Bild: imago images/photothek
Warum Alkoholismus eine Familienkrankheit ist

Warnung: In diesem Text geht es um Gewalt, psychische Krankheiten und Suizid

Dieser Artikel beschreibt Details vom Zusammenlebens mit einem alkoholabhängigen Menschen, der auch psychisch und physisch gewalttätig wird, sowie von dessen Suizid. Wenn die Gefahr besteht, dass dich das triggert oder emotional zu sehr mitnimmt, solltest du nicht weiterlesen.

Ich war auf dem Weg zur Arbeit, gerade am U-Bahnhof angekommen, als meine Mutter mich anrief. "Roman, dein Papa ist tot." Alles um mich herum wurde plötzlich leise, ich nahm nur noch meinen eigenen Puls wahr.

Jahrelang hatte mein Vater unter schweren Depressionen gelitten und war alkoholabhängig. Mit 57 Jahren entschied er sich, uns zu verlassen. Unerwartet – und doch nicht überraschend.

Mit 13 Jahren nahm ich das erste Mal wahr, dass etwas mit meinem Vater nicht stimmte. Als meine Großmutter, seine Mutter, starb, begann eine Alkohol-Odyssee mit vielen Tiefen und gescheiterten Entzügen. Eine Zeit, die auch mich bis heute prägt.

Als der Alkohol zu Hause einzog

Früher war mein Vater ein liebevoller, geduldiger Mensch. Doch nun veränderte er sich allmählich. Er wurde gegenüber meiner Mutter, meinem Bruder und mir sowohl verbal als auch physisch aggressiv. Er schrie uns oft an, packte uns fest an den Armen oder schubste uns. Als Kinder verstanden mein Bruder und ich lange nicht, was passierte. Ich bekam lediglich mit, dass er sich häufiger in die Küche zurückzog. 

Als ich einmal hereinplatzte, sah ich ihn rasch etwas unter den Tisch packen. Ich ging zu ihm und griff nach dem, was er versteckte, und hielt plötzlich eine Flasche Wodka in der Hand. Was das war, wusste ich. Aber nicht, was ich zu meinem Vater sagen sollte. Ich verließ den Raum. Auch später redete ich mit niemanden darüber, ich wollte keinen Trubel in der Familie auslösen. Doch langsam wurde mir klar, dass das veränderte Verhalten meines Vaters mit dem Trinken zusammenhängen könnte. 

Der Drogen- und Suchtbericht 2019 der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zeigt, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Reinalkohol in Deutschland zwar rückläufig ist, das Land aber im internationalen Vergleich weiterhin zu den Hochkonsumländern zählt. Männer (42,8 Prozent) trinken sich mehr in den Rausch als Frauen (24,6 Prozent). Sie konsumierten mindestens fünf oder mehr alkoholische Getränke an einem der letzten 30 Tage. 4,5 Prozent der Männer sind laut dem Bericht alkoholabhängig. 

Eine Abwärtsspirale

Mein Vater arbeitete als Koch in einem Restaurant. Kochen war seine Leidenschaft, doch sein Beruf hatte auch Schattenseiten: In der Küche herrschte ständiger Druck, der Ton war schroff, es musste abgeliefert werden. Meiner Mutter gegenüber beteuerte er immer wieder, das sei der Grund, warum er – zunächst mäßig – Alkohol konsumierte. Dass er auch an Depressionen leiden könnte, weil er den Tod seiner Mutter nie verkraftete, und auch das ein Grund für den zunehmenden Alkoholkonsum war, stritt er vehement ab. Und trank weiter. Ein Teufelskreis, der sich über Jahre zog.

Je älter ich wurde, umso mehr bekam ich die Alkoholeskapaden meines Vaters mit. Irgendwann begriff ich, dass er abhängig war. Und bekam zunehmend Angst, dass er uns etwas antun könnte, oder sich selbst. Meine Gedanken kreisten jeden Tag um seinen Konsum. Wie viel trinkt er heute? Was wird heute passieren? Ich war ungern zu Hause und verbrachte viel Zeit draußen mit Freunden. Eine Flucht. 

Ich war in der Oberstufe, als die Probleme zu Hause sich verschärften. Mein Vater fing an, auf der Arbeit zu trinken, fast täglich kam er betrunken nach Hause. Sein Verhalten war unvorhersehbar. Ich wusste nie, ob es bei Beschimpfungen bleiben oder er gewalttätig würde. Wenige Monate später verlor er seinen Job, der ihm Stabilität gab, etwas, woran er sich festhalten konnte.

Es gab auch Phasen, in denen mein Vater einsichtig schien. Diese waren jedoch nie von langer Dauer. Einmal erklärte er sich sogar zu einem dreiwöchigen Entzug bereit. Doch als er zurück war, wurde er schon nach kurzer Zeit wieder rückfällig. Heute weiß ich, dass die Rückfälle mit seinen Depressionen zusammenhingen. Diese Diagnose stellte ihm ein Arzt allerdings erst Jahre später. Also blieben meine Mutter und ich wütend und enttäuscht zurück.

Irgendwann ertrug ich die Auseinandersetzungen nicht mehr. Reden brachte nichts. Langsam verfiel ich in Gleichgültigkeit und Hass. Ich wollte nicht mehr in seiner Nähe sein, obwohl ich ihn liebte. Ihn nur noch betrunken und niedergeschlagen zu sehen, tat mir weh. Mit 24 zog ich schließlich aus, weil ich die Situation zu Hause nicht mehr aushielt.

