Bild: Sven Sindt
Der Ex-Sänger von Jupiter Jones über seine Angststörung und sein erstes Konzert nach der Krise.

Als Sänger der Band Jupiter Jones feierte Nicholas Müller große Erfolge. Das Lied "Still“ war 2011 das meistgespielte deutschsprachige Lied im Radio. Danach ging es weiter nach oben: ausverkaufte Konzerte, Goldene Schallplatte, Platinplatte, Echo-Preis. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs stieg Müller aus, nach zwölf Jahren. Eine Angststörung zwang ihn dazu.

(Bild: Viktor Schanz)

Seit diesem Freitag ist er nun zurück. Gemeinsam mit dem Musiker Tobias Schmitz hat er die Band "von Brücken“ gegründet und das Album "Weit weg von fertig“ aufgenommen. Schon die ersten Singles "Gold gegen Blei" und "Lady Angst“ zeigen, dass er den Kampf gegen seine Dämonen aufgenommen hat. Bis dahin war es aber ein langer Weg.

Nicholas, beim Reeperbahn Festival in Hamburg hast du nach über anderthalb Jahren wieder ein Konzert gespielt. Wie hat sich das angefühlt?

Kurz vorher stand ich hinter der Bühne und dachte: Oh Gott, ich habe Angst. Dann habe ich gemerkt, es ist Lampenfieber, so wie es viele Musiker vor einem Auftritt haben. Das war fantastisch. Auf der Bühne hätte ich dann ewig weiterspielen können.

Anfang 2014 bist du wegen einer Angststörung bei deiner Band Jupiter Jones ausgestiegen. Ein ungünstiger Zeitpunkt: Ihr hattet gerade ein neues Album veröffentlicht und wolltet wenige Wochen später auf Tour gehen.

Meine Frau war außerdem im achten Monat schwanger. Aber ich konnte einfach nicht mehr. Jeder Termin, jeder Auftritt, jede Probe war für mich eine unüberwindbare Aufgabe. Ich hatte blanke Panik auf die Bühne zu gehen.

Wann begann diese Angst?

Es gibt nicht den einen Moment. Ich weiß aber, wann ich meine erste Panik-Attacke hatte: Auf der Beerdigung meiner Mutter, da war ich 24. Kurz zuvor war meine Oma gestorben, die mich mit aufgezogen hat. Ich habe meine tote Mutter betrauert, und dann kam die Panik. Ich war der Überzeugung, dass auch ich jetzt gehe.

Hitzewallungen, Übelkeit, Herzrasen, Kaltschweiß.
Nicholas Müller

Wie fühlt sich so eine Attacke an?

Die Panik fühlt sich an wie sterben. Mir ist dabei immer schwindelig geworden. Nicht dieser besoffene Schwindel, sondern stärker und mächtiger. Dazu hatte ich Hitzewallungen, Übelkeit, Herzrasen, Kaltschweiß.

Schließlich wurde bei dir eine Angststörung diagnostiziert, eine der häufigsten psychischen Störungen in Deutschland. Trotzdem wird wenig darüber gesprochen. Du hast dich entschieden, damit offensiv umzugehen. Warum?

Niemand sollte sich dafür schämen. Für jemanden, der darunter leidet, ist alles sowieso schon ein permanenter Kampf. Das Schlimmste ist die Angst vor der Angst. Mich hat das auch zum Sozialkrüppel gemacht. Ich bin nicht mehr vor die Tür gegangen, nicht mehr einkaufen. Ich hatte Angst, im Supermarkt eine Panik-Attacke zu bekommen.

Wie muss ich mir deinen Alltag in dieser Zeit vorstellen?

Mit 27 Jahren bin ich wieder bei meinem Vater eingezogen. Dort habe ich tagelang im Gästezimmer gelegen und auf die nächste Panik-Attacke gewartet. Wenn es soweit war, habe ich mich auf den Boden gelegt und meine Beine angewinkelt. Insgesamt habe ich weit über 1.000 Panik-Attacken gehabt. Jede Einzelne dauerte über eine halbe Stunde. An manchen Tagen hatte ich vier Stück davon.

An diesem Tag hat mir die Angst gesagt: Ich krieg dich auch auf der Bühne.
Nicholas Müller

Wie sind die Menschen um dich herum damit umgegangen?

Meine Frau musste sich ziemlich viel Elend anschauen. Sie wurde von allen Therapeuten gebrieft, keinen Arzt oder Krankenwagen zu rufen, auch wenn ich sie darum bitte. Man darf der Angst keinen Raum bieten, sonst hat sie gewonnen. Damals ist mir manchmal die Empathie abhandengekommen – ich war mit Überleben beschäftigt. Das bringt eine Partnerschaft an Grenzen.

