Bild: Getty Images / Jamie Squire
Frankreich steht nicht für Terror.

Als ich Freitagmorgen aufgewacht bin, schaute ich verschlafen auf mein Handy, entzifferte die ersten Nachrichten und setzte mich abrupt auf.

Nicht schon wieder. Nicht wieder in Frankreich.

84 Tote in Nizza, weil ein LKW in eine Menge gefahren ist. Ich habe das Bild deutlich vor mir. Familien, Paare, Jugendliche, Kinder, die am Strand standen und in den Himmel schauten. Die verzückten Aufschreie der Kinder, verzaubert vom Feuerwerk.

Camille im Frankreichurlaub(Bild: Camille Vern)

Ich bin Französin, aber in Deutschland aufgewachsen. Gerade mache ich mit meiner Familie Urlaub in Südfrankreich. Am Donnerstagabend hatte mich das Knallen der Raketen geweckt. Im ersten Moment konnte ich es nicht richtig zuordnen, dachte an Explosionen, dann erinnerte ich mich an den Nationalfeiertag und schaute mir vom Balkon aus die letzten blau-weiß-roten Funken am Himmel an.

Zur gleichen Zeit starben in Nizza Menschen.

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen, die auf die Charlie-Hebdo-Anschläge am 7. Januar 2015 folgten. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Satire, Demokratie. Es ging mehr um Journalismus und um die freie Meinungsäußerung, weniger um Frankreich. Selbst im beschaulichen Weimar, wo ich zu dem Zeitpunkt studierte, nahmen sowohl Deutsche als auch Franzosen an einem Gedenkmarsch teil.

Im Slider: Eine Übersicht der Anschläge in Frankreich
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Am 13. November 2015 traf es jeden, der gerade zufällig in einem Pariser Café saß, an einem Konzert teilnahm oder durch ein angesagtes Quartier spazierte. Viel zu schnell gewöhnte man sich danach an Taschenkontrollen vor jedem Einkaufszentrum und an schwer bewaffnete Soldaten in den Straßen.

Pariser zündeten Kerzen an und hielten Reden zu Ehren von Demokratie und Freiheit. "Wir haben keine Angst!", skandierte die westliche Welt. "Wir werden weiterhin abends ein Bier oder ein Glas Wein trinken und Konzerte besuchen." Und doch wurden Konzerte und Veranstaltungen abgesagt. Die Angst war da, auch wenn alle versuchten, sie zu unterdrücken.

Donnerstag, acht Monate und zwei Tage später, trifft es erneut die französische Republik. Den Nationalfeiertag, den Sturm auf die Bastille, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit. Es trifft Urlauber am Strand. Es herrscht Fassungslosigkeit, Trauer, Schock, wieder Angst und die Frage:

War es ein Anschlag? Wird sich wieder der "Islamische Staat" bekennen?

Nach jedem Anschlag bekam ich Nachrichten von deutschen Freunden, die Frankreich in mir sahen. Das verletzte, angegriffene Frankreich. Das arme Frankreich, das erneut unter Anschlägen leidet. Das Frankreich, das erneut Opfer an den Krieg gegen den Terrorismus verloren hat.

Frankreich steht heute für viele für die terroristischen Anschläge der vergangenen 18 Monate. Charlie Hebdo, #Parisattacks, der Ausnahmezustand, nun der weiße LKW in Nizza, hinter dem der französische Präsident François Hollande und viele andere instinktiv einen "Terrorakt" vermuteten. Inzwischen hat der "Islamische Staat" gesagt, der Attentäter sei ein Soldat des IS gewesen. (SPIEGEL ONLINE I) Ob’s stimmt, man weiß es derzeit noch nicht. (SPIEGEL ONLINE II) Für mein Gefühl macht es derzeit auch keinen Unterschied.

Am Morgen nach der Tat schüttelte meine Mutter mit Tränen in den Augen den Kopf und sagte: "Ça ne s’arrêtera jamais!" "Es wird nie aufhören!". Ich denke an meine 11-jährige Schwester, die bei den Fernsehbildern, die Augen aufreißt.

Und ich denke: Das ist nicht Frankreich!

In der Fotostrecke: Wofür Frankreich steht
Frankreich steht für das gute Leben und Essen, für Wein und Käse.
Für die Côte d’Azur, die wunderschönen Berge und Strände.
Für Lebensfreude und Gelassenheit.
Nicht zu vergessen: der Eiffelturm.
"Ich möchte nicht zulassen, dass Fanatiker mein Heimatland in ein gefährliches, angsterfülltes Land verwandeln."
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Frankreich ist das gute Essen, Käse, Wein. Der Eifelturm, die Berge und die wunderschönen Strände. Die Bretagne und die Côte d’Azur. Paris, die Stadt der Liebe, der Mode, der Kunst, der Kultur. Frankreich ist ein Land mit verschiedenen Hautfarben und Lebensweisen. Ein Land mit einer spannenden Geschichte – die französische Revolution, Vorreiter der Demokratie, der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, eine der Gründernationen der Europäischen Union.

Ich möchte nicht zulassen, dass Fanatiker mein Heimatland in ein gefährliches, angsterfülltes Land verwandeln. Ich möchte nicht, dass Menschen zögern, bevor sie ein Flugticket nach Paris buchen. Ich möchte allen Menschen das schöne Frankreich zeigen, das Boule spielt und Rosé trinkt. Die engagierte Jugend, die etwas bewegen möchte, die eigene Projekte ins Leben ruft und gegen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus kämpft. Die Fußball-Nationalmannschaft, die das Land stolz gemacht und in Feierstimmung versetzt hat.

Auch das ist Frankreich!

Und ich möchte meine Mutter in den Arm nehmen können und ihr versichern, dass die Angst doch eines Tages aufhört.

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