Fünf Menschen verraten, wie sie aufgeklärt wurden und was dabei schief ging

Reden wir zu wenig über Sex? Die Frage beantwortet jeder unterschiedlich – je nachdem, wie viel er über Sex weiß und wie viele Erfahrungen er in seinem Leben schon damit gemacht hat.

Erfahrungen, die meistens zu Hause beginnen: am Küchentisch, bei den Eltern, in der Familie, die entweder sehr offen mit Sexualität umgeht, sich allen Fragen dazu stellt. Oder eben nicht. Wer hat uns beigebracht, was Sexualität bedeutet und welche Fragen sind bis heute unbeantwortet?

Das erzählen fünf Menschen, die wir gefragt haben: Wie wurdest du aufgeklärt?


Marcel, 23

Marcel, 23

"Die Elternschaft hat in der vierten Klasse verhindert, dass wir Aufklärungsunterricht in der Grundschule bekommen. Meine Mutter hat sich total aufgeregt, denn einige Töchter ihrer Freundinnen wurden früh schwanger. Als ich mit 16 meine erste Freundin hatte, kam sie peinlich berührt zu mir und fragte, ob ich weiß, wie man verhütet.

Ich hatte nie Sex ohne Kondom, habe aber mehr Angst vor Kindern als vor HIV. Ich muss zugeben, dass ich mich eher wenig damit beschäftige und auch nicht genau weiß, wie es übertragen wird. Es sollte mehr über HIV und andere Geschlechtskrankheiten aufgeklärt werden.

Ich weiß alles, was mich beim Sexualverkehr mit Frauen interessiert. Auch Pornos sind für mich informativ. Auf dem Dorf war es verpönt, über Sex zu reden. Erst im Studium fühlte ich mich befreiter. Ich war zum Beispiel überrascht, dass es für Frauen viele verschiedene Methoden gibt, sich selbst zu befriedigen. Früher dachte ich, dass Vibratoren nur beim Sex eingesetzt werden

Bei meinem ersten Oralsex war ich völlig überfordert. Ich kannte ihn zwar aus Pornos, aber den G-Punkt habe ich lange gesucht. Das hat mir gezeigt: Im Sexualkundeunterricht möchte ich nicht nur erfahren, wie Fortpflanzung funktioniert – sondern auch, wie sie Spaß bringt."

Wie läuft Aufklärung meistens ab? Diese Frau erklärt es – zum Klicken:
Sie sagt: "Oft heißt es, LGTBI oder Behinderung seien überbewertete Randthemen. Das ist aber diskriminierend und hält Jugendlichen Informationen vor."
"Jugendliche brauchen erwachsene Ansprechpersonen."
"Sexualerziehung kann auch in den Deutsch- oder Religionsunterricht integriert werden."
"Schule nimmt ihren Auftrag zur Sexualerziehung nicht ausreichend wahr. Häufig fühlen sich Lehrkräfte nicht ausreichend vorbereitet."
"Das Internet ist ein heimlicher Aufklärer. Jungs nutzen eher Pornografie zur Aufklärung, Mädchen stöbern gern in Foren. Sie wollen wissen, was Gleichaltrige denken."
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Marie, 21

"In der Schule haben wir nicht wirklich über Schwule und Lesben gesprochen. Ich hingegen wusste schon immer, dass ich auf Frauen stehe. Doch der Sex zwischen zwei Gleichgeschlechtlichen und auch die Verhütung war in der Schule nie Thema.

Mein erstes Mal hatte ich mit meiner Nachbarin. Sie war 14, ich 12 oder 13. Sie fragte: 'Wollen wir uns ausziehen und aneinander reiben?' Von da an haben wir Händchen gehalten, bis sie weggezogen ist.

Es sollte mehr Aufklärung über Schwule und Lesben geben
Marie

Ich habe die Aufklärvideos von Ally Hills auf YouTube und Lesben-Pornos geschaut, um zu lernen. Mit 19 habe ich dann meine erste Freundin über eine Dating-Plattform kennengelernt. Wir haben lange mit dem Sex gewartet. Zu Beginn wollte ich nicht berührt werden, sondern habe nur ihren Körper entdeckt. Sie war total verständnisvoll und hat auf mich gewartet.