Mit Jupiter Jones konntest du aber weiter Musik machen.

Das hat überraschenderweise funktioniert. Die Woche war ein Jammertal, aber am Wochenende habe ich bei Festivals auf der Bühne gestanden. Es war mein einziger Trost in diesen Jahren. Dafür habe ich gelebt. Jetzt stell dir den bitteren Moment vor, als ich zum ersten Mal eine Panik-Attacke auf der Bühne bekam.

Von da an musstet ihr öfter auf Zugaben verzichten. Einen Auftritt auf dem Deichbrand-Festival hast du schließlich abgebrochen. Was war passiert?

Als das Konzert begann, habe ich sofort einen Schwindelanfall bekommen. Ich habe mir einen Stuhl bringen lassen, aber die Panik wurde größer. Es gab nicht die Option, dass ich das aushalte. Ich brauchte sofort einen Arzt, der mir bestätigte, dass ich den Abend überlebe. Ich bin direkt in einen Krankenwagen geflüchtet. An diesem Tag hat mir die Angst gesagt: Ich krieg dich auch auf der Bühne.

Was macht das mit einer Band?

In diesem Moment darf man keinen Applaus erwarten. Das ist für alle scheiße, und es macht alle mürbe. Mir hat aber in der ganzen Zeit niemand einen Vorwurf gemacht.

Weshalb hast du Jupiter Jones schließlich verlassen?

Wegen mir konnten alle nur mit angezogener Handbremse fahren. Als es immer schlimmer wurde, sagte meine Therapeutin: "Herr Müller, das ist nicht mehr zu verantworten. Sie müssen aufhören.“ Allen war klar, dass ich mehr brauchte, als eine ambulante Therapie, Medikamente und etwas Hoffnung.

Was hat dir am Ende konkret geholfen?

Die Tatsache, dass ich mir Hilfe gesucht habe. Ich bin in eine hervorragenden Klinik für Psychosomatik gekommen und habe in einer Verhaltenstherapie gelernt, besser auf mich zu achten – mich selbst auch wieder zu mögen. Es war wie eine OP am offenen Herzen. Die Deutsche Angstselbsthilfe ist mit ihren Ratschlägen und Experten ebenfalls ein guter Ansprechpartner. Diese Krankheit ist so abstrakt, da ist es gut, einen Navigator für die Angst zu haben.

Neue Band, neue Musik: Nicholas Müller und Tobi Schmitz sind "von Brücken"(Bild: Anne de Wolff)

Gemeinsam mit dem Musiker Tobias Schmitz hast du jetzt die Band "von Brücken“ gegründet. Wie kam es dazu?

Als ich bei Jupiter Jones aufgehört habe, wusste ich nicht wie es weitergeht. Aber ich kann nicht viel außer Musik. Zuerst wollte ich Texte für andere Künstler schreiben, aber mit Tobi habe ich Lust bekommen, selbst wieder Musik zu machen. Mit ihm ist bei mir der Korken weggeflogen. Ein großes Glück. Wenn du schon über Hundert Songs geschrieben hast, erlebst du das nicht mehr oft.

Auch Jupiter Jones macht mit einem neuen Sänger weiter. Wie ist der Kontakt zu deiner ehemaligen Band?

Wir haben beschlossen, uns ein bisschen in Ruhe zu lassen. Das ist wie nach einer langen Beziehung, da rufst du auch nicht ständig deine Ex-Freundin an. Es war für uns alle ein dramatische Zeit. Es wird aber der Tag kommen, an dem wir uns treffen und gemeinsam ein Bier trinken.

Du wirst auf deinen Konzerten neue Songs spielen. Ist es nicht komisch, wenn jemand anders ein Lied wie "Still“ singt?

Natürlich ist es schon ein bisschen komisch. Es ist ein sehr persönliches Lied, es handelt vom Todestag meiner Mutter. Aber ich weiß, dass die Band es mit großem Respekt behandelt. Inzwischen habe ich viele neue Lieder, die ich genauso liebe.

Und wie gehst du heute mit deiner Angst um?

Man muss lernen, die Angst anzunehmen. Nicht als Freund, die Angst ist ein Arschloch. Aber ich lebe damit und habe gelernt, damit umzugehen. Sie ist mein dunkler Begleiter. Ich bin meilenweit voraus, aber wenn ich stehen bleibe, kriegt sie mich noch mal kurz.

Das Album "Weit weg von fertig" erscheint am 30. Oktober 2015 bei Four Music (Sony Music).