Bild: Hatice Ince
Vor allem die Gesellschaft macht es mir schwer, meine Identität zu finden.

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, meine Eltern kommen aus der Türkei und sind Anfang der Siebzigerjahre als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Seit 30 Jahren lebe ich nun hier – und trotzdem: Ich fühle mich nicht so, als sei ich eine Deutsche.

Ich trage Einflüsse aus Deutschland und der Türkei in mir, bin jedoch in beiden Ländern kein hundertprozentiger Bestandteil der Gesellschaft. Hier gelte und fühle ich mich als Ausländerin, dort als Deutsche. Zumindest habe ich in der Türkei schon oft den Satz zu hören bekommen, dass ich doch "recht deutsch" wirke. Anfangs haben mich Äußerungen wie diese sehr irritiert. Inzwischen lösen sie in mir ein Gefühl der Gleichgültigkeit aus.

"Hey, wo kommst du her?" – Ich bin Bremerin.(Bild: Hatice Ince)
Ich kann Deutschland sehr gut leiden.

Zum Leben ist dieses Land einfach super: Wenn man seinen Job verliert, wird man finanziell aufgefangen, für gesundheitliche Pflege ist per Gesetz gesorgt, Bildung ist kostenlos. Menschenrechte sind fest in der Verfassung fest verankert.

Davon können die Bewohner anderer Länder wohl nur träumen. Und auch, wenn AfD, Pegida und andere Rechte durch das Land rucken – und ich mir manchmal mehr Haltung von unserer Bundeskanzlerin wünschen würde: Ich lebe gern hier, ich rede, schreibe, ja, träume auf Deutsch.

Um ehrlich zu sein: Ich würde mich sehr gern auch als Deutsche fühlen, aber leider macht es mir diese Gesellschaft schwer.

Ich muss mich ständig rechtfertigen.

Zum Beispiel, wenn ich in der Uni oder auf Partys neue Leute treffe. Meistens läuft das so ab:

Ich werde gefragt: Hey, wo kommst du her?

Ich sage: Ich bin Bremerin.

Na los, du hast doch einen anderen Einschlag?! Du kannst nicht deutsch sein.

Ich bin in Bremen geboren. Meine Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen.

Aber dann bist du ja schon irgendwie Türkin?

Joa, irgendwie schon.

Dafür sprichst du aber sehr gut Deutsch!

Ist es falsch, dass ich mich mit der Politik des Landes beschäftige, in dem ich lebe?(Bild: Hatice Ince)

Wegen Gesprächen wie diesen, die ich gefühlt schon Hunderte Male geführt habe, fühle ich mich nicht deutsch.

Den Hinweis darauf, dass ich anders aussehe, habe ich schon sehr früh erhalten. Genau genommen im Kindergarten durch andere Kinder in meiner Gruppe. Die haben mich gemieden, zum Beispiel, weil mein Name für sie komisch klang.

Es ist nicht so, dass ich während oder nach der Kindergartenzeit ständig gemobbt wurde.

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Aber die vielen kleinen Anspielungen auf meine Herkunft im Alltag hörten nie auf.

In der Schule wurde ich wegen meines Migrationshintergrundes zum Deutschunterricht geschickt, obwohl ich sehr gut Deutsch sprechen konnte.

Immer wieder bekam und bekomme ich Komplimente für meine guten Deutschkenntnisse. Ich habe viele Jahre in einem Café gekellnert, in dem eine ältere Frau mir fast jeden Sonntag aufs Neue ein Kompliment für meine Sprache machte.

Das ist so befremdlich, so unangenehm. Als sei ich eine Außerirdische, die überraschenderweise eine Sprache spricht, die alle verstehen.

Ich habe das Gefühl, dass hinter dem Lob machmal eine Einstellung steckt, ein Vorwurf – und zwar: Türken gehören hier nicht dazu, sie wollen sich nicht integrieren, sind nicht intelligent, nicht deutsch.

Ich hoffe, dass ich im Jahr 2016 nicht mehr erklären muss, dass das nicht stimmt und dass natürlich nicht alle Türken gleich sind.

Ich bin übrigens nicht nur Deutsche mit türkischen Wurzeln, sondern auch Muslimin.

Ich bin ein ziemlich liberaler Mensch, mag gute Drinks und rauche auch. Und trotzdem werde ich in Bars zwischen Cocktail und Fluppe gefragt: Na, was denkst du über Paris? Du distanzierst dich aber davon, oder?

Muss ich diesen Menschen antworten? Ihnen sagen: Natürlich distanziere ich mich, und nicht alle Muslime sind Terroristen?

Die Tatsache, dass ich, wie alle in meiner sehr liberalen Familie, weder ein Kopftuch trage, noch zwangsverheiratet wurde, scheint für viele Rätsel aufzuwerfen. Mit 16 Jahren, während meines damaligen Nebenjobs, fragte mich eine Kollegin, ob mir schon ein Mann ausgesucht wurde. Ich sagte: Ja, und ich habe vier Kinder, die alle älter sind als ich!

Ich dachte, sie hätte meinen Humor verstanden. Doch Wochen später wurde ich von einer anderen Kollegin in den Arm genommen, weil sie mir wegen meines vermeintlichen Schicksals ihr Mitgefühl mitteilen wollte.

„Manchmal kann ich gut mit Deutschland. Und im nächsten Moment wieder nicht.“

Bis heute muss ich fremdenfeindliche Bemerkungen über mich ergehen lassen, zum Beispiel im Netz: Viele schreiben mir, dass sie es als unpassend und als eine Frechheit empfinden, wenn ich über deutsche Politik oder die Flüchtlingskrise schreibe, weil ich einen anderen kulturellen Hintergrund habe. Ich solle mich um mein eigenes Land kümmern, so der Tenor.

Ist es also falsch, dass ich mich mit der Politik des Landes beschäftige, in dem ich lebe?

Ich fühle mich nicht als Deutsche, weil ich von vielen nicht als Deutsche angesehen werde. Ich betrachte Deutschland deswegen als einen On-Off-Liebhaber. Mal kann ich ganz gut mit ihm. Und im nächsten Moment wieder nicht.

Was bedeutet Identität? Mehr dazu:


Gerechtigkeit

Diesen Bullshit von Rechtsaußen können wir so nicht stehen lassen
Die "wehrhaften Feministen" mit ihrer Angst vor Fremden sind alles, nur nicht liberal.

Anabel Schunke hat der Bundesrepublik Deutschland ihre Gefolgschaft gekündigt, weil es keine Obergrenze für Flüchtlinge gibt. Das würde man natürlich als Bullshit abtun, wenn der Artikel (im Blog "Tichys Einblick" und bei der "Huffington Post") nicht über 18.000 Likes auf Facebook erhalten hätte. Dabei sind ihre Thesen und Argumente ein bisschen wie ein Unfall: Grauenvoll, aber man kann einfach nicht wegsehen.