Bild: dpa/Peter Macdiarmid/Pool
Vor rund zehn Jahren griffen Terroristen London und Madrid an. Die Spanierin Lucia, 29, und der Engländer Fred, 23, erzählen, wie sie die Wochen und Monate nach den Anschlägen erlebten - und wie es ihnen heute geht.

Nach den Anschlägen in Paris stellt sich vor allem eine Frage: Wie geht es jetzt weiter? Wie werden die nächsten Wochen, Monate, Jahre?

Lucía hat den Anschlag in Madrid (11. März 2004), Fred den in London (7. Juli 2005) erlebt. Hier erzählen sie, wie sie diese Zeit wahrgenommen haben – und wie sehr die Anschläge sie heute noch begleiten.


Lucia, 29, aus Madrid, zum Zeitpunkt der Anschläge 18 Jahre alt
(Bild: Privat)

Wie jeden Tag fuhren mein Bruder und ich mit dem Auto zur Uni, sie ist ganz in der Nähe des Atocha-Bahnhofs. Ich weiß noch, dass wir an diesem Morgen eine CD hörten und kein Radio. Als wir uns Atocha näherten, sahen wir viele Fahrzeuge mit Blaulicht. Die Stimmung war irgendwie erregt, auf den Straßen war mehr los als sonst, es war ein Durcheinander. Irgendetwas war passiert.

In der Uni wussten sie schon Bescheid: Es lief eine Nachrichtensendung; sie sagten, dass es Explosionen gegeben hatte, in Zügen auf dem Weg nach Atocha. Man wusste nicht, wie viele Explosionen es gewesen waren, man wusste nicht, welcher Schaden verursacht worden war. Am Anfang sprachen sie von zwei oder drei Toten, im Laufe des Morgens stieg die Zahl im Minutentakt.

Was nie vorbeigeht, sind der Schmerz und die Erinnerung.
Lucía

Niemand konnte glauben, was wir auf den Bildschirmen sahen. Wir dachten – wir hofften – es wäre ein Scherz. Wir sahen die erschrockenen Gesichter der Nachrichtensprecher. Mit jeder neuen Information wurde realer, was passiert war.

An diesem Morgen fühlte ich mich so machtlos. Ich verstand einfach nicht, was passiert war, und warum es passiert war. Ich dachte an all die Personen, die gestorben waren, versuchte, sie mir vorzustellen, dachte an ihre Familien und an die Zukunft, die sie nicht hatten. Ich konnte es einfach nicht verstehen. Warum hatte es sie getroffen, warum genau diese Menschen?

Wir saßen im Klassenzimmer und machten Unterricht. Was sollten wir auch sonst tun? Alle waren unruhig und aufgebracht, wir Studenten und die Dozenten. Nach ein paar Stunden brachen wir den Unterricht ab und fuhren nach Hause.

Später erfuhr ich, dass unsere Haushälterin in einem der Züge gesessen hatte, in dem eine Bombe explodierte. Sie wurde nicht verletzt, nicht körperlich. Aber sie war dort, sah, was passierte. In den folgenden Monaten war sie in psychologischer Behandlung. Sie war wie ausgewechselt, als würde sie selbst nach Monaten noch unter Schock stehen.

(Bild: epa/Efe Barrenechea)

Die Anschläge am 11. März 2004 waren eines der gravierendsten Attentate, das Spanien je erlebt hat. So viele Menschen starben. Die Presse überschwemmte uns mit Informationen und trotzdem gab es nichts, woran man sich festhalten konnte. Es wurde lange spekuliert, wer hinter den Anschlägen steckte, die ETA wurde verdächtig, dann islamistische Terrorgruppen. Madrid war tieftraurig in diesen Tagen. Auch wenn man die Menschen, die gestorben sind, nicht kannte: Sie waren unsere Geschwister, sie lebten in Spanien, sie hatten die gleichen Rechte wie wir.

Am 12. März, dem Tag nach den Anschlägen, gab es eine Demonstration im Gedenken an die Opfer. Ich war dort. Ich gehe sonst nicht auf Demos, aber an diesem Tag war ganz Madrid auf den Straßen. Natürlich hatte ich Angst. Ich wusste, dass viele Menschen dort sein würden. Wir fühlten uns alle so hilflos, meine Freunde, meine Familie, ich – es ging uns allen gleich. Niemand konnte irgendetwas tun. Aber wir konnten gemeinsam durch die Straßen laufen.

