Bei vielen fängt es harmlos an: Ein Bier auf der Party, ein Glas Wein mit Freunden. Alkohol ist eine gesellschaftsfähige Droge und bei jungen Leuten beliebt. Zwar neigen Jugendliche laut einer repräsentativen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung immer weniger zum sogenanntem Komasaufen.

Doch wenn zu dem Feierabendbier noch persönliche Probleme dazukommen, kann sich eine Sucht entwickeln.

Was muss passieren, bis es soweit kommt? Hier berichten fünf Menschen, wie sie alkoholabhängig geworden sind – und wie sie ihre Sucht in den Griff bekommen haben.
Dominik, 26, aus Hamburg, arbeitslos
(Bild: Pixabay)

"Als Jugendlicher war ich total unzufrieden mit mir. In der Schule wurde ich gemobbt und konnte mich selbst nicht ausstehen. Ich habe mich in meiner eigenen Haut nicht wohlgefühlt. Der Alkohol hat mir geholfen, in eine andere Realität zu flüchten. Dazu kam, dass ich in jeder freien Minute Online-Rollenspiele gezockt habe. Da konnte ich endlich jemand anders sein. Zu meiner schlimmsten Zeit habe ich 19 Stunden am Tag gespielt und zwei Flaschen Wodka getrunken.

​Wie wird eine Alkoholsucht definiert?

Eine Suchterkrankung definiert sich durch die Gewöhnung an die Droge, Entzugserscheinungen, wenn sie wegfällt, ein starkes Verlangen nach dem Konsum und eine verminderte Kontrolle im Umgang damit.

Irgendwann bin ich nicht mehr zur Schule gegangen. Dann bin ich richtig abgerutscht: Ich war tagelang betrunken und habe auch angefangen, harte Drogen wie Koks und Ecstasy zu nehmen. Für meine Mutter war es besonders schlimm, meinen Verfall mit anzusehen.

Aber mir war alles egal, ich wollte nur meine Sucht befriedigen. Und so habe ich zehn Jahre meines Lebens verschwendet. Alkohol war für mich ein Mittel, mit schwierigen Situationen umzugehen. Als mein Vater vor drei Jahren gestorben ist, bin ich als erstes in den Supermarkt und habe mir eine Flasche Wodka in den Kopf geprügelt.

​Ab wann ist man abhängig?

Drei von sechs Kriterien müssen zutreffen, um einen Menschen als abhängig bezeichnen zu können:

  • Großer Zeitaufwand für Beschaffung und Konsum
  • Verzicht auf andere Aktivitäten
  • Schädlicher Gebrauch
  • Toleranzentwicklung
  • Entzugserscheinungen
  • Kontrollminderung

"Viele dieser Kriterien sind jedoch schwammig", sagt Andreas Heinz von der Charité Berlin. Manche Leute hätten zum Beispiel auch vor der Sucht keine Hobbys – und verzichteten nicht wegen der Sucht darauf.

Auch meine früheren Beziehungen sind immer wieder an dem Thema Alkohol gescheitert. Meine Ex-Freundin hat sich von mir getrennt wegen meiner Sucht. Jetzt möchte ich aus dem Teufelskreis ausbrechen und sie zurückgewinnen. Aber zuerst muss ich trocken werden.

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Ende September hatte ich meine letzte Entgiftung und bin noch bis Januar in Langzeittherapie. Ich merke jetzt, dass ich ohne Alkohol viel klarer im Kopf bin. Allerdings finde ich es nüchtern schwer, mich anderen zu öffnen – betrunken war das nie ein Problem. In der Therapie lerne ich mit meinen Problemen anders umzugehen und Rückfällen vorzubeugen. Wenn ich Suchtdruck bekomme, rufe ich meine Familie an oder mache Sport.