Es sollte mehr über gleichgeschlechtliche Liebe aufgeklärt werden. Denn ich muss oft nervige Fragen beantworten. Zum Beispiel: 'Wer ist der Mann in der Beziehung?' Das würde in einer aufgeklärten Gesellschaft wohl niemand wissen wollen."

Ali, 25
Ali, 25

"In der dritten Klasse kamen während des Religionsunterrichtes viele Fragen auf. Manche Jungs wollten wissen, was Blasen ist. Ich fragte: 'Warum ist man so aufgeregt, wenn man mit einem Mädchen redet?'

Einer hat sogar den Vibrator seiner Mutter im Unterricht gezeigt. Alle waren total geschockt.

Ich war ein Spätzünder. Körperbehaarung und meinen ersten Samenerguss hatte ich erst spät. Als ich mit 15 mit einer Freundin im Bett war, bekam ich meinen Penis irgendwie nicht rein. Ich wusste auch nicht, wie ich sie anfassen und wohin ich ejakulieren soll.

Was ist Blasen?
Jungs im Unterricht

Ich bin gläubiger Muslim und wurde sehr konservativ erzogen. Mit meinen Eltern habe ich nicht über Sexualität gesprochen. Mein Vater empfahl mir 'Zeitehe'. Ich sollte vor dem Sex mit meiner Partnerin einen mündlichen Vertrag machen, der festlegt, dass wir uns für eine gewisse Zeit einander versprechen

Das mache ich seither. Mit der Regelung will ich verhindern, dass mögliche Kinder islamrechtlich gesehen unehelich zur Welt kommen.

Mein erstes Mal hatte ich dann übrigens mit 19. Ich so nervös, dass nichts mehr bei mir ging. Über das Internet, Bücher und Freunde habe ich mich dann schlau gemacht – und seitdem läuft es gut."

Sophie, 22
Sophie, 22

"Meine Eltern sind super locker. Es wurde nie ein Geheimnis um Sexualität gemacht. Nach meinem Abi bin ich in die Großstadt gezogen. Ich fühlte mich frei, hatte wechselnde Partner und viel Sex. Die Zeit hat mich selbstbewusst gemacht. Ich habe Auspeitschen und Fesseln probiert – und finde es sexy, dominiert zu werden.

Mein jetziger Freund ist querschnittsgelähmt. Am Anfang war ich unsicher, aber wir reden viel miteinander. Ich will alles wissen, weil ich ihn so gerne mag. Sein Oberkörper ist sehr kräftig, nur in den Beinen hat er wenig Gefühl. Ich übernehme nun den aktiveren Part. Die Reiterstellung geht am einfachsten.

Seit seinem Unfall hat er kaum Erfahrung gesammelt, deshalb ist für uns beide vieles neu. Er kann zwar nicht mehr abspritzen, aber erlebt einen intensiven Orgasmus.

Ich finde es schade, dass nur in Behindertenforen und kaum in der Öffentlichkeit darüber gesprochen wird. Auch Menschen mit Beeinträchtigungen brauchen Nähe."

Lisa, 21
Lisa, 21

"Mit 12 habe ich meine Tage bekommen. Binden und Tampons lagen zu Hause rum. Meine Eltern wussten, dass ich schon Sexualkunde in der Schule hatte, deshalb haben wir nicht weiter darüber gesprochen. Typisch für meine Familie, Oma wird sogar knallrot, wenn sie nur das Wort 'Penis' hört.

Mit 17 hatte ich mein erstes Mal. Als Teenager habe ich mich mit meinen Eltern nicht so gut verstanden. Aufgeklärt wurde ich eher in meiner Jugendrotkreuz-Gruppe. Die Gruppenleiterin war immer für uns da. Wenn ich selbst Kinder hätte, würde ich mit ihnen offener über Sex reden. Kinder sollten alle Fragen stellen können. "

Und du? Wie aufgeklärt bist du?

Future

Unser Podcast "Einfach machen": Warum Marcel plötzlich Heimweh hat

Marcel, der alles liegen gelassen hat, um als Schauspieler nach Hollywood zu gehen, meldet sich wochenlang nicht. Was ist los? Er hat keine Workshops mehr und der Antrieb, was Neues zu starten, fehlt auch. Er kommt nicht mehr aus dem Bett. Außerdem ist da so ein Gefühl, das Marcel noch nie hatte: Heimweh.

Kommt er da wieder raus?