So ein Ereignis nimmt dir die Unschuld, die Naivität. Heute ist mir bewusst, dass Terrorismus ein Thema ist, das uns alle betrifft, das uns alle treffen kann. Man darf nicht in ständiger Angst leben, man muss sein Leben normal weiterführen, aber man sollte sich der Gefahr bewusst sein.

Ich gehe sonst nicht auf Demos, aber an diesem Tag war ganz Madrid auf den Straßen.
Lucía

Die Angst, die dich in den ersten Tagen nach den Anschlägen ständig begleitet, geht vorbei. Was nie vorbeigeht, sind der Schmerz und die Erinnerung. Ich fühlte dieses Attentat, es fand in meiner Stadt statt. Jedes Mal, wenn in einer anderen Stadt etwas passiert – wie in Paris – katapultiert mich das zu meinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen zurück.

Die Presse zeichnet ein bestimmtes Bild von den Terroristen, wie sie aussehen, wie sie sich kleiden. Oft assoziiert man die Bilder des Terrors reflexartig mit Muslimen. Das darf nicht sein. Wir müssen durch die Straßen gehen und daran glauben können, dass die Person neben uns uns nichts tun wird. In der Zeit direkt nach den Anschlägen ist das nicht einfach. Aber mit der Zeit verblassen auch diese Bilder.

Heute denke ich nicht mehr täglich an die Attentate. Aber es gibt viele Dinge, die mich daran erinnern. Atocha wird immer in Verbindung mit den Bomben stehen.

(Bild: dpa/Eduardo Abad)

Fred, 23, aus London, zum Zeitpunkt der Anschläge 13 Jahre alt
(Bild: Federico Ercoli)

Ich saß mit meiner Klasse im Computerraum, als die Anschläge passierten. Die Lehrer brachten alle Schüler in die Aula: Wir dachten zuerst, es würde brennen; dann sagten sie, dass es Anschläge gegeben hatte, dass Menschen gestorben seien – wie viele sagten sie nicht. Alles war sehr verwirrend. Wenn du so jung bist, verstehst du nicht, was da genau passiert. Ich dachte nur: Warum bin ich nicht in meinem Klassenzimmer, warum bin ich hier, was ist los? Ich war durcheinander, ich wollt zurück an meinen Computer.

Wir blieben den ganzen Tag in der Schule; es war viel zu gefährlich, nach Hause zu gehen. Abends holten mich meine Eltern mit dem Auto ab. Auf dem Heimweg begann ich zu begreifen, was passiert war: Die ganze Stadt war in Aufruhr, Polizisten mit Gewehren marschierten durch die Straßen. Klar, ich hatte solche Szenen im Fernsehen gesehen, ich erinnerte mich an 9/11. Aber erst am 7. Juli 2005 bekam ich Angst; auf einmal war der Terror ganz nah. Meine Gedanken kreisten um eine Frage: Warum?

Mich hat überrascht, wie schnell die Menschen einander wieder vertrauten.
Fred

Die Anschläge passierten an einem Donnerstag. Der Freitag danach war seltsam: Ich war irgendwie melancholisch – nicht mehr verwirrt oder verängstigt, eher müde. London fühlte sich an wie eine Geisterstadt, niemand war unterwegs, Schulen und Geschäfte hatten geschlossen, alles war still. Es war ein bisschen wie an Weihnachten, da ist auch niemand auf der Straße. An das Wochenende erinnere ich mich kaum; ich weiß nur noch, dass mein Rugby-Spiel abgesagt wurde.

Am Montag ging ich wieder ganz normal zur Schule. Als ich in den Bus stieg, war ich ein bisschen nervös, aber richtig Angst hatte ich nicht – zumindest erinnere ich mich nicht daran. Meine Eltern waren viel unruhiger als ich, vor allem meine Mutter: Sie hatte Angst, meinen Bruder und mich nach draußen zu lassen.

