Warum "Fridays for Future" Hilfe von "Psychologists for Future" bekommt

Burn-out, damit verbindet man Stress und Leistungsdruck. Als Risikogruppe gelten Workaholics, Menschen, die zeitintensiver und zwischenmenschlich fordernder Arbeit nachgehen. Doch nicht nur Top-Manager sind gefährdet, auszubrennen, sondern auch Aktivistinnen und Aktivisten. Diese setzen sich jeden Tag mit globalen Ungerechtigkeiten auseinander und leisten meist unbezahlt wertvolle politische Arbeit – bekommen aber in der Regel keine extra Urlaubstage für ihren Beitrag zum Gemeinwohl.

Ashley Forsson, die sich öffentlich besonders auf ihrem Instagram-Profil für feministisches Empowerment und gegen Rassismus einsetzt, kennt den Konflikt zwischen ihrem politischen Engagement und der eigenen Selbstfürsorge: "Oftmals ist es schwer, mitten im Aktivismus aufzuhören", sagt sie. Auch im Zuge der "Black Lives Matter"-Bewegung erlebt sie eine Welle von Anfragen, denen sie gerecht werden will. Die permanente Abrufbarkeit Sozialer Medien und der Wille zur Veränderung übertönen zuweilen ihren inneren Radar, der Pausen einfordert. "Zum Glück erinnern mich Freunde und auch meine Community daran, zur Ruhe zu kommen. Sie merken es manchmal eher als ich selbst."

Ashley Forsson, Aktivistin, Youtuberin und Moderatorin

(Bild: Privat)

"Psychologists for Future"

Inzwischen gibt es zivilgesellschaftliche Initiativen, die diesen Bedarf erkannt haben und Unterstützung anbieten: für Aktivisten, um Frustration und Erschöpfung entgegenzuwirken. Die 2019 ins Leben gerufene Initiative "Psychologists for Future", die sich inspiriert von der "Fridays for Future"-Bewegung gegründet hat, unterstützt beispielsweise Klimaprotestierende. Die Klimakrise, so die Grundannahme, ist nicht nur eine ökologische Krise, sondern auch ein psychologisches Problem. Menschen verdrängen einerseits und sind andererseits oft besorgt über ihre Zukunft.

Die emotionale Verarbeitung gesellschaftlicher Probleme ist aufreibend und nicht pünktlich um 18 Uhr abgeschlossen. Besonders, wenn man sich dem Kampf gegen diese Probleme so verpflichtet, wie Aktivistinnen es tun. "Es ist einfach frustrierend zu sehen, wie dringend und schnell gehandelt werden müsste – und wie langsam Politik und Gesellschaft tatsächlich darauf reagieren", sagt Katharina van Bronswijk, Psychologin und Pressesprecherin von "Psychologists for Future". „Das kann zu einem starken Handlungsdruck der Aktivistinnen führen und zur Tendenz sich zu verausgaben." Oft seien junge Menschen zunächst sehr motiviert sich einzusetzen. Dabei haben sie aber den Wunsch, möglichst schnell Ergebnisse zu sehen – doch Veränderung braucht Zeit, gerade wenn es um strukturellen Wandel geht. Wenn idealistische Erwartungen und die Schwerfälligkeit des Systems kollidieren, ist eine Enttäuschung vorprogrammiert. Und so kommt es dazu, dass viele Aktivisten unter Erschöpfungssymptomen leiden, deprimiert sind und an der eigenen Selbstwirksamkeit zweifeln.

Eine Maßnahme der "Psychologists for Future" ist es deshalb, auch kleine Schritte hin zu einer nachhaltigen Politik wertzuschätzen. Etappenziele der Klimapolitik gemeinsam zu feiern und dabei die nachhaltige Vision nicht aus den Augen zu verlieren, gehöre zu einer gesunden Art von "Stimmungsmanagement".

Klimaschutz braucht Zeit

Van Bronswijk erklärt, dass man einen langen Atem braucht, um gesellschaftlichen Wandel zu erreichen. "Klimaschutz ist ein Marathon und kein Sprint", betont die Pressesprecherin. Aktivisten müssen deshalb an ihrer "Klimaresilienz" arbeiten, einem angepassten Umgang mit den bedrohlichen Herausforderungen zum Schutz unserer Erde. Die Resilienz wappnet für stressverursachende und kontroverse Fragen, lotet Handlungsoptionen aus: "Wie verhindern wir die Verschlimmerung der Klimakrise? Wie gehen wir als Gesellschaft und Einzelne konstruktiv mit klimabedingten Krisen wie Überschwemmungen, Ressourcenknappheit sowie sozialen Konflikten um?"

