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Und warum sie sich damit selbst im Weg stehen.

Nach der Vorlesung schlendern wir über den Campus. Ich erzähle einer Freundin von meinem neuen Fitnesstrainer Marcel. Okay, ich schwärme ein bisschen. Ganz ernst meinen wir es nicht, wir schmunzeln. Ich scherze weiter, Marcel, den könne man doch mal daten. "Aber der hat ja nicht studiert", sagt sie. 

Sowas höre ich nicht zum ersten Mal: Sprüche wie "Ich möchte keine Freundin, die keinen Masterabschluss hat" oder "Ich matche bei Tinder nur Leute von der Uni", sind im Laufe meines Studiums ein paar Mal gefallen. Freunde und Freundinnen haben es einfach dahingesagt. Es war nie böse gemeint. Schnell wurde das Thema gewechselt.

Heute studiert etwa die Hälfte eines Abiturjahrgangs und nicht alle kommen aus einem Akademikerhaushalt (ZEIT Campus). Aber die Sprüche meiner Freunde zeigen: Auch obwohl ein Studium für die meisten kein exklusives Privileg mehr ist, sind bestimmte Denkweisen noch immer fest verankert.

Es scheint meinen Uni-Freunden beim Dating wichtig zu sein, ob jemand einen akademischen Abschluss hat.

Auf der einen Seite sehen sie die Menschen, die eine Ausbildung machen, auf der anderen Seite die im Studium. Auszubildende hier, Studierende dort. Meistertitel gegen Hochschulabschluss. Sie unterscheiden und sie werten. Bei dieser Rechnung verlieren die, die nicht studiert haben. Warum?

Meist machen solche Aussagen Freunde, die selbst aus Akademikerfamilien kommen. Sie kennen es wohl nicht anders, sind so sozialisiert worden. Ihre Eltern – und manchmal sogar Großeltern – sind bereits zur Universität gegangen. Schon in der Grundschule war klar: Auch sie studieren irgendwann.  

Früher war ich wertfrei. Heute ertappe ich mich manchmal, wie ich selbst kategorisiere.

Meine Eltern haben nicht studiert. Ob Ausbildung oder Studium: Sie haben mir überlassen, was ich machen möchte. Ihnen war auch egal, ob mein Freund studiert. Deshalb habe ich nie gedacht, dass ein akademischer Abschluss etwas über eine Person aussagt. Das war weder gut noch schlecht. Vor allem: Kein Kriterium für eine Partnerschaft.

Manche Leute machen eine Ausbildung, andere studieren eben. Beides ist auf unterschiedliche Weise hart. Eine meiner besten Freundinnen hat die Schule noch vor dem Abi beendet und auch meine Schwester macht eine Ausbildung. Ich erlebe, wie anspruchsvoll ihre Prüfungen sind, wie viel sie lernen und daneben noch arbeiten müssen.

Und trotzdem passiert es mir manchmal, dass ich Menschen vorschnell bewerte. 

Mein Uni-Umfeld macht es mir schließlich vor. Ich frage Leute nach ihrem Lebenslauf und leite automatisch Dinge davon ab. Selbst bei Bumble oder Tinder kann man einstellen, welchen Abschluss man hat. Ist dort eine Uni eingetragen, zieht das offenbar wieder Menschen von der Uni an.

Definieren wir uns zu sehr über unseren akademischen Abschluss?

Nicht nur meine Freunde oder Dates unterscheiden: An der Uni war ich plötzlich "Arbeiterkind". Das ist in einigen Branchen sogar gefragt, im Journalismus etwa will man die Redaktionen vielfältiger gestalten. Uns Arbeiterkinder müsse man fördern, habe ich immer wieder gehört. Aber auch wenn es nicht so gemeint ist, klingt es wertend. Abwertend. Ein kleines bisschen wie ein Problemfall. Ich bekomme diesen Stempel aufgedrückt. Passiert dasselbe bei der Partnersuche?

Die Uni ist kein Ort, an dem man Diversität findet:

Vergangenes Jahr hat der "Bildungstrichter" des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung gezeigt, dass die Aufstiegschancen in Deutschland noch immer vom Bildungsstand der Eltern abhängen (SPIEGEL ONLINE). Von 100 jungen Menschen aus Nicht-Akademikerfamilien beginnen nur 27 ein Studium. Haben die Eltern einen Hochschulabschluss, sind es 79. Fast dreimal so viele.

Zu einer Freundin, die mit einem Elektriker zusammen war, sagte man im Freundeskreis: "Was willst du denn mit dem?" Blöde Frage. Denn was wollte sie schon? Zuneigung zum Beispiel. Manche sorgen sich anscheinend, sie könne mit dem Elektriker keine guten Gespräche führen. Die Vermutung ihrer Freunde: Er könne womöglich nicht mithalten.

Was steckt hinter solchen Aussagen? 

Einige meiner Freunde scheinen anzunehmen, dass sie nur mit Hochschulabsolventen oder Hochschulabsolventinnen glücklich sein könnten. Eine Beziehung "auf Augenhöhe" sei nur mit Leuten aus der Vorlesung möglich. 

