als erster Schritt wurde bereits vor einigen Tagen die Suche nach mit Pornos assoziierten Hashtags (alles von "Ass" bis zu Namen von Darstellern) blockiert.