Ich finde es nüchtern schwer, mich anderen zu öffnen
Dominik

Nach der Therapie möchte ich eine Ausbildung zum Bühnen- oder Pyrotechniker machen, und einfach ein ganz normales, geregeltes Leben führen, damit meine Freunde und meine Mutter wieder aufatmen können. Die haben nämlich auch langsam keine Kraft mehr, mich jedes Mal aus der Scheiße zu ziehen."

Gerd, 26, aus Dresden, arbeitslos
(Bild: Pixabay)

"Als Alkoholiker sahen meine Tage eigentlich immer gleich aus: Morgens aufwachen, noch im Liegen ein Bier trinken, und über den Tag verteilt den restlichen Kasten – und meistens noch eine Falsche Schnaps. Ich bin zu nichts gekommen, konnte keinen Job behalten und habe meine Beziehungen ruiniert.

Das mit dem Alkohol ging viel zu lange: Das erste Mal getrunken habe ich mit 16 auf einer Party, wie alle anderen auch. Aber als meine Eltern mich vor die Tür gesetzt haben, bin ich total abgerutscht. Kein Job, keine Wohnung, keine Freunde. Drei Jahre lange bin ich als Straßenkünstler durch ganz Europa gezogen, den Alkohol immer dabei.

Wer ist besonders anfällig?

Alkoholabhängigkeit zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft. Allerdings sind manche gefährdeter als andere. Zum einen gibt es genetische Voraussetzungen: Menschen, die viel Alkohol vertragen ohne eine Kater zu bekommen, neigen eher dazu abhängig zu werden.

Vor allem für Menschen, die durch Missbrauch oder Misshandlung traumatisiert sind, ist Alkohol ein Teil der Selbstbetäubung.

Solange ich genug Geld hatte, um Alkohol zu kaufen, war das auch ganz okay. Als ich 2014 die ersten Entzugserscheinungen hatte, habe ich endlich gerafft, dass ich ein Problem habe. Da war alles dabei, von Schwitzen über unkontrolliertes Zittern bis hin zu Krampfanfällen. Jetzt bin ich seit Mitte Juli trocken und mache meine zweite Langzeittherapie. Diesmal will ich durchhalten, vor allem weil ich gerade Vater geworden bin.

Aufwachen – und noch im Liegen ein Bier trinken
Gerd

Heute mache ich vieles anders als früher: Ich sage, wenn mir etwas nicht passt und fresse nicht alles in mich rein. Außerdem gehe ich offen mit meiner Geschichte um. Mein komplettes Umfeld weiß Bescheid. Während meiner Alkoholsucht habe ich mehrere Ausbildungen angefangen und wieder abgebrochen. Nach der Therapie kann ich erst mal in einem Callcenter arbeiten. Langfristig möchte ich gerne einen Bürojob machen, damit ich mich um meinen Sohn kümmern kann."

Michelle, 21, aus NRW, arbeitsunfähig
(Bild: Pixabay)

"Warum ich alkoholabhängig geworden bin? Ich denke, es hat viel mit den Traumata aus meiner Kindheit und Jugend zu tun. Mit fünf wurde ich das erste Mal vergewaltigt, und dann noch mal mit 17, mein Ex-Freund hat mich geschlagen und misshandelt. Und irgendwann habe ich gedacht, dass Alkohol hilft.

Nicht dauerhaft, aber für den Moment konnte ich meine Probleme und Ängste verdrängen. Nach dem Realschulabschluss habe ich eine Ausbildung zur Krankenpflegerin gemacht und hatte plötzlich eigenes Geld. Das habe ich hauptsächlich für Alkohol ausgegeben. Zu der Zeit habe ich direkt morgens angefangen zu trinken und erst vor dem Schlafengehen aufgehört.

Und wer ist noch anfällig?

Auch Menschen, die sozial unter Druck stehen, sind eine Gefahrengruppe. Dort wird oft schon früh Alkohol konsumiert oder Familienmitglieder sind bereits abhängig. Kinder aus solchen Familien bekommen Alkohol als Problemlösungsweg vorgelebt. Trotzdem: "Im Nachhinein kann man kaum sagen, was Henne und was Ei war", sagt Andreas Heinz.

