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Ich würde gern sagen, dass ich nur ein einziges Mal in meinem Leben in meiner eigenen Kotze aufgewacht bin. Tatsächlich ist das aber zweimal passiert. Beim zweiten Mal habe ich auf das Bettgestell gekotzt, es ist in das helle Holz eingezogen und als gelblicher Schleier dort geblieben.

Und obwohl ich nun jeden Tag daran erinnert wurde, was Alkohol mit mir machen kann, änderte das an meinem Trinkverhalten erst mal nichts. Denn in unserer Gesellschaft ist so etwas erschreckend normal.

Als Teenager war Alkohol die Eintrittskarte zu einem richtigen Sozialleben. Vorher waren meine Treffen mit Freundinnen keusche Gänge durch das Einkaufszentrum, Abende mit Reese Witherspoon-DVDs und selbstgemachtem Popcorn. Jetzt trafen wir uns abends, im Park, bei denjenigen, die gerade sturmfrei hatten, oder in den Bars der Stadt, die dafür bekannt waren, nicht nach dem Ausweis zu fragen. Auf einmal fühlten sich diese Treffen erwachsen an, es gab offenere Gespräche, es gab Jungs. Vor allem aber gab es Alkohol.

Ohne ihn hätte nichts funktioniert – oder zumindest schien es uns so. Statt miteinander zu knutschen, hätten die Jungs und Mädchen in gegenüberliegenden Ecken des Raumes gestanden. Und statt laut Witze zu machen, hätte ich einfach gar nichts gesagt. 

Als unsichere Teenager hatten wir Angst, diese Zeit des Umbruchs ohne den flüssigen Mutmacher zu erleben. Und lernten früh eine ebenso verbreitete wie gefährliche Lektion: dass Geselligkeit und Trinken zusammengehören. Obwohl ich genau so früh lernte, wie schädlich Alkohol sein kann.

Gemäßigten Alkoholkonsum kannten wir nicht. Wer hätte uns den auch beibringen sollen? Unsere Eltern wussten ja nicht mal, dass wir überhaupt tranken. Also tranken wir, bis es nicht mehr ging.

Für mich hieß das meistens: bis zum Erbrechen. Und bis zum Vergessen.

Ich vergaß ganze Abende, Orte, Personen, Ereignisse. In meinem Freundeskreis wurde das damals zu einem Running Gag, auch andere hatten ihr typisches Sauf-Verhalten: Da war Tom, der sich früher oder später auszog, wenn er besoffen war, oder Hannah, die immer irgendwann anfing zu weinen. Wir fanden das cool. Wir waren langweilige Gymnasiasten in einer langweiligen deutschen Großstadt, aber der Alkohol machte uns zu einer Art wodkagetriebenen Superhelden-Gang.

Mit ziemlich beschissenen Superkräften. Der Alkohol senkte nicht nur Hemmungen, die uns lästig erschienen, sondern auch solche, die eigentlich sinnvoll sind. Denn natürlich ist es überhaupt nicht cool, wenn ein Minderjähriger einem Haufen anderer Minderjähriger seinen Penis zeigt, oder jemand vor versammelter Mannschaft anfängt zu weinen. 

Und spätestens am nächsten Morgen kamen noch dazu: ätzende KopfschmerzenÜbelkeit, blaue Flecken und Schrammen, weil man gestürzt war, und natürlich die Scham über das, was man am Abend zuvor gesagt oder getan hat.

Man hätte erwarten können, dass sich das besserte, als ich dem Teenie-Alter entwuchs. Aber das geschah leider nicht. 

Ich zog aus und zum Studieren in eine andere Stadt. Alles war neu, ich kannte niemanden. Den meisten Kommilitonen ging es genauso. Weit weg von Zuhause, wo wir uns mühselig eine Rolle erarbeitet hatten, standen wir auf einmal wieder da wie Teenager. Und wie Teenager griffen wir wieder zu dem Hilfsmittel, von dem wir wussten, dass es Dinge beschleunigen konnte. Alkohol gab es bei Einführungswochen und Uni-Partys mehr als genug.

Der Kater und das schlechte Gefühl am nächsten Morgen blieben. Aber es machten eben alle so – also machte ich mit. Ich wollte schließlich auch nicht gleich im ersten Semester als Spaßbremse bekannt werden.

Es gab Wochen, in denen ich jeden Abend unterwegs war, mich morgens zu Vorlesungen schleppte und dann den Rest des Tages im Bett siechte, bis es abends weiterging. 

Meinen Körper habe ich in diesen Wochen in einen pausenlosen, selbstinduzierten Krankheitszustand versetzt. Wäre es mir bei einer Grippe so schlecht gegangen, hätte ich nicht das Haus verlassen. Überhaupt: Hätte irgendeine andere Aktivität dermaßen schlimme Nachwirkungen, würde ich sie nie wiederholen.

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Keiner hat mir jemals gesagt, dass mein Trinkverhalten ein Problem sein könnte. 