Die ganze Stadt kehrte am Montag wieder weitgehend zu Normalität zurück. Das soll nicht heißen, dass die Londoner die Anschläge vergessen hatten, aber sie lebten ihr Leben weiter: Sie gingen zur Arbeit, nahmen die U-Bahn; so weit es ging, fuhren die U-Bahnen am Montag wieder normal. Ich weiß noch, dass mich das stolz machte: Es war ein Zeichen von Solidarität, ein Beweis dafür, dass London stärker ist als die Terroristen.

(Bild: epa/Handout)

Mich hat überrascht, wie schnell die Menschen einander wieder vertrauten. In einer Situation wie dieser kann es leicht passieren, dass man die Person neben sich anschaut und nervös wird, vor allem wenn sie offensichtlich ausländische Wurzeln hat; die Berichterstattung über die Täter trägt ihren Teil dazu bei. Doch die Londoner reagierten anders: Am deutlichsten zeigte sich das für mich darin, dass sie schon am Montag wieder U-Bahn fuhren. Sie hätten andere Wege finden können, um von A nach B zu kommen.

Der Schockzustand war scheinbar schnell vorüber, das normale Leben kehrte zurück. Trotzdem: Eine gewisse Anspannung blieb. Über Monate hinweg gab es immer wieder Bombenalarm: Vergessene Pakete an Bahnhöfen, herrenlose Koffer an Flughäfen – Dinge, über die man normalerweise kein zweites Mal nachdenkt, machten die Menschen nervös. Man fühlte sich nirgendwo sicher.

Mich verfolgte vor allem ein Bild: der zerstörte Bus in Tavistock Square. Er stand in Stücke zerfetzt mitten auf der Straße, flankiert von makellosen Gebäuden und grünen Bäumen. Dieses Bild wird für immer in meinem Kopf bleiben. Ich erinnere mich auch an Bilder von Menschen, die hustend und blind aus den U-Bahn-Stationen rennen und an Rauch, der aus den Ausgängen quillt. Aber erst, als ich den Bus sah, realisierte ich: Das ist echt. In den U-Bahn-Tunneln gab es keine Kameras, man sah nicht genau, was passiert war, wie die Züge aussahen. Bei dem Bus war das anders: Man erkannte deutlich, dass es ein roter Bus war, ein Symbol Londons, das auf barbarische Weise zerstört worden war. Ich fuhr mit der gleichen Art Bus zur Schule.

Wir leben nicht in Angst, aber wir wissen, dass es jederzeit wieder passieren kann.
Fred

Bis heute habe ich ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn ich das Bild sehe. Ich habe nicht ständig Angst, wenn ich den Bus nehme oder in die U-Bahn steige; irgendwann verdrängt man das. Aber seit den Anschlägen in Paris denke ich wieder häufiger daran.

Glücklicherweise war niemand, den ich kenne, persönlich von den Anschlägen betroffen. Deshalb sind sie in meinem Kopf wahrscheinlich weniger präsent als bei anderen. Wenn ich an die Anschläge denke, fühlt es sich an, als würde ich durch ein Fenster gucken: Sie sind irgendwie weit weg, aber trotzdem präsent.

Seit den Anschlägen ist mehr bewaffnete Polizei in London unterwegs. Klar, bei Events wie dem Karneval in Notting Hill waren schon vorher Polizisten anwesend, aber jetzt sind sie präsenter – und sie tragen große Gewehre bei sich. Ich glaube, das ist das einzige, was sich verändert hat.

Nach dem 7. Juli 2005 hatten alle Angst vor neuen Anschlägen. Ich würde sogar behaupten, dass diese Angst bis heute fortbesteht – nicht nur in London, sondern in jeder größeren Stadt im Westen. Wir leben nicht in Angst, aber wir wissen, dass es jederzeit wieder passieren kann. Alle paar Jahre gibt es einen solchen Anschlag: erst 9/11, dann Madrid, dann London und jetzt Paris; alle paar Jahre wird unser Lebensgefühl angegriffen. Aber das hält uns nicht davon ab, nach draußen zu gehen und unser Leben zu leben.

Uns ist bis heute schmerzlich bewusst, was damals passiert ist und wir sind immer noch traurig darüber – aber das wird nicht verändern, wer wir sind und wie wir leben. Das Ereignis wird mich ein Leben lang begleiten – und die Reaktion Londons wird mich ein Leben lang stolz machen.

(Bild: epa/Parnaby)