Ich bin betrunken durch den Supermarkt gewankt, um mir Nachschub zu besorgen. Nachts bin ich mit schrecklichen Kopfschmerzen und Übelkeit aufgewacht.

Ich konnte mich stundenlang nicht bewegen und es wurde nur durch den nächsten Schluck Alkohol besser. Die Wodkaflasche stand immer an meinem Bett. Die Ausbildung habe ich dann abgebrochen und meine Mutter hat mich zu meiner ersten Entgiftung gezwungen.

Alkohol hilft – aber nicht dauerhaft
Michelle

Aber ich bin immer wieder rückfällig geworden. Anfang dieses Jahres habe ich meine dritte Entgiftung gemacht. Diesmal will ich es schaffen. Meine größte Motivation ist mein kleiner Sohn, er ist zwei Jahre alt. Zurzeit lebt er bei meinen Eltern, aber ich will alles daran setzten, ihn zurückzubekommen."

Wie verändert der Alkohol den Menschen?

Neben den körperlichen Schäden schadet der Alkohol vor allem der Psyche. Jede Droge, auch Alkohol, setzt Unmengen Dopamin frei. Ein Botenstoff im Gehirn, der für eine Art Vorfreude sorgt. Ein nettes Gespräch zum Beispiel erhöht den Dopaminwert um 50 Prozent. Drogen hingegen um 900 Prozent.

Das Gehirn versucht, diesen Überschuss zu regulieren. Das schränkt die Empfindlichkeit ein: "Die Leute erzählen mir dann, sie interessieren sich für nichts mehr. Das Verhalten verengt sich immer mehr auf den Konsum, alles andere verliert seinen Reiz", sagt Heinz.

Harry, 29, aus Bayern, in der Verwaltung tätig
(Bild: Pixabay)

"Die ersten Berührungspunkte mit Alkohol hatte ich während meiner Kindheit. Mein Vater war Alkoholiker. Zwar keiner von der schlimmen Sorte, aber er hat viel gearbeitet und abends ein, zwei Flaschen Wein getrunken.

Als Jugendlicher war ich ziemlich schüchtern und introvertiert. Als ich mit 16 meinen ersten Rausch hatte, war das wie ein Befreiungsschlag. Mir ging es zwar schlecht am nächsten Tag, aber das Gefühl betrunken zu sein, war toll. Ich war locker, kam leicht mit Leuten in Kontakt und bekam endlich Aufmerksamkeit.

Ich kannte mich nüchtern nicht mehr
Harry

Ab dann war ich eigentlich bei jeder Party besoffen und habe immer mehr vertragen. Als ich dann mit 17 alleine eine Flasche Wodka geext habe, dachte ich zum ersten Mal: Mit mir stimmt etwas nicht. Auch im Studium habe ich die Wochenenden durchgefeiert und mir etliche Exzesse geliefert. Aber ich habe immer funktioniert.

Mit 23 habe ich fast täglich getrunken. Jeden Abend zum Einschlafen mehrere Bier und unter der Woche bin ich drei bis vier Mal saufen gegangen. Da habe ich gemerkt, dass ich die Kontrolle verliere. Nur ein Glas trinken ging nicht – wenn ich getrunken habe, hatte ich eine unheimliche Gier und konnte nicht mehr aufhören.

Wie kommt man da wieder raus?

Die Abhängigen müssen aufhören wollen, aber das reicht oft nicht aus. Viele werden bereits im Entzug rückfällig. Soziale Unterstützung hilft dann enorm. Das können Selbsthilfegruppen, Sozialarbeiter oder die Familie sein. "Wenn die Leute glauben, sie schaffen es, dann schaffen sie es", sagt Andreas Heinz. "Deshalb darf man sie nicht verurteilen, sondern muss sie für sich gewinnen."