Die Organisation bietet kostenlose Beratung sowie Workshops an, welche die "Klimaresilienz" und nachhaltige Selbstfürsorge stärken. Die Psychologinnen und Psychologen bieten Beratungsgespräche in Regionalgruppen an und sensibilisieren Aktivistinnen für Themen wie gewaltfreie Kommunikation und Burn-out-Risiken. Man kann sich per E-Mail bei der Organisation melden, um mit Expertinnen und Experten vor Ort vernetzt zu werden.

Die Klimakrise habe dabei vieles mit anderen gesellschaftlichen Problemen wie Sexismus oder Rassismus gemein, erklärt die Psychologin. Die Bereitschaft zur Veränderung gesellschaftlicher Denk- und Handlungsweisen bleibe der Schlüssel für langfristigen Wandel und für eine Entlastung der Aktivisten. Das politische Bewusstsein über den Zustand unserer Welt darf nicht lähmen.

Ashley Forsson kennt solche Gefühle. Gerade Gespräche auf Sozialen Netzwerken sind für sie zuweilen energieraubend und emotional aufgeladen. Inzwischen hat sie sich an diese Schattenseiten des politischen Engagements fast schon gewöhnt: "Ich habe akzeptiert, dass Frust und Erschöpfung dazugehören", sagt sie. "Es sind Emotionen und Zustände, die uns zu Menschen machen und sich nicht vermeiden lassen."

Ganz konkrete Tipps der Psychologin gegen individuelle Verausgabung sind auch hier das altbekannte Trio von Schlaf, Sport und ausgewogener Ernährung. Ashley kümmert sich auch um Zufluchtsorte, in denen sie sich vom Aktivismus erholen kann: "Meinen 'Safe Space' schaffe ich mir selbst, indem ich meditiere und Social Media-freie Tage einplane."

Die Gesellschaft trägt Verantwortung

Wer sich im Job überarbeitet, kann eine Auszeit nehmen oder eine neue Arbeitsstelle suchen. Bei Aktivisten ist die Ursache des Stress aber tiefer gelagert. Wer gesellschaftliche Probleme bewusst wahrnimmt, kann sie oft nicht mehr ignorieren. Und braucht Verbündete, um wirklich etwas zu bewirken. Van Bronswijk betont deshalb die Komplexität gesellschaftlicher Probleme: "Für eine kollektive Resilienz im Umgang mit großen Krisen haben wir als Menschheit noch Entwicklungspotenzial."

Was das meint: Wir müssen noch mehr nach gemeinschaftlichen Lösungen für globale Probleme suchen. Aktivistinnen dürfen sich nicht wie Sisyphos fühlen, der den Stein immer wieder allein den Berg hochrollte. Sie brauchen Schutz und Unterstützung für ihren Einsatz.

Sie können nur wirksam für Nachhaltigkeit oder Gleichberechtigung kämpfen, wenn wir als Gesellschaft die Relevanz ihrer Arbeit anerkennen. Denn man könnte sagen: Aktivisten gehören ebenso zur Risikogruppe für Burn-outs wie Manager großer Konzerne – für unsere Zukunft sind sie aber mit Abstand systemrelevanter.


Fühlen

Plastische Chirurgie vs. Body Positivity: "Ich frage mich schon: Musste das sein?"
Influencerin und Comedienne Mademoiselle Nicolette im Interview

Liebe, Partnerschaft, Sex – das sind die bevorzugten Themen von Mademoiselle Nicolette. Auf Instagram beantwortet die 32-Jährige die Fragen ihrer Followerinnen und Follower mit viel Witz und wenig Tabus. 

Auch um ihr Äußeres geht es in ihren Beiträgen oft. Aufgespritzte Lippen, geliftete Augenbrauen und ein von der Chirurgie geformter Körper – Mademoiselle Nicolette macht kein Geheimnis daraus, dass sie von Kopf bis Fuß "gemacht" ist. Ihre Follower nimmt sie quasi mit in den OP, die schmerzhafte Zeit unmittelbar danach können sie ebenso hautnah miterleben. 

Im Interview mit bento spricht Mademoiselle Nicolette darüber, warum Body Positivity und Schönheitschirurgie für sie kein Widerspruch sind.