Oder bilde ich mir alles nur ein?

In dem kleinen westfälischen Städtchen, aus dem ich komme, gehen die Leute gerne spazieren. Wenn ich früher dort mit meinen Eltern die Wege entlang ging, war es für mich das Größte, mit den Hunden der Passanten zu spielen. Dass ich die Tiere anfassen durfte, war für mich und ihre Besitzer selbstverständlich. Genauso, dass meine Eltern und ich jeden entgegenkommenden Menschen freundlich mit einem "Guten Tag" grüßten.

Bis heute mache ich das so. Ich grüße viele Menschen, die mir in der Öffentlichkeit begegnen. In der Regel lächle ich sie dabei an. Das ist mir wichtig – und freut auch die Anderen: Vor fünf Jahren stieg ich in den Aufzug in einem Bonner Ärztehaus. Eine ältere Dame gesellte sich zu mir. Ich lächelte sie an und sagte "Hallo". Sie lächelte zurück. In der dritten Etage stieg sie aus. Als sie in der Tür stand, drehte sie sich plötzlich um und sagte: "Wissen Sie, für Sie ist das nur ein flüchtiges Lächeln, aber für mich bedeutet das einen ganzen Tag Freude." Klingt kitschig? Sagte sie aber tatsächlich. 

Vor allem ältere Leute reagieren so positiv. In meiner Generation hingegen kommt es mir so vor, als sei Fremde grüßen nicht besonders angesagt. Gleichaltrige sind eher irritiert, wenn ich sie anlächele oder "Hallo" sage. "Kenn ich die?!", lese ich aus ihren Gesichtern.

Warum habe ich das Gefühl, irre oder Hippie zu sein, weil ich Fremden "Hallo" sage?

Mein Eindruck: Außer mir macht das kaum jemand meiner Generation. In meinem Ohr höre ich meine westfälische Oma schimpfen: 

Die Jugend hat doch keine Manieren mehr!

Manieren, das klingt altbacken. Manieren, damit verbindet man: Fremde und Ältere siezen, gerade am Tisch sitzen, und eben: Menschen höflich grüßen. Das alles trägt heute für viele eine dicke Staubschicht. In unserer Start-up-Gesellschaft sind die Hierarchien flach, mit Chefs kommunizieren wir per Du (Kienbaum und Stepstone), die Tür aufzuhalten empfinden manche als prä-emanzipatorische Gepflogenheit. Wir müssen nicht mehr jedes Mal "Gesundheit" sagen, wenn jemand niest (Knigge). 

Man könnte meinen, dass sich unsere Gesellschaft diesbezüglich verändert. Das muss ja nicht einmal heißen, dass wir keine Manieren haben – sondern einfach nur, dass das, was zu Zeiten meiner Eltern noch alltäglich oder höflich war, heute überholt ist. 

Hat meine Oma also Recht? 

Mein Eindruck täuscht mich, sagt Niels Van Quaquebeke von der Kühne Logistics University in Hamburg. Er forscht unter anderem zu zwischenmenschlichem Verhalten.

"Wissenschaftlich gesehen haben wir zwar keine Beweise dafür, dass sich unser Umgang miteinander ins Negative geändert hätte. Aber die subjektive Wahrnehmung kann eine andere sein", sagt er.

Der Forscher ist der Ansicht, dass unsere "medial getriebene" hyperkritische Gesellschaft dazu führt, dass wir meinen, Dinge hätten sich zum Negativen verändert – obwohl vieles beim Alten geblieben ist. 

Auch der Kulturjournalist Thomas Edlinger hat sich damit befasst. Er schreibt in seinem Buch "Der wunde Punkt", dass wir heutzutage permanent dazu aufgefordert seien, Dinge zu bewerten. Wir kritisieren Vieles – gleichzeitig würden wir außerdem mit vielen negativen Nachrichten beschallt, so Wissenschaftler Van Quaquebeke. Daraus resultiere, dass wir meinen, es stehe generell schlimm um die Welt.

