Sechs Menschen erzählen, warum sie Angst vor Böllern haben

Silvester ohne Feuerwerkskörper? Ja, stimmt schon, irgendwie seltsam. Dabei gibt es viele Menschen, die sehnen sich nach einem Neujahrswechsel ohne Böller. Weil sie Angst haben. Oder zumindest eine große Abneigung gegen alles, was knallt.

Bei bento erzählen sie, warum.

(Bild: Leontine Päßler)
Anna, 25

"Was hängt da für eine schwarze Tasche an dem Auto?“, fragt Jens und zeigt aus dem Busfenster. Ich will aus dem Fenster sehen, doch im gleichen Moment explodiert alles. Die Fenster zerspringen. Glas regnet auf uns herab. Schwarzer Qualm nimmt mir die Sicht.

Es ist Januar 2013, wir sind in Tel Aviv. Jens und ich sind mit dem Bus unterwegs von der Central Bus Station zu meiner Wohnung. Wir kommen gerade von einem Jerusalem-Wochenende wieder. Abends wollen wir mit Freuden tanzen.

Der Bus rollt einige Meter weiter. Die Menschen schreien und stolpern zu den Türen. Ich weiß nicht mehr was zu tun ist – starre einfach weiter aus dem Loch, wo vorher das Fenster war. Jens bringt mich nach draußen. Bis auf ein paar kleine Schnittwunden durch das herumfliegende Glas sind wir unverletzt.

Obwohl wir mitten auf einer großen Kreuzung in Tel Aviv stehen, ist es ohrenbetäubend still. Ich höre nur das Weinen einer jungen Frau, die neben mir auf Boden sitzt. Ein älterer Mann versucht sie zu beruhigen: "Hakol beseder" – Alles in Ordnung. Fünf Minuten später bricht das Chaos los: Polizisten, Soldaten, Sanitäter und Feuerwehrleute irren durcheinander.

Ich denke selten an den Tag zurück. Doch wenn es neben mir knallt, ist es sofort wieder da: der Bus, die brennende Stille in den Ohren, die Angst."

(Bild: Tim Vüllers)
Tim, 31

"Früher fand ich Böller cool. Geister vertreiben und so.

Dann bin ich an Silvester mal zwischen die 'Fronten' zweier verfeindeter Wohnheime geraten, die 'Krieg' gespielt haben. Erwachsene Menschen. Was für ein Quatsch. Und ich, der einfach nur nach Hause wollte, musste aufpassen, dass ich keine 'Bombe' an den Kopf bekomme.

Ich kann einfach nicht verstehen, warum ich mir etwas kaufe, um einmal im Jahr Krieg zu spielen. Krieg! Also etwas, was wir als Gesellschaft den Rest des Jahres mit viel Mühe bekämpfen. Nach dieser Erfahrung haben Böller für mich wirklich jeden Reiz verloren."

Frank, 25

"Wenns in Neukölln ans Böllern geht, kann ich sagen: Zum Glück bin ich traumafrei. Mein Trommelfell wurde noch nie von einer Druckwelle aus nächster Nähe zerlegt. Ich habe keine Fluchtreflexe durch laute Knalle aus Krisengebieten mitgebracht. Hände, Hals und Stirn sind frei von Brandnarben.

Dennoch springt bei mir in den Tagen um den Jahreswechsel der Überlebensinstinkt an. Ich trage sprintfähige Schuhe, aber mit dicker Sohle. Ich habe alle pubertären Gruppen ganz genau im Auge. Die Ohren gespitzt auf verräterisches Zischen. Weil es unmöglich ist, zu wissen, ob der lässig geworfene Böller zwischen meinen Füße ein zart puffender Öko-Knallfrosch ist, oder etwas, was laut Genfer Konvention verboten ist.

Natürlich sieht mein entsprechend sprunghaftes Ausweichverhalten ziemlich lustig aus – das (berechtigte) Gekicher der Kids hält mein Stolz aber aus. Denn ich mag meine Füße, so wie sie sind. Und deshalb halte ich von allen fremden Böllern Sicherheitsabstand – oder versuche zumindest, in Würde zu flüchten."

(Bild: Raphael Raue)
Birte, 26

"Als ich 14 war, feierten wir Silvester bei mir Zuhause – wir durften eine Party schmeißen.

Gegen Mitternacht gingen alle nach draußen, und wir zündeten eine Hunderter-Patrone mit Leuchtkugeln an, die in den Himmel schossen. Da in meiner Nachbarschaft einige kleine Kinder wohnen, beschlossen wird bald, uns einen anderen Ort zum Böllern zu suchen.

Die Patrone war jedoch noch nicht leer – ein Freund hob sie hoch, um sie mitzunehmen. Leider hielt er sie im falschen Moment schief, und ich bekam aus zwei Metern Entfernung eine der Kugeln ins Gesicht.

Nach kurzer Bewusstlosigkeit und etwas Brandsalbe war der Zwischenfall für alle anderen Geschichte – nur ich bekomme seitdem leichte Panik, wenn in meiner Nähe geböllert wird.

Deshalb wünschte ich, es würde an Silvester viel weniger geböllert. Oder zumindest deutlich mehr Rücksicht genommen. Geister ließen sich bestimmt auch durch laute Musik vertreiben. Schätze ich. Ich kenne so wenig Geister.

(Bild: David Bartels)
Leonie, 18

"Ich weiß gar nicht genau, warum ich Böller nicht mag. Früher war ich über Silvester immer mit meiner Familie in einem Hotel in Lübeck, es liegt direkt an der Trave. Um Mitternacht gingen alle hinaus und böllerten los, das ganze Feuerwerk spiegelte sich in der Trave, was wunderschön aussah.

Das Böllern lief immer zivilisiert ab, alle standen in kleinen Grüppchen etwas entfernt vom Hotelgebäude. Ich brauchte keine Angst davor zu haben, dass ein Betrunkener unkontrolliert einen Böller wirft. Keine schlechten Erfahrungen also.

Ich glaube, ich habe so eine große Abneigung Böllern gegenüber, weil ich extrem schreckhaft bin. Wenn neben mir unerwartet ein Böller entzündet wird, schreie ich häufig vor Schreck auf. Und die Angst, dass so ein Ding mir mal Schaden zufügen könnte, wächst mit jeder Rakete, die nicht direkt gerade in den Himmel fliegt."

(Bild: Sven Westbrock)
Sven, 27

"Vor einigen Jahren habe ich Silvester in der WG einer Freundin in Berlin gefeiert. Es war meine erste Party zum Jahreswechsel in der Hauptstadt – entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Bis um Mitternacht war auch alles okay.

Als wir aber vor die Tür gingen, um dort gemeinsam anzustoßen und uns das Feuerwerk der Nachbarn anzuschauen, dauerte es keine zwei Minuten, bis der erste Böller von nebenan mitten in unserer Gruppe explodierte. Auch der Weg zur Disco geriet danach zum Spießrutenlauf. Wir konnten keinen Häuserblock weit gehen, ohne dass einem Böller zwischen die Beine geworfen wurden.

Seitdem habe ich eine ausgeprägte Abneigung gegen Böller."