Doch gut ging es mir danach immer noch nicht. Die Angst um meinen Vater, aber auch die Wut, weil ich machtlos war und nicht helfen konnte, machten mich wahnsinnig. Ich weinte heimlich viel, hatte Schuldgefühle und fühlte eine unendliche Traurigkeit in mir. Heute weiß ich, dass ich eine sogenannte Co-Depression entwickelt habe.

Alkoholismus, eine Familienkrankheit

Ria Hankemann von "Der Kompaß", einer Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche alkoholabhängiger Eltern in Hamburg, nennt Alkoholismus eine "Familienkrankheit". Betroffene Kinder und Jugendliche seien enormen Belastungen ausgesetzt, auf die sie mit körperlichen und psychischen Symptomen reagierten.

Viele von ihnen leiden unter Scham- und Schuldgefühlen, haben das Gefühl "nicht zu reichen" und dadurch ein vermindertes Selbstwertgefühl. Das Vertrauen in sich selbst sei erschwert, weil die positiven Vorbilder in der Familie fehlen. Außerdem haben Kinder von Alkoholikern oft Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken. In der Folge entwickeln sie signifikant häufiger Angststörungen und Depressionen.

Betroffenen aus alkoholbelasteten Familien rät Hankemann, sich Hilfe von außen zu holen und das Tabuthema Alkoholismus in der Familie zu öffnen. Eine (psycho-)therapeutische Begleitung könnte hilfreich sein, aber auch eine vertrauensvolle erwachsene Bezugsperson könne einen großen Schutzfaktor bieten. Es gebe grundsätzlich zu wenig Angebote für die hohe Zahl an Betroffenen. Denn: Alkoholismus betrifft nicht nur die Abhängigen selbst, sondern auch die Menschen um sie herum.

Ein letzter Besuch

Die Beziehung meiner Eltern zerbrach in Folge des jahrelangen Alkoholkonsums. Sie ließen sich scheiden, mein Vater zog aus. Das neue Leben hätte eine Chance für ihn sein können, eine andere Richtung einzuschlagen. Doch die Einsamkeit stürzte ihn in eine weitere schwere Depression, die er wieder mit Alkohol betäubte. Ich sah ihn kaum noch. Auch, weil es mir schwer fiel, ihn in seiner traurigen Verfassung zu sehen.

Zwei Wochen vor seinem Tod haben mein Bruder und ich ihn noch einmal besucht. Widerwillig. Meine Mutter hatte darauf bestanden – ihm gehe es gerade nicht gut, und man könne ja nie wissen, was passiert. Als hätte sie etwas geahnt.

Beim Besuch machte mein Vater dann einen guten Eindruck, wir schwelgten in Nostalgie. Ich wunderte mich nur, dass er für einen Frühlingstag dick angezogen war. Er erklärte das mit einer Erkältung. Im Nachhinein erfuhr ich, dass er massive Wassereinlagerungen im Abdomen hatte. Er kaschierte sie, damit wir uns keine Sorgen machten.

13 Tage später kam die Nachricht seines Todes, selbst herbeigeführt. Die Depression und sein Alkoholismus hatten gesiegt. 

Fast 15 Jahre haben meine Familie und ich meinen Vater in seiner schweren Lebensphase begleitet. So etwas geht an keinem spurlos vorüber. Ich entschied mich deshalb für eine psychotherapeutische Behandlung. Ich habe gelernt, dass ein einzelner Mensch nicht alles mit sich selbst klären kann – und das auch nicht muss. Über Depressionen wird in unserer Gesellschaft noch immer selten gesprochen, noch immer sehen manche sie als Zeichen von Schwäche. Doch ich finde: Sich professionelle Hilfe zu holen, zeugt von enormer Stärke. Und eine Depression ist gut behandelbar.

Dem Alkohol habe ich inzwischen vollständig den Rücken gekehrt, ich trinke überhaupt nicht. Nicht, nachdem ich gesehen habe, wie Trinken einen Menschen psychisch und physisch zerstören kann.  

Brauchst du Hilfe?

Hast du das Gefühl, nicht mehr mit deinem Leben klarzukommen? Fühlst du dich alleine oder kreisen deine Gedanken immer wieder um dasselbe Thema? Hier findest du – auch anonyme – Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.


Uni und Arbeit

"Wenn ich mir zum Tag der Arbeit eines wünschen könnte, dann: einfach mal gewürdigt werden"
Ein Bauarbeiter, eine Sozialarbeiterin, eine Grundschullehrerin, ein Kioskbesitzer und ein Busfahrer erzählen, was die Coronakrise für sie bedeutet.

Der 1. Mai, Tag der Arbeit, damit assoziieren viele vor allem: Demos, Krawalle, Party. In diesem Jahr wird es das nicht geben, große Demonstrationszüge oder Straßenfeste sind wegen des Coronavirus nicht erlaubt. Doch die Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt bleiben, mehr noch: In der Coronakrise kommen sogar neue hinzu.

Denn nicht alle können gerade zu Hause arbeiten. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen täglich raus. Sie arbeiten auf Baustellen und in Schulen, als Busfahrer und Sozialarbeiterinnen. Sie leisten wichtige Arbeit und werden trotzdem kaum gesehen. Wir haben sie gefragt, wie Corona ihren Job verändert, was die größten Probleme sind und welche Verbesserungen sie fordern.

Safa, 25, Bauarbeiter