Bild: bento

Heute weiß er, was richtig und was falsch ist. Früher war das anders. Strich, Punkt, Strich -.-. Wenn Marcel, 22, der eigentlich anders heißt, diesen Code per WhatsApp an seinen Komplizen schickte, wusste der, was zu tun war: "Wir legen jetzt ein Feuer", sagte Marcel damit. Strohballen, Hallen. Alles sollte brennen.

Die beiden trafen sich in ihrem kleinen ländlich gelegenen Heimatort irgendwo in Deutschland, um abgelegene Höfe auszukundschaften. Sitzt da auch niemand im Lkw, der neben der Halle steht? Kommt da auch kein Jogger oder jemand, der Gassi geht?

Als sie sich sicher fühlten, nahmen sie den Brandbeschleuniger und das Feuerzeug. Es dauerte nur Sekunden, bis die Flammen begannen, alles zu zerstören.

Für Marcel war das der Adrenalinkick.

Für wenige Stunden konnte er seine Probleme vergessen: den Streit mit der Freundin, dass er viel zu viel Alkohol trank, und dass nach und nach mehr Anzeigen wegen Diebstahl und Betrug im Briefkasten landeten. Es war wie eine Droge: "Andere haben Heroin genommen, ich habe Brände gelegt", sagt Marcel.

In der Slideshow: So lebt Marcel

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Vor drei Jahren verurteilten ihn die Richter wegen schwerer gemeinschaftlicher Brandstiftung zu dreieinhalb Jahren Haft. Obwohl er noch unter das Jugendstrafrecht fiel, bekam er keine mildere Strafe als die älteren Mittäter. Die Richter bezogen in ihr Urteil mit ein, dass Marcel keine Reue zeigte, sich nicht entschuldigte.

Sein altes Ich legte Marcel zusammen mit seiner Kleidung ab. An Heiligabend vor einem JVA-Bediensteten in U-Haft. "Es fühlt sich an, als ob sie dir deine Persönlichkeit wegnehmen", sagt Marcel. Als er die eintönigen Klamotten der Haftanstalt anzog und sein Handy abgab, begann er sich zu verändern. Da war Marcel gerade 19 Jahre alt und hatte seine 49. Strafanzeige bekommen.

Heute verbüßt Marcel seine Strafe in der Jugendanstalt Hameln in Niedersachsen und absolviert dort eine Ausbildung zum Koch. Während er früher seine Erfüllung darin fand, Hallen in Brand zu setzten, träumt er jetzt davon, in einer gehobenen Küche als Pâtissier zu arbeiten.

Andere haben Heroin genommen, ich habe Brände gelegt.

Wer wissen will, wie Marcel es geschafft hat, die kriminellen Taten hinter sich zu lassen, muss mit ihm am Herd stehen. Jeden Mittag bekochen die Lehrlinge JVA-Bedienstete und Gäste, die vorher durch Sicherheitsschleusen müssen.

Messer, Kelle, Backblech – alles steht geordnet an Marcels Platz, die Arbeitsfläche muss immer sauber sein. Unordnung kann Marcel nicht ab. Nur auf seiner weißen Kochjacke sind ein paar Essensflecken. Die Haare sind an der Seite millimeterkurz geschoren, oben etwas länger gelassen, akkurat gekämmt und gegelt. Er ist vielleicht 1,90 Meter groß, seine Kochhose ist ihm zu weit und etwas zu kurz. Gefängnisausstattung eben.

Er rührt mit der Kelle in dem eimergroßen Soßentopf. Heute gibt es grüne Nudeln mit Hähnchenschnitzel und Tomatensoße. Während Marcel sich früher zu Hause ein Spiegelei oder Bauernomelette in die Pfanne haute, kann er jetzt Stubenküken mit Kürbisfüllung in Cranberry-Soße kochen oder einen warmen Schokokuchen mit flüssigem Kern backen. Sein Lieblingsnachtisch.

“Nicht wieder die Suppe panschen”, ruft er zu einem Kollegen und lacht. Dann ist mit dem Scherzen Schluss, es muss schnell gehen. Eine Besuchergruppe wartet an der Ausgabe auf ihr Menü. Marcel steht am Industrieherd und brät bestimmt zwanzig Schnitzel gleichzeitig darauf an. Seine Handgriffe dauern nur Sekunden.

“Mir bereitet es Freude, neue Gerichte auszuprobieren und das Ergebnis meiner Arbeit zu sehen”, sagt Marcel.

In der Jugendanstalt spürt er Stolz und Anerkennung. Von draußen kannte er das nicht. Dort hatten ihm Bewohner aus seinem Ort nach seinen Taten Prügel angedroht, viele damalige Freunde brachen den Kontakt ab. Mit jemandem, der im Knast sitzt, wollten sie nichts mehr zu tun haben. Doch am Herd ist er ein Vorbild. "Als ich hierher kam, habe ich Köche gesehen und ich wollte genauso werden wie sie. Jetzt bin ich der, bei dem alle sagen: ‘Ich will mal so gut sein wie du.'"

Sein Ausbilder Thomas Heimsoth lobt Marcel für seine Ordnung, den Überblick, den er trotz Stress behält und dafür, dass er viele eigene Rezepte ausprobiert. Erst kürzlich brachte Heimsoth seiner Frau etwas von Marcels Salatdressing mit. Das müsse sie unbedingt probieren.

Marcel lächelt, als Heimsoth das erzählt. Ein seltener Moment, sonst schaut er vor allem ernst.

Ehrlich sein, Gefühle zeigen, über die Familie reden – das hat Marcel erst in der Sozialtherapie gelernt. So richtig kann er es immer noch nicht.