Wir werden sensibler – und achten dadurch stärker auf Dinge, die uns vorher egal waren. Vermeintliche Veränderungen treten in den Vordergrund, der eigentliche Status Quo rückt in den Hintergrund. 

Ein Beispiel: Wenn ich durch die Straßen schlendere und bemerke, dass mich weniger Leute grüßen, schließe ich daraus, dass die Gesellschaft distanzierter ist. Dabei ignoriere ich, dass der soziale Zusammenhalt in anderen Bereichen in Deutschland – allgemein betrachtet – besser ist, als angenommen wird (Bertelsmann).

Im Endeffekt bedeutet das, dass es mir möglicherweise nur so vorkommt, dass das Grüßen auf der Straße nicht mehr stattfindet. Van Quaquebeke rät, bei jeder festgestellten Veränderung nicht sofort in eine "Früher war alles besser!"-Mentalität zu verfallen. Es helfe, zuerst die eigene Perspektive zu überprüfen, bevor man vorschnell über gesellschaftliche Phänomene urteilt. Mit dieser Taktik könnten vielen Menschen kostbare Energie sparen, die sie zum Aufregen über nur vermeintlich schlechte gesellschaftliche Zustände nutzen.

Für mich bedeutet das, dass ich gelassen weiter Fremde anlächeln und grüßen kann – ohne zu denken, dass mich alle für eine gut gelaunte Irre halten. Weil sie es womöglich gar nicht tun – sondern sich freuen. So, wie die alte Dame im Aufzug.

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Fühlen

Amed wurde vom Muslim zum Atheisten – und wird deshalb bedroht

Amed wächst in einer strenggläubigen Familie im Nordirak auf. Seine Familie glaubt an Allah, also tut es Amed auch. Er schaut Makkah TV, hört entsprechende Radio-Sender und lernt in der Schule, dass der Glaube wichtiger ist als das Wissen. Nie kommt er auf die Idee, den Koran in Frage zu stellen. 

Mit 14 kommen Amed die ersten Zweifel.

Als er durch Facebook scrollt, stößt Amed per Zufall auf eine kurdische Seite, die den Atheismus stützt. Stundenlange informiert er sich und kommt zum Schluss: Die Evolution beantwortet seine Fragen besser als Religion. Er verbrennt heimlich den Koran, um zu sehen, ob Allah ihn dafür bestraft. Als nichts passiert, steht für Amed fest:

Ich bin Atheist.

Amed weiß, dass weder seine Eltern noch seine Nachbarn, Lehrer oder Freunde das akzeptieren würden. Trotzdem entscheidet er sich dafür, die Abkehr vom Glauben öffentlich zu machen. Eine Hetzjagd beginnt. Er wird tagelang im Gefängnis gefoltert, findet sein Gesicht in der Zeitung wieder, wird ständig bedroht. 

Amed ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. 

Letztlich hilft nur noch eines: Die Flucht nach Deutschland. Hier angekommen, glaubt er, endlich frei seine Meinung äußern zu können, ohne sich fürchten zu müssen. Er wird eines Besseren belehrt. Auch hier erhält Amed Morddrohungen - von radikalen Muslimen und Rechtsradikalen. 

So erzählt er es und so steht es auch im Asylentscheid, der bento vorliegt.

Amed gibt nicht auf. Er engagiert sich als Aktivist und wird plötzlich von der AfD umworben. Ein Ex-Muslim, der den Islam kritisiert? Her damit! Aber Amed lässt sich nicht instrumentalisieren. Er gehöre zu keiner politischen Partei und lasse sich nicht zu deren Werkzeug machen. 

Im Video erzählt er, warum es für ihn so wichtig ist, öffentlich über seinen Atheismus zu sprechen.

Diese Bekenner-Videos sind bereits erschienen: