Claudia, 29, fragt:

Erstens: Ich bin glücklich! Ich bin Krankenschwester in einer großen Klinik, habe tolle Kollegen. Ich liebe meinen Freund, wir sind seit drei Jahren zusammen – und reden neuerdings über ein Baby

Ich muss nur noch die Pille absetzen. Mein Freundeskreis funktioniert, ich bin gut eingebunden und am Wochenende viel unterwegs. Zu meinen Eltern habe ich ein super Verhältnis. So weit die Zusammenfassung. Doch seit einiger Zeit beunruhigt mich etwas.

Ich beobachte an mir selbst, dass ich immer öfter sehr aggressiv bin. Meistens in belanglosen Situationen. 

Wenn mein Freund den Abwasch vergessen hat. Wenn wir spät dran sind. Wenn ich mir vorgenommen habe, am Wochenende das Badezimmer neu zu streichen – und dann ist im Baumarkt die Farbe ausverkauft.

Weil mein Freund und ich fast alles zusammen machen, bekommt er es auch immer ab: Ich raste aus. Ich spüre eine unglaubliche Wut in mir, könnte Dinge kaputtmachen. Ich werde sehr laut und mache ihn für die schlechte Stimmung verantwortlich.

Noch mehr Notfälle – und Kathrins Antworten:
"Oft fühle ich mich erfolglos und allein. Was kann ich tun?"
"Meine Schwiegereltern mögen mich nicht – soll ich sie dennoch besuchen?"
"Meine Oma kommt auch nach zehn Jahren noch immer nicht mit meiner Homosexualität zurecht. Auf Familienfeiern geraten wir immer wieder aneinander – was kann ich tun?"
"Ich liebe meine Tante, aber sie geht an Weihnachten immer total herzlos mit meiner Cousine, um. Was kann ich tun?"
"Jedes Jahr an Weihnachten findet ein Klassentreffen statt. Was kann ich gegen Gefühl tun, dass alle anderen viel mehr erreicht haben als ich?"
"Ich bin überzeugter Vegetarier, will aber den Familienfrieden beim Weihnachtsessen nicht stören. Lasse ich mich auf die Diskussion mit meinen Eltern ein?"
"Meine Mutter sieht nicht ein, dass ich erwachsen bin. –Was soll ich tun?"
"Warum fürchten wir uns so vor einem Terroranschlag, aber nicht vor einem Fahrradunfall?"
"Ich habe Panik, keinen Job zu kriegen – Ist meine Angst berechtigt?"
"Ich verliebe mich zu schnell – was kann ich dagegen tun?"
Mein Studium überfordert mich und lässt mich jeden Tag leiden. Wo sind nur meine Träume und Ziele hin?"
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Manchmal ist es so schlimm, dass mir über die Lippen kommt: "Ich glaub, wir passen einfach nicht zusammen!"

Von meinen Ausbrüchen ist er sowieso immer schon geschockt, wenn ich ihm dann mit dem möglichen Ende unserer Beziehung komme, wird er auch er wütend. Ich habe absolut keinen Schimmer, was das in mir ist. Es dauert meist ein paar Stunden, bis ich wieder normal drauf bin.

Meine Freunde oder Eltern würden mir wahrscheinlich nicht glauben, wenn ich ihnen davon erzähle. Die kennen mich als coole, selbstbewusste, freundliche Claudia.

Nur mein Freund fragt ab und zu: "Sag mal... Was ist das eigentlich neuerdings? Diese unfassbare Wut, die du manchmal hast?"

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Claudia,

du beschreibst dein Leben als ziemlich perfekt, bis auf eine Sache – diese immer wieder auftretende Wut in scheinbar belanglosen Situationen.

Grundsätzlich sind Ärger bzw. Wut Gefühle, die uns zeigen, dass jemand unsere Grenzen verletzt oder ein wichtiges Bedürfnis frustriert wird. Es mobilisiert die Energie, sich zur Wehr zu setzen und für sich einzustehen.

Dein Leben scheint perfekt – bis auf eine Sache.

Also an sich ein sehr wichtiges und kraftvolles Gefühl. Zu viel davon kann jedoch auch zerstörerisch sein. Du hast das Gefühl, dass das Ausmaß deiner Wut nicht angemessen ist.

Versuche zu beobachten, welche Gedanken dir in diesen Situationen durch den Kopf gehen, zum Beispiel: "Jetzt hat er schon wieder den Abwasch vergessen, das darf doch nicht wahr sein, wieso kann er nicht einfach machen, was ich ihm sage?"

Claudia fragt: Was, wenn ich Stunden brauche, um mich zu beruhigen?(Bild: Unsplash)

Oder im Baumarkt: "So ein Mist, wieso haben die jetzt gerade die Farbe, die ich brauche nicht da?"

Kannst du in den verschiedenen Situationen ein gemeinsames Muster erkennen? Zum Beispiel: "Etwas läuft nicht so, wie ich es erwarte." Deine Wut erzeugende Einstellung könnte also lauten: "Alles muss reibungslos funktionieren", "Es ist wichtig, dass ich alles unter Kontrolle habe" oder "Wenn etwas nicht so läuft, wie ich es will, ist das furchtbar."

Das spräche für ein hohes Kontrollbedürfnis, das in diesen Situationen frustriert wird.

Möglicherweise steckt hinter deiner Wut auch ein tieferliegender seelischer Konflikt. Es gibt immer wieder im Leben Phasen, in denen grundlegende Bedürfnisse miteinander in Konflikt geraten.

Wenn so ein Konflikt unbewusst bleibt und nicht gelöst wird, kann es sein, dass sich Beschwerden auf körperlicher oder psychischer Ebene entwickeln. Du beschreibst eine sehr enge Beziehung zu deinem Partner und den Wunsch, eine Familie zu gründen.

Vielleicht macht dir das mehr Angst, als du dir zugestehst, denn eine Familie bedeutet gleichzeitig eine Einschränkung deiner Unabhängigkeit und Freiheit.

Gibt es etwas, das du, seit du deinen Partner hast, aufgegeben hast?

In eine neue Lebensphase überzugehen, bedeutet auch, etwas Altes zu verabschieden, das kann auch traurig machen. Es kann sein, dass hinter deiner Wut ein noch tieferes bisher verdrängtes Gefühl steckt (eben zum Beispiel Angst oder Trauer).

Überlege einmal, wie dein Leben vor deiner Beziehung war:

  • Was war dir wichtig? 
  • Gibt es etwas, das du, seit du deinen Partner hast, aufgegeben hast? 
  • Gibt es irgendetwas das dir fehlt, zum Beispiel mehr Zeit für dich alleine oder mit deinen Freunden? Ein früheres Hobby?
  • Was davon kannst du gut mit der Beziehung in Einklang bringen, worauf musst du zugunsten der Beziehung verzichten?
  • Gibt es etwas, was dir im Hinblick auf die Familiengründung Angst macht?

Versuche, alle diese Gefühle zu erkunden und dich auch mit deinem Freund darüber auszutauschen. So könnt ihr beide ein besseres Verständnis für deine emotionalen Ausbrüche entwickeln und einen gemeinsamen Weg finden, mit den entsprechenden Themen umzugehen.

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin


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