Als er gerade drei oder vier Jahre alt war – er weiß es nicht mehr so genau – bekam seine Mutter die Diagnose Krebs. Der Mann, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt zusammen war, schlug sie und auch Marcel. Der Junge verbrachte einige Zeit bei Pflegefamilien. Erst nach dem Tod der Mutter kam er zu seinem leiblichen Vater.

Wenn Marcel seine Geschichte erzählt, macht er keine Pausen, seine Gesichtszüge bleiben starr, die Augen leer.

“Unser Verhältnis ist schwierig”, sagt Marcel über seinen Vater. "Er ist ein richtiger Soldat, bloß keine Gefühle zeigen, immer das Richtige tun, nie danebenliegen. Es ist schwer, mit ihm über was zu reden.” Doch auch Marcels Vater kann heute loben, erzählt Marcel. "Er sagt mir, dass er stolz und froh ist über meine Entwicklung."

Das bin nicht mehr ich.

Mittlerweile darf Marcel stundenweise die Jugendanstalt verlassen und auch mal über das Wochenende zu seiner Familie fahren. Im Sommer kommt er ganz frei. Vor einigen Wochen war er dort und nahm zum ersten Mal das Handy von damals in die Hand.

Videos zeigten ihn beim Autofahren ohne Führerschein. Auf Fotos posierte er mit einem Geldbatzen. In seinen alten Chats hatte er sich zum Kiffen und Brände legen verabredet. Heute hat er zu den Menschen, die er damals Freunde nannte, keinen Kontakt mehr.

"Diese Person auf dem Handy, das bin nicht mehr ich", sagt Marcel.

Er sei “richtig pissig” auf sich selbst gewesen, als er gesehen hätte, was für ein Poser er damals war.

Schon damals habe er erkannt, dass was falsch lief. Doch erst in der Jugendanstalt kam er davon los – mit Abstand zu seinen kriminellen Freunden, den Gesprächen über seine Familie in der Therapie und weil er etwas fand, in dem er richtig gut ist.

Er sagt mir, dass er stolz und froh ist über meine Entwicklung.
Trotzdem fällt es Marcel immer noch schwer, Anderen zu vertrauen, sagt er.

Wenn er jemanden zum Reden braucht, dann spricht er mit sich selbst. In Gedanken. Es gibt nur eine Hand voll Freunde, die trotz seines Gefängnisaufenthalts zu ihm stehen, ihm Briefe schreiben und erzählen, was sie gerade in ihren Jobs als Verkäuferin oder DJ erleben. Internet ist für die Insassen tabu.

Er hat sich jeweils die ersten Buchstaben ihrer Vornamen auf den Unterarm stechen lassen. Es sind feine Linien in Druckschrift, so wie sie auch auf einem Notizzettel stehen könnten. Als er von seinen Freunden erzählt, fährt er mit der Hand über das Tattoo. Als wolle er seine Liebsten streicheln.

Seine etwa zehn Quadratmeter große Zelle hat er dem gewidmet, was ihm wichtig ist.

An der Wand hängen Familienbilder. Marcel mit seinem Vater und der Stiefmutter, daneben die Halbgeschwister, das Grab der Mutter. Über seinem Schreibtisch ein Plakat mit verschiedenen Fischsorten, Kochzeitschriften liegen akkurat gestapelt davor, die neue schwarze Kochjacke mit den weißen Knöpfen wartet an der Garderobe auf ihren Einsatz.

Wenn Marcel sich heute über etwas aufregt – den Kollegen, der einfach eine rauchen geht, ohne den Arbeitsplatz vorher sauber zu machen, oder den Mitbewohner aus der Wohngruppe, der immer die Waschmaschine blockiert – dann hört Marcel die Rockmusik von "Freiwild".

In seinem Regal stehen mehrere CDs, eine weitere hängt eingerahmt an der Wand. Manchmal reißt er das Fenster hinter den Gitterstäben auf, holt tief Luft und dreht die Musik so laut auf, dass sie auf dem ganzen Gelände zu hören ist.

Dass die Band von vielen als rechts eingestuft wird, ist ihm klar. Aber er findet: "Wenn man genau hinhört, machen sie sich oft über Nazis lustig." Er will die Band weiterhören, weil sie so oft über die Wahrheit singt. Sein Lieblingslied heißt "Weil du mich nur verarscht hast". Wenn er das hört, denkt er an seine Ex-Freundin.

Früher habe er gelogen, um sich Geld zu leihen und seine Straftaten zu verheimlichen. Das will er nicht mehr.

Mit dem Lügen soll jetzt Schluss sein.

Deshalb verheimlicht Marcel auch nicht, dass ihm ein Laster geblieben ist: die Spielsucht. Früher habe er stundenlang PlayStation gezockt, Hunderte Euro bei einem Browser-Game investiert, um schneller ins nächste Level zu kommen. Wenn er freikommt, will er weitermachen mit der Therapie. Dann will er auch ganz offen über seinen Gefängnisaufenthalt reden – auch wenn er sich im Sommer eine Arbeitsstelle sucht. Das gehöre nun einmal zu seinem Leben. Seine Therapeutin riet ihm das Gleiche.

Einen guten Abschluss machen und schnell eine Arbeit finden, das sind jetzt Marcels Ziele. In Niedersachsen, wo er gerne bleiben möchte, gibt es derzeit 915 freie Stellen für Köche. Die Gastronomie zählt laut Bundesagentur für Arbeit zu den Branchen mit dem höchsten Fachkräftebedarf.

Bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände meint man, der soziale Hintergrund der Bewerber spiele keine Rolle, sondern ihre Qualifikation, ihre Berufserfahrung und ihre Persönlichkeit.

Marcel glaubt daran, dass er es schafft. Er ist stolz:

"Ich habe hier alles erreicht, was man in Haft erreichen kann."

Gerechtigkeit

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