Als ich die Freundin vom Campus nachträglich frage, fühlt sie sich ein bisschen ertappt. Dann erklärt sie, dass die Interessen bei Paaren mit unterschiedlichem Bildungsgrad stark von einander abweichen könnten, etwa kulturelle Interessen. Die Sicht auf die Welt könnte sich in einigen Punkten komplett unterscheiden. Das habe sie zumindest in ihrer eigenen Familie beobachten können. 

So wie meine Freundin denken wahrscheinlich viele. Aber stimmt es? 

Die Stuttgarter Paartherapeutin Claudia Kaul sagt: "Wir sind zuallererst Menschen, die ganz verschiedene Talente und Interessen mitbringen. Unabhängig vom Bildungsgrad." Manche gingen gerne ins Ballett, andere angeln. Doch wer den eigenen, menschlichen Wert vergesse, definiere sich stark über den Job und wolle nach außen immer etwas darstellen, warnt sie. Dahinter stecke die Suche nach Anerkennung

Es geht dabei also um Status.

Kaul sagt: "Es kann das eigene Ego pushen, wenn der Partner oder die Partnerin einen hohen Abschluss hat." Obwohl das für den eigenen Selbstwert eigentlich egal sei. Wenn man es schaffe, sich selbst zu schätzen, dann sei der Job nicht das Wichtigste. 

Die Paartherapeutin Claudia Kaul arbeitet in einer Psychotherapiepraxis in Stuttgart.

(Bild: Privat)

Andererseits gebe es aber auch den Druck vom Umfeld. Die Therapeutin berichtet von einem Paar, bei dem jemand enterbt wurde, weil der Abschluss des Partners der Familie nicht passte. Dann komme es auf das eigene Selbstverständnis an: Kann ich mich gegen mein Umfeld stellen? Ist mir egal, was andere denken? "Das ist Selbstbewusstsein", so Kaul.

Man muss den Beruf und die Persönlichkeit getrennt voneinander betrachten. Persönlichkeit ist das, was bleibt.
Claudia Kaul ist Paartherapeutin in Stuttgart.

Dabei würde es den eigenen Horizont eher erweitern, wenn man sich nicht nur mit Gleichgesinnten umgebe, so Kaul. Es ist für eine Beziehung oder ein Date also besser, wenn möglichst viele Unterschiede bestehen. Dann seien die Gespräche vielfältiger und man bekomme neue Ideen für das eigene Leben, sagt sie. "Allerdings muss man sich gegenseitig akzeptieren, ähnlich wie bei anderen Religionen." 

Es ist paradox. 

Abwechslungsreicher wäre es, würden wir nicht nur im eigenen Dunstkreis daten. Wir würden auch mehr dazulernen. Und doch treffen wir lieber Menschen, die uns ähnlich sind – mit demselben Abschluss. Weil wir uns von ihnen anscheinend eher verstanden fühlen. "Und weil es einfacher ist", ergänzt Kaul. Man müsse sich nicht gegen das Umfeld behaupten, keine Sichtweisen hinterfragen oder andere Denkmuster kennenlernen. Die Therapeutin sagt, es würde nicht schaden, dem beruflichen Werdegang weniger Gewicht zu geben. 

Denn niemand will ein Date wie ein Bewerbungsgespräch.

Und Menschen sind keine Kategorien. Besonders bei unseren engsten Kontakten sollten wir offener denken als wir es wohl oft tun. Man kann auch hinterfragen, welche Ansprüche da eigentlich erfüllt werden sollen. Sind es die eigenen – oder die der Familie und Freunde? Abstufungen nach Bildungsgrad sind abwertend und verletzend. Und es wäre einfach nur blöd, wenn wir uns neuen Sichtweisen und Erfahrungen verschließen. 


Fühlen

Berghain? Da geh ich lieber zum Schützenfest!
Warum Dorffeste einfach besser sind als Großstadt-Clubs

Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Hamburg großgeworden. Bis zu meinem 16. Geburtstag kannte ich nur den Wochenmarkt, die Tanzschule und das Schützenfest. Damals fand ich das schrecklich langweilig: immer die gleichen Leute, die gleichen Lieder und die gleichen Gespräche. Großstädte hingegen galten als die Verheißung: Volle Clubs, interessante Menschen, gute Musik und feiern, so lange man will.

Ich war erleichtert, als ich endlich alt genug war, das Party-Angebot in der Großstadt zu nutzen. Von da an ging es jeden Freitagabend auf den Kiez, am Samstagmorgen zurück.

Die Stadt war aufregend, anders und laut...

...doch als ich vor etwa drei Jahren wieder mal auf ein Schützenfest ging, merkte ich: Eigentlich gefällt mir diese Art von Party viel besser. Obwohl ich mittlerweile in der Stadt lebe und mich dort auch sehr wohl fühle, feier ich seitdem am liebsten nur noch auf Dorffesten.

Warum? Das erkläre ich dir oben im Video.