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Pina findet, sie lebt in der Gegenwart, ihre Eltern in der Vergangenheit. Wie geht man damit um? Eine Psychologin gibt Rat.

Pina* lebt ein Leben wie viele andere 24-Jährige. Sie studiert, wohnt in einer WG, telefoniert immer sonntags mit ihren Eltern. Nur sind ihre Eltern älter als die ihrer Freunde. Als Pina auf die Welt kam, war ihre Mutter 39, ihr Vater 50 Jahre alt. 

Ihr Vater wurde im Zweiten Welkrieg geboren. Ihre Mutter ging in Frührente, als Pina grade 14 war. Der Altersunterschied führte immer wieder zu Konflikten – und macht die Beziehung bis heute schwierig. 

Alte Eltern, junge Kinder, jede Menge Probleme: Eine Konstellation, der Psychologin und Psychotherapeutin Verena Pförtner, 35, in ihrer Praxis immer wieder begegnet.

Wie alt sind Frauen bei ihrem ersten Kind?

Das Durchschnittsalter von Frauen, die zum ersten Mal Kinder bekommen, stieg in den vergangenen Jahren: Heute ist eine Frau bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 30 Jahre alt, 2017 war sie noch 29 Jahre alt. Auch werden immer mehr Frauen mit 40 Jahren und älter zum ersten Mal Mutter: 42.800 Babys waren das 2018 (Statistisches Bundesamt). Das Alter der Väter bei der Geburt des ersten Kindes wird vom Statistischen Bundesamt nicht erhoben.

Als Pina und ihre Eltern in diesem Jahr im Sommerurlaub in Frankreich am Frühstückstisch saßen, sprachen sie über einen Artikel zum Thema Ehegattensplitting, den Pina gelesen hatte. Pina findet das Gesetz ungerecht, weil eine bestimme Lebensform bevorzugt würde und will deswegen nicht heiraten. Es brach Streit aus. Ihre Mutter fühlte sich angegriffen. Ihr Vater fand das verrückt und beendete das Gespräch. "Meine Eltern vertreten konservative Werte, die sie nicht hinterfragen. Mit meinen Ansichten stelle ich ihre Lebensentwürfe und Werte infrage", erklärt Pina. 

Für Psychologin Verena Pförtner ein typisches Beispiel für einen Generationenkonflikt: "Heiraten ist ein Thema, das in der jüngeren Generation nicht mehr so wichtig ist, weil die Gleichberechtigung fortschreitet. Die ältere Generation hat aber noch ganz andere Werte, etwa in Bezug auf finanzielle Absicherung und Rollenverteilung."

Psychotherapeutin Verena Pförtner behandelt Kinder alter Eltern in ihrer Praxis.

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Ähnliche Konflikte kämen zwar auch zwischen Eltern und Kindern mit weniger Altersabstand vor. Aber je größer der Unterschied, desto größer können die Probleme werden: "Dadurch, dass die Eltern nicht mehr so nah an ihrer Jugend und Kindheit sind, kann es eine Art Lücke zwischen den Interessen geben", erklärt Verena.

Die generelle Lebenserfahrung nähmen viele ältere Menschen als Rechtfertigung, ihre eigenen Werte nicht mehr zu überdenken, sagt die Expertin weiter. Die Themen der jüngeren Generation würden belächelt oder ignoriert. Und Gespräche immer wieder in Diskussionen enden. 

Dass durch den Altersunterschied die Vorstellungen von Liebe und Beziehung nicht übereinstimmen, stellt Pina immer wieder fest. Nicht nur, dass sie nicht heiraten möchte, können ihre Eltern schwer nachvollziehen. Auch nicht, dass sie sich zunächst nicht festlegen, vielleicht sogar in einer offenen Beziehung leben will, stößt bei ihnen auf Unverständnis.

Unsere Eltern prägen maßgeblich unser Leben und unsere Zukunft. Wie geht man damit um, wenn die eigenen Eltern mit ihren Ansichten in der Vergangenheit leben?

Während der Pubertät fiel Pina besonders auf, wie anders sie aufwuchs. Statt der aktuellen Charts hörte sie die Platten ihrer Eltern, kannte die Musik der Sechziger- und Siebzigerjahre, Barbie und Baby Born aber nur aus der Werbung. Viele der Serien und Filme, die ihre Freunde gesehen hatten, lernte sie erst viel später kennen. "Teilweise wusste ich nicht, was in der Schule gerade angesagt war. Meine Eltern haben sich einfach überhaupt nicht für Trends interessiert", erzählt sie. 

