Bild: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa
Drei junge Menschen erzählen von ihren Erfahrungen.

Ob im Cafe, im Restaurant oder in der Bar: viele junge Menschen verdienen sich mit Kellnern etwas dazu oder arbeiten Vollzeit in Gastro- und Hotelbetrieben.

Ein häufiger Begleiter im dortigen Arbeitsalltag ist der Alkohol. Primär ist er natürlich für Gäste bestimmt, doch nicht selten trinkt auch das Personal mit. Ein Schnaps hier, ein Bierchen da, ein Tequila dort. Ist ja nichts dabei – oder? Bezahltes Saufen - für den einen oder anderen klingt das sehr verlockend.

Regelmäßiger Konsum am Arbeitsplatz kann aber gefährlich sein. Studien aus den USA und Skandinavien zeigen: 

Für Gastronomiemitarbeiter besteht ein überdurchschnittlich hohes Suchtrisiko.

Dr. Darius Chahmoradi Tabatabai, Chefarzt der Hartmut-Splitter-Fachklinik in Berlin, sieht vor allem einen Grund für die erhöhte Gefährdung: die Verfügbarkeit. "Ist Alkohol am Arbeitsplatz leicht verfügbar, steigt der Reiz, zuzugreifen", sagt er. Außerdem könnten gruppendynamische Phänomene, etwa der Drang, dazuzugehören, die Konsumbereitschaft erhöhen – und damit das Abhängigkeitsrisiko.

Wer charakterlich nicht zu Abhängigkeitsverhalten neige, könne aber trotzdem risikoarm in Gastronomiebetrieben arbeiten, sagt Tabatabai. Nur Menschen mit risikobehaftetem Persönlichkeitsprofil, die zum Beispiel Abhängigkeitserfahrungen im familiären Umfeld haben, müssten aufpassen. Für sie steige das Suchtrisiko deutlich.

Was sagen Menschen dazu, die selbst in der Gastronomie aktiv sind oder waren?

Wir haben drei junge Leute gefragt, welche Rolle Alkohol und andere Drogen in ihrem Arbeitsalltag spielen.

Nina, 22, studiert Biochemie

Ich trinke gerne Alkohol und habe Spaß daran, mit Menschen in Kontakt zu treten. Deshalb ist die Gastronomie für mich die optimale Branche. Hinter der Bar kann ich Hobby und Nebenjob verbinden.

Es gibt eigentlich keine Schicht, in der ich keinen Alkohol trinke. Da können auch mal drei Liter Bier zusammenkommen. Viele meiner Kollegen trinken noch deutlich mehr. Manche von ihnen koksen auch während ihren Schichten. Das wird nicht groß hinterfragt.

Die Stimmung ist einfach entspannter, wenn bei der Arbeit getrunken wird. In der Gastro bist du permanent unter Stress. Der Alkohol hilft dir, runterzukommen.

Ich arbeite meistens am Wochenende, nach Feierabend trinken wir oft noch weiter. Manchmal geht dafür das ganze Trinkgeld drauf. Dann hast du ein Wochenende hart gearbeitet – und trotzdem kaum verdient. Da kommt man natürlich auch mal ins Grübeln.

In Phasen, in denen ich sehr viel arbeite, gelte ich je nach Definition wahrscheinlich schon als Alkoholikerin. Ich finde aber nicht, dass ich abhängig bin. Ich habe es unter Kontrolle. Zurzeit bin ich zum Beispiel sehr beschäftigt in der Uni, deshalb arbeite ich nicht und trinke auch deutlich weniger. Als Alkoholikerin könnte ich das nicht.

Außerdem glaube ich, ich würde wochenends genauso viel trinken, wenn ich nicht in der Gastro angestellt wäre. Dass die Arbeit einen schlechten Einfluss auf mich hat, denke ich deshalb nicht. Wer aber tatsächlich ein Abhängigkeitsproblem hat, den unterstützt die Gastronomie definitiv, seine Sucht auszuleben.

Katja*, 24, Hotelfachangestellte

Ich habe direkt nach dem Abitur eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht. Die ersten sechs Monate arbeitete ich an der Bar. Eine meiner ersten Beobachtungen war, dass viele Kollegen dort sehr verbraucht aussehen. Viel älter als sie eigentlich waren.

