In der letzten Zeit bin ich kaum rausgegangen. Auf dem Schreibtisch in meinem WG-Zimmer stapeln sich schon seit Tagen benutzte Teller und Tassen. Ich fühle mich antriebslos, schlapp. Und das alles hat einen Grund: Meine Freundin ist gerade im Auslandssemester.

Ich räume auf und denke über die letzte Zeit nach: Meine Freundin ist schon immer viel herumgekommen. Ich bin mein ganzes Leben bisher in einer Stadt geblieben. Deswegen hatte ich mich auch nicht gewundert, als sie ein Erasmus-Semester machen wollte. Traurig macht es mich trotzdem.

Als Außenstehender kam mir Erasmus immer wie ein rücksichtsloses Planspiel vor: Alle trinken und haben Spaß, niemand macht schlimme Erfahrungen, alle haben die beste Zeit ihres Lebens. Anschließend wird erzählt: Wer während des Studiums nicht auch mal ins Ausland geht, der verpasst was.

Was verpassen. Genau das wollte meine Freundin nicht. In der Nacht, bevor sie flog, guckten wir "Pretty Woman" und tranken Federweißer.

Der eine im Ausland, der andere daheim: Kommst du wieder?(Bild: Unsplash)

Die leere Flasche räumte ich erst viele Tage später weg. Überhaupt, seit sie weg ist, bin ich extrem unmotiviert.

Die ersten Tage schrieben wir noch viel und skypten abends. Dann startete für sie die Ersti-Woche an der Uni. Nun höre ich viel unregelmäßiger von ihr. Und ich spüre Verlustängste:

Wirst du jetzt zum Party-Girl, das sich ausprobiert und mich dabei vergisst?

"Statt Angst zu haben, wenn der Partner bis vier Uhr nachts in einem Club war und ihm vorzuwerfen, sich nicht gemeldet zu haben, sollte man sich in Achtsamkeit üben und fragen: Was ist das in mir, das diese Gefühle auslöst?", rät Bettina Schimanski, Paartherapeutin.

"Es gehört dazu, dem Partner mitzuteilen, dass man sich noch nicht allein stabilisieren kann." Vorwürfe und Druck würden da nicht helfen, eher eine Bitte: "Kannst du mich unterstützen, mir das Gefühl geben, mich nicht zu vergessen?"

Es fühlt sich nach einigen Tagen schon etwas weniger furchtbar an, wenn ich höre, dass sie nun abends feiern geht. Ohne mich. Weit weg.

Doch ich verbringe Stunden vor dem Laptop wegen ihr. Ich stalke potenzielle Kontrahenten in öffentlichen Facebook-Gruppen. Bei jedem neuen Instagram-Bild aus der Ferne spüre ich einen kleinen Stich. Als meine Freundin mir erzählt, dass sie jemand um ein Date gefragt hat, verzweifle ich innerlich ein wenig. 

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"Paare sollten schon vor der neuen Zeit klären, wo die Grenzen bezogen auf andere liegen. Dazu gehört, sich zu fragen, wo für einen Untreue anfängt. Für den einen bei kleinen Zärtlichkeiten, für andere beginnt Intimität erst beim Küssen oder miteinander Schlafen", sagt Schimanski.

Zum Glück will meine Freundin nichts von dem unbekannten Austauschstudenten. Sie sagt mir, dass ich mich entspannen soll. Das gelingt mir nur schwer. Wir stellen eine Regel auf:

Lass uns ehrlich damit umgehen, falls wir uns über die Zeit, in der wir uns nicht sehen, in jemand anderen verlieben.

Einen Monat später fühle ich mich etwas sicherer. Meine Freundin und ich gehen süß miteinander um und ich fange an, auch die positiven Seiten am Alleine-Sein zu sehen. "Zu einer reifen Beziehung gehört auch, dem Partner die Möglichkeit einzugestehen, sich für einige Zeit zu entfernen. Daran können beide wachsen", sagt Schimanski.

Sie rät, darauf zu achten, stabil auf den eigenen Füßen stehen zu bleiben: "Der daheimgebliebene Partner sollte den Fokus auf sich selbst richten und auf all die anderen Dinge, die es im eigenen Leben noch gibt. Wir kriegen keine absolute Sicherheit vom anderen. Aber wir können dafür sorgen, dass wir in dieser besonderen Zeit selbst Dinge erleben, die auch unser Leben ausmachen."

Von täglicher Nähe zur extremen Fernbeziehung: Halten wir das aus?(Bild: Unsplash)

Ich habe mir überlegt, mit dem Fotografieren anzufangen und mich beim Unisport anzumelden. Trotzdem hört das nicht auf: Ich zähle die Tage bis zu ihrer Rückkehr und dem großen Tag, dem Abholen am Flughafen. Besonders wenn wir uns mal streiten, verliere ich viel schneller als sonst das Gefühl von Geborgenheit: 

Wie wird das wohl, wenn wir uns wiedersehen?

"Paare müssen nach dem Auslandsaufenthalt erstmal schauen, wie sie den Kontakt von vorher wiederherstellen können. Und das braucht Zeit", sagt Schimanski. Die Therapeutin betont, dass man den Partner in seinem Post-Erasmus-Blues dann nicht unter Druck setzen soll: "Die Frage, ob sich der andere denn gar nicht auf einen gefreut hat, ist dabei ein No-Go".

Vor mir liegen noch sechs Wochen. Dann sehe ich den wichtigsten Menschen in meinem Leben endlich wieder. Mein Zimmer war zwischendurch mal aufgeräumt, aber immer wieder versinkt es auch in Chaos. Es ist schwer, sich zu entspannen. Ich muss es mir immer wieder selbst sagen: Komm runter, lass sie.

Es ist ein Gefühl, das sich hoffentlich endlich löst, wenn der Moment kommt – wenn sie endlich wieder da ist.


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