Je älter Pina wurde, desto mehr entwickelte sie eigene Interessen, wurde unabhängiger von den Ansichten ihrer Eltern. Konnte sie früher nicht bei ihren Freunden mitreden, fallen ihr jetzt Gespräche mit ihren Eltern immer schwerer. Oft endeten sie im Streit. Sie selbst habe den Eindruck, in der Gegenwart zu leben, sie nutze Social Media, höre angesagte Bands. Ihre Eltern hingegen lebten in der Vergangenheit, hätten kein Smartphone und seien überfordert mit Facebook und Instagram. 

Und dann ist da noch ein Thema, das alle sprachlos macht: der Tod. 

Als sie vor einiger Zeit ein Hörspiel über das Leben und Sterben von Thomas Mann gehört habe, sei sie aufgewühlt gewesen, sagt Pina. Die Geschichte habe ein Gefühl in ihr ausgelöst, das sie normalerweise zu unterdrücken versuche: die Angst vor dem Tod ihrer Eltern. "In den vergangenen Jahren ist sie größer geworden. Ich habe keine Geschwister, deswegen habe ich das Gefühl, dass ich auf mich allein gestellt wäre", erzählt Pina. 

Selbst, wenn ihr Vater 90 werden würde, wäre sie dann erst 40. "Manchmal frage ich mich, ob mein Vater meine Kinder noch richtig kennenlernen wird", sagt Pina. Ihr Vater spiele die Situation mit Humor herunter. Manchmal verzweifle sie, weil sie sich mit Dingen beschäftigen müsse, die vielen anderen in ihrem Alter noch erspart blieben.

"Das Thema kann sehr belastend sein und Ängste schüren. Es kann aber auch ein großes Geschenk sein an Kinder, wenn offen damit umgegangen wird. Solche existenziellen Themen stellen uns immer wieder vor die Frage, wie wir leben wollen und was wir vom Leben erwarten", erklärt Verena. 

Wenn Pina das Gefühl hat, sie entfernt sich von ihrem Vater und ihrer Mutter, hält sie kurz inne und versucht, die Sicht ihrer Eltern einzunehmen.

"Wenn man sich ständig streitet, zerbricht man daran. Deswegen versuche ich, sie nicht zu verurteilen und zu verstehen, wie sie aufgewachsen sind", sagt Pina. Das gelingt ihr nicht immer – aber sie versucht es. 

Was Pina macht, empfiehlt auch die Therapeutin. Die Sicht der Eltern einzunehmen, offene Fragen zu stellen, vielleicht sogar aufzuschreiben, was die Eltern erzählen, über ihre Kindheit, Jugend, das Erwachsenwerden. Denn oft haben sie Geschichte hautnah erlebt, die man sonst nur in Büchern lesen kann.

*Name geändert – Der richtige Name ist der Redaktion bekannt


Gerechtigkeit

Demokratiefestival im Olympiastadion: "Sie sollen endlich sagen, wofür sie stehen"
Wir haben Unterstützer des Events gefragt, ob sie immer noch ins Olympiastadion gehen wollen

Was könnte man alles mit zwei Millionen Euro erreichen? Die Organisationen des "größten Demokratie-Festivals" in Berlin glaubten: Lösungen für die Klimakrise, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus finden - und gleich per Petition einfordern. Seit mehreren Wochen werben sie für das im Juni geplante Event, bei dem sich Zehntausende Teilnehmer im Olympiastadion informieren und live Petitionen unterzeichnen können. 

Mehr als 28.000 Personen haben die Idee bislang finanziell unterstützt. Schon vor dem Ende des Crowdfundings am Montag war klar, dass das gesammelte Geld ausreichen würde, um das Berliner Olympiastadion zu mieten. Bereits am 24. Dezember wurde die Mindestsumme erreicht. Die Frist hatten die Organisatoren zunächst festgelegt.

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Es war nicht das erste Mal, dass die Macher ihre Kampagne erklären mussten. Bereits zu Beginn des Crowdfunding-Projekts mussten sich die Aktivistinnen wie Luisa Neubauer viel Kritik anhören: Menschen, die sich die Tickets nicht leisten können, würden ausgeschlossen und Unternehmen seien am Event beteiligt.