Als ich vor einer wichtigen Prüfung an der FH mehrere Tage saufen war, habe ich zum ersten Mal richtig Schiss bekommen, mein Leben nicht auf die Reihe zu kriegen. Das war der Moment, in dem ich beschlossen habe, nicht mehr zu trinken. Ich bin dann zu den Anonymen Alkoholikern gegangen – und das hat mich gerettet.

Seitdem habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Den Entzug habe ich ohne ärztliche Hilfe durchgemacht. Das Schwierigste waren nicht die körperlichen Entzugserscheinungen, sondern der seelische Wiederaufbau. Ich kannte mich nüchtern gar nicht und musste erst einmal herausfinden, wer ich bin und was ich vom Leben möchte. Jetzt, fünf Jahre später, geht es mir sehr gut.

Ich habe einen klaren Kopf und kann mein Leben gestalten. Früher habe ich mein ganzes Leben, um den Alkohol herum aufgebaut. Jetzt kann ich tatsächlich Entscheidungen treffen und dafür Verantwortung übernehmen."

Lena, 22, aus Hamburg, Hauptschulabschluss

"Bei mir hat das Alkoholproblem ganz plötzlich mit 15 angefangen. Davor habe ich zwei Jahre mit meinen Eltern in Hongkong gelebt und wurde dort in der Schule gemobbt. Meine Eltern haben sich zu der Zeit viel gestritten und sich oft getrennt. Als ich dann wieder nach Hamburg kam, bin ich in die falschen Kreise geraten.

Es war für mich ein ganz neues Gefühl, endlich akzeptiert zu werden und deshalb habe ich alles mitgemacht, was meine neuen Freunde wollten. Das war hauptsächlich trinken – und zwar harten Alkohol. Seitdem habe ich mehrere Entgiftungen gemacht, zu denen mich meine Eltern gezwungen haben. Ich selbst habe das Problem nicht gesehen und bin immer wieder rückfällig geworden.

Ich habe fast jeden Tag getrunken, chemische Drogen genommen und mich verschuldet. Mein damaliger Freund war ein richtiger Psychopath. Er hat mich geschlagen, tagelang eingesperrt und gestalkt. Ich dachte, ich bin nichts wert.

Ich dachte, ich bin nichts wert
Lena

Dann habe ich meine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau verloren. Nach der Trennung habe ich mich monatelang in meiner Wohnung eingesperrt, jeden Tag getrunken und viel Koks konsumiert. Anfang dieses Jahres hat mich ein guter Freund in die Psychiatrie gesteckt. Dort haben die Ärzte eine posttraumatische Belastungsstörung und das Borderline-Syndrom diagnostiziert.

Während dieser Zeit habe ich auch eingesehen, dass ich ein Problem mit Alkohol habe. In der Klinik habe ich ständig getrunken und es ist niemandem aufgefallen. Als eine Betreuerin meinte, ich würde zwar nicht betrunken wirken, aber nach Alkohol riechen, hat sie mit mir einen Alkoholtest gemacht. Ich hatte 2,6 Promille.

Das hat mich richtig geschockt. Ich dachte nur, das geht gar nicht ich kann viel zu viel ab. Dann habe ich mich um eine Entgiftung gekümmert. Dieses Mal aus freien Stücken. Bald geht es los. Ich hoffe so sehr, dass ich es dieses Mal schaffe. Nach der Therapie möchte ich gerne in betreutes Wohnen ziehen und eine Ausbildung im sozialen Bereich machen, wenn ich stabil genug bin."


Und du? Wie viel Alkohol trinkst du?

Haha

Verdammt, es passiert wieder: Welche Farbe haben diese Flip-Flops?

So ziemlich jeder, der sich im vergangenen Jahr auch nur einmal bei Facebook eingeloggt hat, kam an "The Dress" nicht vorbei. Und der einen, Galaxien spaltenden Frage: Ist dieses Kleid schwarz-blau oder weiß-gold?

Jetzt ist "The Dress" zurück – in Form von Flip-Flops: