Bild: Leonie Hallet / bento
Nach Abzug aller Kosten hat sie noch 130 Euro pro Monat.

Die Läden in Hamburgs Fußgängerzone sind voll. Überall Kauflustige, überall Angebote. Aus den Schaufenstern brüllt es: "Sale!" 

Jana fühlt sich in diesem Teil der Stadt fremd. Hier spürt sie ganz besonders: Sie hat kaum Geld. Und das Zentrum dieser Stadt ist für Menschen gemacht, die konsumieren können und wollen. Nicht für sie.

Jana ist 23, lebt in Hamburg, studiert Soziale Arbeit. Sie ist eine Ausnahme unter Studenten: ein Arbeiterkind. Trotz all der Bemühungen, die sozialen Schichten in Deutschland durchlässiger zu machen, trotz all der politischen Bekundungen für mehr "soziale Mobilität" spürt Jana oft, dass sie eine Seltenheit ist. 

Ihr Vater, ein Zimmermann, und die Mutter, Friseurin, trennten sich, als Jana ein Jahr alt war. Bei ihr wuchs Jana auf, den Vater sah sie trotzdem regelmäßig. 

Wegen ihrer Eltern unterscheidet sie sich in vielem von ihren Kommilitonen: Sie können ihr nicht helfen, wenn es darum geht, wie man Kurse wählt, Praktika ergattert oder Stipendien organisiert. Und: Sie können sie finanziell kaum unterstützen.

(Bild: Leonie Hallet / bento)

Das Geld, das Jana jeden Monat zur Verfügung hat, ist schnell aufgezählt: Bafög und Kindergeld. Das sind zusammen knapp 700 Euro. Jana bekommt nicht den Bafög-Höchstsatz, sondern 490 Euro.

Armut in Deutschland

Als "armutsgefährdet" gilt in Deutschland, wer im Jahr weniger als 12 726 Euro zur Verfügung hat - also weniger als 1060 Euro pro Monat. 

Zieht sie ihre Fixkosten ab, bleiben ihr im Monat 130 Euro für Lebensmittel, Kleidung, Wochenenden.

Nach dem Abitur machte Jana ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten, anschließend begann sie eine Ausbildung zur Notarfachangestellten, die sie aber abbrach, weil sie lieber studieren wollte. Soziale Arbeit. Seit einem halben Jahr ist sie dabei. 

Äußerlich unterscheidet Jana sich nicht von denen, die an diesem Nachmittag mit vollen Tüten durch die Innenstadt hetzen. Schwarze Jacke, Stiefel, Schal, die Haare als Dutt geknotet. 

Jana und das Schaufenster: "Das ist ein Zwiespalt"(Bild: Leonie Hallet / bento)

Aber Jana hat sich seit Monaten keine neuen Klamotten mehr gekauft, sie geht nicht feiern und fährt nicht für Wochenenden an die Nordsee, wie es viele Studierende tun. Sie kauft nicht bei Rewe, sondern bei Aldi – und sie läuft rot an, wenn sie das erzählt. Das alles ist natürlich nichts besonderes – Millionen Deutschen geht es ähnlich. Nur: Jana kommt den Unterschied besonders zu spüren, weil sie in einer anderen Umgebung ist. 

Ja, fast alle Studenten sind nach klassischen Definitionen arm. Aber die wenigsten von ihnen sind es wirklich. Weil sie Eltern haben, die einspringen, die ihren Kindern etwas Gutes tun wollen und es sich leisten können.

Es sind diese Kleinigkeiten, die sich aufsummieren und die Jana spürt, wie schon die Tatsache, dass ihre Eltern nichts von Kursen oder Semesterferien wissen, dass sie keine Tipps für Praktika oder Stipendien haben, dass sie nie wirklich verstehen können, was ihr Kind gerade macht. Das ist nicht böse gemeint – sie kommen nur aus einer anderen Welt. Einer, in der Armut eine echte Gefahr ist.

Jana trägt keine Lumpen, geht nicht zur Tafel und schläft auch nicht auf der Straße. Trotzdem zehrt die Rechnerei an ihren Kräften.

Und sie hat ständig das Gefühl, Rechenschaft ablegen zu müssen. Da ist zum Beispiel ihre Wohnung. Eine eigene Wohnung, das ist für eine Studentin in Hamburg natürlich teuer. Aber Jana wollte nicht mehr bei ihrer Mutter leben. Sie sehnte sich nach Selbstständigkeit. Sie versuchte es in WGs. Aber sie fühlte sich dort nicht wohl.

Sie weiß, dass manche Menschen der Meinung sind, man dürfe sich nicht mehr über Geldsorgen beschweren, wenn man sich als Studentin so etwas wie eine eigene Wohnung leistet.

Aber genau das macht relative Armut ja so schwierig: Man hungert nicht. Man schläft nicht auf der Straße. Aber man kann auch nicht an allem teilhaben, was für andere normal ist. Wenn man sich für eine Sache entscheidet, muss man bei anderen hart zurückstecken. Jana entschied sich für einen Ort, an dem sie sich zu Hause fühlt. 

So wenig Geld wie jetzt gerade hatte ich noch nie
Jana

Um ihre Miete und die Studiengebühren zahlen zu können, hat Jana sich schon mal Geld von ihrer besten Freundin geliehen.

"Es ist unangenehm", sagt sie. "Ich bin ein stolzer Mensch. Schulden zu machen fühlt sich scheiße an." Doch lieber fragt sie einmal nach viel als jede Woche nach ein bisschen – deswegen bat sie die Freundin schon mal um 1000 Euro. "Sie merkte, wie schwer mir das fiel. Und gab mir das Geld."

Schaufenster in Hamburg: "Schulden zu machen fühlt sich scheiße an"(Bild: Leonie Hallet / bento)

Es ist diese Freundin, die finanziell das genaue Gegenteil von Jana ist: Sie hat Eltern, die sie unterstützen. Sie kann sich ohne Probleme ein Konzertticket oder den Mantel im Schaufenster leisten, den Jana gerade betrachtet. 

Zu Hause war es selten ein Thema , dass nicht viel Geld da ist. "Wir hatten verstanden, dass unsere finanzielle Situation sich nicht ändert, wenn wir jeden Tag darüber reden", sagt Jana. "Und meine Eltern werden auch nicht reich davon, wenn ich ständig jammere. Sie haben sich einfach beschissen bezahlte Jobs ausgesucht." 

Statt mit ihrer Mutter shoppen zu gehen, vor Geburtstagen Wunschlisten auszufüllen oder Urlaube zu planen, lernte Jana, wie man den Haushalt sauber hält. "Meine Mutter zeigte mir, wie man richtig wirtschaftet." Wie man den Wocheneinkauf plant, wie man mit Lebensmittel so umgeht, dass sie nicht verschwendet werden. Ein- und Ausgaben kamen ins Haushaltsbuch.

Ein armes Kind zu sein heißt, Angst vor Klassenfahrten zu haben. Fahrten, auf die sich alle Monate freuen.

"Aber wenn ich mit dem Brief, der die Klassenfahrt ankündigte nach Hause kam, wurde meine Mutter blass", sagt Jana. "Ein ekliges Gefühl." Damit Jana auch mal mitkonnte, machte die Mutter Überstunden

Als in Janas Klasse mehrere Kinder neue Schulranzen bekamen, Jana auch einen "Eastpak" wollte, bekam sie keinen. Der alte Ranzen müsse reichen, sagte die Mutter, für einen neuen sei einfach kein Geld da. Während Janas Freundinnen zu ihren Geburtstagen die ganze Klasse ins Kino einluden, feierte Jana immer zu Hause. 

"Das ist der Grund, warum ich ein Studium mache", sagt Jana. "Ich hoffe, dass ich irgendwann mehr Geld verdiene als meine Eltern, damit Geld bei meinen Kindern irgendwann nicht so eine große Rolle spielt."

Jana in der Innenstadt: "Der Grund, warum ich ein Studium mache"(Bild: Leonie Hallet / bento)

Über der Hamburger Mönckebergstraße hängen graue Wolken, an den Bäumen bunte Plakate. Festivalsaison, sagt Jana. "Summerjam" und "Plötzlich am Meer". Ihre Freunde werden auch dieses Mal von den Headlinern der großen Festivals berichten. Die Tickets für das "Hurricane" und "Rock am Ring" kosten in diesem Jahr fast 200 Euro. Für Jana fast zwei Monat Essen.

"Es gibt etwas, das noch schlimmer ist, als durch die Innenstadt zu laufen", sagt Jana. "Sogar, wenn ich zu Hause auf meinem Sofa sitze und am Handy bin, sehe ich online, was ich nicht habe. Ich will nicht auch noch auf Instagram verzichten müssen. Aber dieses Gepose gibt mir sogar zu Hause das Gefühl, dass ich weniger habe." 

Sogar, wenn ich auf meinem Sofa sitze, sehe ich, was ich nicht habe
Jana

Sie ist froh, dass es Instagram und Facebook noch nicht gab, als sie zur Schule ging, sagt Jana. "Keine Ahnung, wie ich damals mit so einem Druck umgegangen wäre." 

Kurz vor dem Hauptbahnhof leuchtet ein Fenster, darin drehen sich Lego-Raumschiffe. Zwei Jungen kleben an der Scheibe. "Ich will bei meinen Kindern in solchen Momenten nicht immer Nein sagen müssen", sagt Jana. Sie weiß, dass sie auf einem guten Weg ist, dass Armut sie wahrscheinlich weniger bedrohen wird als ihre Eltern. Aber bis sie das geschafft hat, muss sie durchhalten, in einer Welt, die für Menschen mit Geld gebaut wurde. 


Gerechtigkeit

Wo ist der Baum, den Trump und Macron gepflanzt haben?
Geschenke muss man annehmen

Als der französische Präsident Emmanuel Macron zusammen mit seiner Frau Brigitte vergangenen Montag den US-Präsidenten Donald Trump und seine Frau Melania besucht hat, ließ er es sich selbstverständlich nicht nehmen, auch ein Geschenk an die Gastgeber mitzubringen. 

Was die Trumps bekamen? Eine französische Eiche aus einem Wald in Belleau, nordöstlich von Paris. Der Wald, in dem kurz vor Ende des ersten Weltkriegs fast 2000 US-Marines ums Leben kamen. (SPIEGEL ONLNE)

Der Baum wurde von den Präsidenten sehr symbolträchtig vor dem weißen Haus gepflanzt. Das Bild ging um die Welt – und wurde zum lustigen Meme. (bento)

Am Samstag dann große Verwirrung: Fotografen bemerkten bei einem Termin im Weißen Haus, dass der Baum weg ist.