Könnt ihr bitte vor dem Buchen mal googeln, was dort so los ist?

Die kilometerlangen Sandstrände an der Ägais, türkises Meer, das Treiben in Istanbul: Für tausende Deutsche ist die Türkei der perfekte Urlaubsort. Nach Spanien, Italien und Österreich ist es ihr beliebtestes Reiseziel außerhalb des eigenen Landes (Statista). 

Gleichzeitig lässt Präsident Recep Tayyip Erdogan hier Journalisten einsperren, betreibt Kriegspropaganda, beschneidet die Rechte der Türkinnen und Türken.

Ja, die Türkei ist sicher ein toller Urlaubsort. 

Aber auch dann noch, wenn die Lebensbedingungen für die Menschen dort immer schlechter werden?

Ähnliches gilt auch für andere Länder. Tunesien etwa gehört, bisher jedenfalls, noch nicht einmal zu den sicheren Herkunftsländern in Deutschland. Die Sicherheitslage ist nicht stabil, Straftätern droht Folter (Bundeszentrale für politische Bildung). Trotzdem liegen Urlauber aus der EU hier am Strand, genießen ihr All-Inclusive-Hotel.

Auf den Philippinen führt Präsident Rodrigo Duterte einen erbitterten, blutigen Kampf gegen Drogendealer. Viele andere Regierungen kritisierten ihn dafür, die Menschen im Land leben in Angst. Tausende Tote forderte der Drogenkrieg bereits, aber auch die Gefahr von Terroranschlägen ist dort hoch. Seit April gilt für die Philippinen eine Teilreisewarnung des Auswärtigen Amtes.

Trotz der unsicheren Lage bieten diverse Booking-Portale Reisen auf die Philippinen an. Und nicht nur das, sie werben sogar damit, wie günstig ein Trip in das Inselreich ist – dorthin, wo mehr als acht Prozent der Menschen in extremer Armut leben (BMZ).

In einem Land Urlaub zu machen, in dem Menschen unterdrückt, gefoltert oder verfolgt werden, geht gar nicht. 

Reggae- und Dancehallsänger Nosliw sang: 

"Und nach den Werbeblöcken weiß jeder was er will: Renten, Renditen, Lifting, Eigenheim und Waschmittel, billigen Flugverkehr an jeden Traumstrand - ohne Berührung mit der Politik im Ausland."

Ich finde, das trifft es ziemlich gut. In Deutschland sehen wir die glänzenden Werbeanzeigen und -spots für Luxusvillen, Tui-Komplettreisen und fette Jachturlaube. 

Und dann buchen und fliegen wir drauf los. 

Ohne zu wissen, was in dem Land abgeht. Oder wir wissen es, ignorieren es aber. Einfach so in den Urlaub fliegen zu können ist ein Privileg. Das vergessen viele Menschen aus westlichen Ländern schnell. 

Reisende auf Kreuzfahrtschiffen zum Beispiel. Sie sind vielerorts deshalb überhaupt nicht gern gesehen. In den Häfen gehen sie von Bord, drängeln sich durch Innenstädte, fotografieren. 

Die lokale Gastronomie unterstützen? Von wegen: Zu essen und zu trinken gibt’s ja – im besten Fall umsonst – auf dem Schiff. So schwemmen sie etwa in der Karibik oder in Südostasien die großen Städte, denken aber eher weniger darüber nach, wo sie sich gerade befinden. Dass es abseits der Touri-Hochburgen anders aussieht. Dass viele Menschen in den Ländern unter der Armutsgrenze leben, keine Jobs haben (Deutschlandfunk). 

Besonders schlimm: Die Zahl der Kreuzfahrt-Reisenden steigt sogar. 2017 fuhren so viele deutsche Touris mit Kreuzfahrtschiffen durch die Meere, wie nie: 2,19 Millionen. (Statista)

Wenn ich Freunde, Bekannte oder Kollegen mit der Kritik an ihrem gewählten Urlaubsland konfrontiere, kommt häufig folgendes Gegenargument: Es sei doch gut, mit den Menschen dort in Kontakt zu kommen. Die Länder bei der Urlaubswahl zu ignorieren würde bedeuten, ihr Leid zu verdrängen, sie zu isolieren. 

Nein! Das stimmt so nicht. 

Denn wenn man mal ehrlich ist: Wer kommt schon wirklich im Urlaub mit den Einheimischen in Kontakt. Dazu müsste man in kleinen, familienbetriebenen Hotels unterkommen, vielleicht sogar bei den Menschen zu Hause. Aber letztlich wählen die meisten das riesige Hotel mit 400 Betten und fetter Pool-Anlage. Die Einheimischen und Touristen leben aneinander vorbei. 

Wenn ihr wisst, dass es den Menschen, in dem Land, in das ihr fliegen oder mit dem Schiff fahren wollt, nicht gut geht: 

Sucht euch für dieses Mal ein anderes Ziel. 

Ausbleibende Touris können einem Despoten wirtschaftlich weh tun - und ihn langfristig im besten Fall zwingen, etwas zu verändern. 

So auch im Beispiel mit der Türkei. Wer dorthin reist, vergisst oder verdrängt seine eigene Verantwortung. Denn dass man die auch als Tourist besitzt, sagte Marie Luise Rathers, Ethik-Dozentin an der Universität Potsdam in einem Interview mit Spiegel Online. Wer den Tourismus boykottiere, unterstütze die unterdrückten Menschen im Land, sagt sie.

Oder aber, ihr macht es wie viele Menschen, die 2015 ihren Urlaub auf der griechischen Lesbos als Flüchtlingshelfer verbrachten: Ihre wenigen freien Tage nutzten sie, um zehntausenden Menschen in Not zu helfen, die dort auf ihrer Flucht gestrandet waren. (Spiegel Online)

Ja, das ist ein extremes Beispiel. Ich meine damit nicht, dass jeder, der Urlaub machen will, seine freie Zeit in einem Flüchtlingsprojekt verbringen muss. Ich möchte nur zeigen, was möglich ist. Es ist vollkommen okay, entspannen zu wollen, statt Infrastruktur in Schwellenländern aufzubauen oder Dörfer mit Brunnen zu versorgen. 

Es ist wichtig, sich überhaupt Gedanken zu machen. Urlaub darf nicht bedeuten, alles außerhalb der Hotelmauern oder des fetten Kreuzfahrtschiffes zu ignorieren oder zu verdrängen. Wer reist, sollte zumindest einmal eine Runde googeln, ob er mit seinem Trip einen Despoten unterstützt oder Menschen ausbeutet.

Denn eigentlich kann Urlaub doch nur wirklich entspannend sein, wenn man kein schlechtes Gefühl dabei haben muss. Die bettelnden Kinder am Weg zum Hotel, Müllberge mitten in der Stadt – diese Bilder kann man versuchen zu ignorieren. Aber welcher Mensch mit Herz schafft es, das wirklich zu verdrängen? Und das Drei-Gänge-Menü abends inklusive Cocktails zu genießen? Jeder, der reist, sollte sich vorher informieren. 

Und im Zweifel lieber Balkonien oder Nordsee wählen – und vielleicht ist am Ende ja noch etwas Geld übrig. Die Hilfsorganisationen freuen sich.


Streaming

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Im November 2013 ist Schauspieler Paul Walker bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Hauptsächlich bekannt war er für seine Rolle als Sunnyboy Brian O'Connor in den "The Fast & and the Furious"-Filmen. 

Walker starb noch vor dem Ende der Dreharbeiten für den siebten Teil der Reihe – am Ende des Films erhielt er noch einen emotionalen Abschied. (bento)