Ich denke, das liegt an den harten und unregelmäßigen Arbeitszeiten. Aber auch am Alkohol und den härteren Drogen. Im Food-and-Beverage-Sektor, also dort, wo Alkohol verfügbar ist, wird im Vergleich zu anderen Hotelbereichen deutlich mehr konsumiert. Vor allem in der Küche. Viele griffen zu Speed oder anderen Aufputschmitteln, um sich neue Energie zuzuführen.

Für mich selbst sind harte Drogen ein No Go. Ich habe viel zu große Angst vor den negativen Folgen, als dass ich mich da rantrauen würde. Alkohol trinke ich schon, aber nie bei der Arbeit.

Nach Feierabend bin ich häufig mit Kollegen ausgegangen. Dort wurde natürlich viel getrunken. Mit der Zeit entwickelte sich so etwas wie ein Stammtisch, dort konnte man jeden Abend mit Kollegen trinken. Andere soziale Kontakte hatte ich wegen meiner Arbeitszeiten sowieso kaum, so wurde das Trinken zur Routine. Und wenn man gesagt hat, dass man mal eine alkoholfreie Woche einlegt, war das für viele ein Problem.

Es gab einen Kollegen, bei dem der Konsum aus dem Ruder lief. Wir überredeten ihn, eine Alkoholpause einzulegen. Eine Woche. Er hatte richtiggehend Entzugserscheinungen, hat nachts geschwitzt und gezittert. Letztlich hat er die Woche nicht durchgehalten – ist quasi rückfällig geworden. Das hat mir gezeigt, wie problematisch so ein konsumfreudiges Umfeld werden kann.

Seit knapp zwei Jahren arbeite ich in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Hier ist die Situation komplett anders. Alkohol ist sehr viel teurer und im Hotel sind die Regeln um einiges strenger. Dass hier jemand am Arbeitsplatz trinkt oder sogar härtere Drogen nimmt, habe ich noch nie erlebt. Das wäre unvorstellbar.

Lars, 25, Controller 

Ich habe sechs Jahre lang in Restaurants und Bars gearbeitet, teilweise in Vollzeit. Ich liebe die Gastronomie, der Kontakt mit den Gästen und die Zusammenarbeit mit den Kollegen haben mir großen Spaß gemacht. Trotzdem habe ich vor einem Jahr die Branche gewechselt – und das lag auch am Alkohol. 

Im ersten Betrieb, in dem ich gearbeitet habe, herrschte für das Personal ein striktes Trinkverbot, das auch eingehalten wurde. In allen anderen Läden gab es solche Regelungen entweder nicht oder sie wurden nicht ernstgenommen – selbst vom Chef nicht. Egal ob Student oder Ü50: alle haben getrunken.

Irgendwie gehört der Alkohol einfach dazu, auch weil er das Arbeiten leichter macht. Nach zwei, drei Bier geht man einfach lockerer mit den Gästen um. Das ist gut für den Umsatz. Und für das eigene Trinkgeld.

Nach einer Weile war es für mich total normal, im Laufe einer Schicht fünf bis sechs Bier zu trinken. Danach bin ich mit Kollegen oft noch weitergezogen, drei, vier Mal pro Woche. Dann liegst du um drei Uhr nachts Zuhause im Bett und bist voll.

Das Schlimme ist: Irgendwann merkst du gar nicht mehr richtig, dass du betrunken bist. Du gewöhnst dich total daran, in diesem Zustand zu arbeiten.Der Job macht Spaß, du verdienst ordentlich – und trinkst dabei eben ein bisschen. 

Ich denke nicht, dass ich vom Alkohol abhängig war. Aber ich glaube definitiv, dass ich süchtig hätte werden können, wenn ich länger in der Branche geblieben wäre. Ich habe es ja bei älteren Kollegen gesehen: Da waren einige Alkoholiker dabei, auch wenn sich das nicht alle eingestehen würden. Die Gastronomie ist ein tolles Gewerbe, aber so will man nicht enden. 


Gerechtigkeit

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