​Über die Kunst, Akt zu stehen

Im Internet, in Werbespot, Filmen und auf Theaterbühnen – überall sehen wir Nacktheit. Und doch verstecken wir im Alltag instinktiv unseren Körper vor anderen, aus Angst beurteilt, kritisiert, reduziert zu werden.

Ich habe entschieden, meinen Körper bewusst zu zeigen, in Szene zu setzen, in einem Umfeld, in dem ich wusste, dass ich mich nicht verletzlich mache. In der Kunst: beim Modell-Stehen.

An einem Dienstagabend im Mai sehe ich in der U-Bahn viele fremde Menschen, die ins Leere starren, in ein Buch vertieft sind, mit ihrem Nachbarn diskutieren, auf ihrem Smartphone herumtippen oder mit Kopfhörern im Takt zur Musik wippen.

Ich frage mich, wohin sie wohl fahren. Werden sie sich auf ihr Sofa schmeißen und eine Serie schauen? Werden sie sich mit Freunden in einer Bar treffen? Das Äußere sagt so wenig über einen Menschen aus, über das, was er tut, was ihn bewegt. Ich glaube, keiner hätte mich angesehen und geahnt, was ich in den nächsten zwei Stunden vorhabe.

Nackt und unbeweglich bleiben.

Schnell steige ich die Treppen der U-Bahn-Station hinauf, bald habe ich das Atelier erreicht, in dem sieben Menschen auf mich warten. Sechs Zeichner, vermutlich zwischen 18 und 65 Jahre alt, und die Zeichenlehrerin, sie wird die Künstler und mich begleiten und anleiten.

Hinter einer Trennwand im Hauptraum des Ateliers lege ich meinen Rucksack ab und ziehe meine Kleidung aus. Schnell schlüpfe ich in meinen Bademantel und komme mir lächerlich vor, denn in ein paar Sekunden stehe ich völlig nackt vor fremden Menschen, zwei Stunden werden sie mich betrachten und jedes Detail meines Körpers mustern.

Noch etwas außer Atem steige ich auf die runde Bühne, um die ein Scheinwerfer und zwei Elektro-Heizungen stehen. Meine Beine zittern als ich die erste Pose einnehme, die ich fünfzehn Minuten halten werde. Ich setze mich auf ein Tuch auf dem Boden, stütze meinen rechten Ellbogen auf einem Schemel ab, drehe meinen Kopf und meinen Blick nach links.

Jede Falte, jede Narbe, jedes Schamhaar, jeden Pickel, jedes Muttermal.

Ich bin erstaunt, wie lang eine Viertelstunde dauert, wenn ich mich nicht bewegen darf. Während ich mich konzentriere, die Pose auf den Zentimeter genau einzuhalten, versuche ich, meinen Atem zu beruhigen. Es ist mir unangenehm, dass meine Brust sich schnell hebt und senkt. Ich muss ein Lachen unterdrücken, sollte es mir nicht viel unangenehmer sein, dass ich völlig nackt vor Menschen stehe, die alles an mir sehen? Jede Falte, jede Narbe, jedes Schamhaar, jeden Pickel, jedes Muttermal.

Die Urteile von Freunden und Fremden.

Ich stehe das zweite Mal Modell, nur sehr wenigen Freunden habe ich davon erzählt. Ich habe Angst vor dem Urteil anderer. Kaum einer versteht den Reiz, sich vor einer Gruppe fremder Menschen auszuziehen und zu versuchen, still sitzen zu bleiben.

Nach dem ersten Mal hat ein Freund mich gefragt, ob ich es erotisch gefunden hatte, mich nackt zeichnen zu lassen. Lachend hatte ich zurückgefragt, was denn erotisch daran sei, vor angezogenen Menschen zu stehen, zu sitzen oder zu liegen und angestrengt darauf zu achten, keinen Muskel zu bewegen? Nein, als Aktmodell zu arbeiten hat in der Regel keine Ähnlichkeit mit der berühmten Szene aus "Titanic".

(Bild: Imago)

Ich stehe für mein Selbstbewusstsein Modell. Ich will meine Selbstsicherheit auf die Probe stellen und herausfinden, wie es ist, sich nackt zur Schau zu stellen, ohne Kleidung, hinter der ich mich verstecken kann. Es ist eine einzigartige Erfahrung, seinen Körper einmal ganz anders wahrzunehmen und in der Tatsache, nackt zu sein, keine Unsicherheit oder Scham zu empfinden.

In der Gruppendusche im Schwimmbad oder bei Übernachtungen mit Freunden – selbst nach dem Sex mit dem Partner verstecken die meisten Menschen instinktiv ihren Körper. Wir schämen uns. Jemand könnte meinen, meine Brust sei zu klein oder mein Po zu dick oder vielleicht habe ich einen Pickel am Rücken, den ich noch nicht entdeckt hatte.

In diesen zwei Stunden wird mein Körper zu Linien, zu Formen, zu vertikalen und horizontalen Achsen.
Während ich auf der Bühne stehe, vergesse ich fast, dass ich nackt bin.

Ich weiß, dass meine Nacktheit keine Rolle spielt und dass die Zeichner meinen Körper nicht als ein Objekt der Begierde oder der Beurteilung sehen. In diesen zwei Stunden wird mein Körper zu Linien, zu Formen, zu vertikalen und horizontalen Achsen. Selbst die unangenehmen Falten, die auf meinem Bauch beim Sitzen auftauchen, verwandeln sich in dieser Situation zu einer zeichnerischen Herausforderung, die so genau wie möglich erfasst werden, während ich versuche, den Blick auf meinen Fuß gesenkt zu lassen und in meinem Kopf die Sekunden zähle, bis ich meine kribbelnde Hand wieder bewegen kann.

Zurück in der U-Bahn frage ich mich erneut, wohin die Menschen fahren, was sie gleich tun werden. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn alle Menschen in diesem Waggon nackt wären.

Ich will so nicht die Nervosität vor einem Bewerbungsgespräch abschütteln. Sondern ich will wegen wegen eines perfekt sitzenden Anzugs, wegen eines Minirocks oder eine Käppi keine Schlüsse über einen Menschen ziehen.

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