Im Gegenteil. Im Freundeskreis fanden es alle gut, dass ich immer noch einen Drink mitbestellt habe, dass ich auch noch auf den dritten Kater in Folge ein Konterbier nahm. Neulich traf ich einen Freund aus der Schule, der heute viel arbeitet und nostalgisch wurde, wie gut man ja früher mit mir saufen konnte.

Lobende Kommentare wie dieser machten es mir so umso einfacher, meine eigenen Bedenken zu ignorieren. In der Summe erschaffen sie eine kollektive gesellschaftliche Lüge, die wir uns gegenseitig über unseren Alkoholkonsum erzählen.

Selbst wenn jemand mir gesagt hätte, dass ich vielleicht mal weniger trinken sollte: Mich zu kritisieren, hätte für die anderen letztlich immer auch bedeutet, sich selbst zu kritisieren. Denn alle trinken. Und alle trinken zu viel. Jeder von uns weiß, dass Alkohol schadet. Dass ein Vollrausch erst recht schadet, jedes Mal Millionen Gehirnzellen unwiederbringlich vernichtet. Dass Alkohol süchtig machen, Beziehungen und Familien zerstören kann. 

Trotzdem entscheiden wir uns immer wieder für den Suff. Weil Alkohol entspannt, Hemmungen löst, oder auch einfach nur Spaß macht. Und weil wir das offensichtlich so sehr brauchen, dass wir in Kauf nehmen, dass wir stunden- und tageweise kaputt, krank und nutzlos werden.

Dass diese Abwägung sehr kurz gedacht ist, ist uns vermutlich allen irgendwie klar. Doch die Auseinandersetzung damit verdrängen wir – und erzählen uns stattdessen immer wieder, dass das alles ja ganz harmlos, ja sogar witzig ist.

Dass ich selbst heute weniger trinke, hat vor allem praktische Gründe. 

Ich arbeite Vollzeit. Am Wochenende einen oder sogar zwei Tage Freizeit wegen einer durchsoffenen Nacht und einen verkaterten Tag zu verlieren, kann – oder will – ich mir nur noch selten erlauben. 

Wenn ich zurückdenke an die "wilden Zeiten", sind meine Gedanken trotzdem schöne. Ich denke an lange Nächte im Sommer im Park, an Kneipentouren mit Jukebox-Soundtrack, an lange Gespräche am Küchentisch. An den Morgen im zugekotzten Bett denke ich eher nicht.

Wahrscheinlich möchte ich mir einfach nicht eingestehen, dass diese schönen Erinnerungen einen unschönen Preis hatten. Und dass sich dieser Preis rational nicht rechtfertigen lässt. Höchstens schöntrinken. Bis der Kater wieder kommt.

*Die Autorin möchte für diesen Artikel anonym bleiben. Ihre Identität ist der Redaktion bekannt.


Fühlen

"The Perfect V" – sind Vulva-Pflegemasken feministisch?
Eine Firma will mir Produkte für meine "Vagiküre" verkaufen.

Ich bin Beauty-Nerd. Das fing an, als ich 12 war und meine müden Augen vor dem Unterricht mit tiefschwarzem Kajal umrandete und meine Unreinheiten unter einer Puderschicht versteckte. Ich wollte älter aussehen oder wenigstens anders. Heute mache ich mich morgens nicht mehr "zurecht", weil ich schön sein will – sondern weil ich mich wohl fühlen möchte.

Der Gebrauch von Schönheits- und Pflegeprodukten ist für mich ein Ritual. Ich genieße die Zeit. Kann jeden Morgen neu bestimmen, wer ich bin - das hat etwas Eskapistisches.

Ich bin aber auch Feministin. Und hier wird es für viele unglaubwürdig. Wie soll das gehen? Regelmäßig wird mir "kognitive Dissonanz" attestiert. Also: auf den ersten Blick unvereinbare Überzeugungen.

Und einfach ist es wirklich nicht, beides zu vereinen. Das habe ich gerade wieder gemerkt, als ich auf der Seite meines Lieblingsshops durch die neuen Angebote scrollte.

Dazu muss man wissen: Ich verfolge die News der Beauty-Welt wie Aktionärinnen den DAX.

Mir fiel dabei eine neue Pflegeserie auf: "The Perfect V." Die Umverpackung sieht edel aus, die Produkte sind teuer.

Ein Serum für 58€. Passend dazu gibt es Tuchmasken, ein Peeling, Feuchtigkeitspflege. Eine schimmernde Creme zum "Highlighten", ein Waschgel und sogar ein duftendes Erfrischungsspray. Alles wird mir in skandi-stylischem Design angeboten. Genau mein Ding, dachte ich und klickte darauf.

Und merkte: Das V steht nicht für Voldemort oder Vendetta – sondern für Vulva.

Die Firma schreibt stattdessen "V-Area", aber es wird klar, wovon die Rede ist. Pflege- und Beautyprodukte für den Intimbereich, diskret in Hochglanz vermarktet. Im Werbespot erklärt mir eine Frau, dass eine "Vagiküre" nur die logische Fortsetzung von Mani- und Pediküre sei.

Malerische Piano-Klänge unterlegen das Video. Schauspielerin ist die 26-jährige Bloggerin Mathilde Goehler.