Flechten, nähen, föhnen, stylen dauert locker mal fünf Stunden – langweilig wird's trotzdem nicht.

Mit einem Afro sitzt man locker fünf Stunden beim Friseur, manchmal auch zehn. Das klingt erstmal nach Horror-Vorstellung.

Aber egal, ob Hinterhof-Afroshop in Berlin oder Salon in Südafrika: Niemals ist es so langweilig, dass man nach zu den Klatschzeitschriften oder zum Handy greifen muss.

Denn im Afroshop gibt es Bananenchips, ungefragte Datingtipps, Kochrezepte und komplizierte Migrationsgeschichten. In der Ecke läuft fast immer ein Fernseher mit Nollywood-Soaps oder schlechten Musikvideos. Hier treffen sich Generationen – junge Afrodeutsche, alte und neue Migranten und Migrantinnen. Leute mit Wurzeln aus mindestens 50 afrikanischen Ländern.

Die meisten deutschen Afroshops verkaufen neben Haarprodukten auch Lebensmittel (Kochbananenchips, Kakaonüsse, Trockenfisch) und Telefonkarten, bunte Stoffe, traditionelle Medizin. Sie funktionieren ein bisschen wie Wettbüros, Kioske, Internetcafés: als Treffpunkte für Migranten.

Obwohl gefühlt jede mittlere deutsche Stadt einen Afroshop hat: Wie viele es genau sind, weiß man nicht. Die Macherinnen und Macher des Podcasts Matatu (Podigee), drei junge Afrodeutsche, versuchten, mehr über die Geschichte der deutschen Afroshops herauszufinden – und fanden: nichts. Forschung dazu gibt es nicht. Nur das weiß man: Afroshops sind eher ein deutsches Phänomen. Nur hier haben sie das typische, chaotische Sortiment. Sie sind Frisöre, Geschäfte und Treffpunkte in einem.

bento hat Fatou (21) und Binta (60) und besucht. Die Mutter-Tochter-Kombo betreibt einen der ältesten Afroshops Berlins.

Der Laden liegt in Kreuzberg – im schicken Teil, nahe der Bergmannstrasse, schon seit 15 Jahren. Die Gentrifizierung haben die beiden ausgesessen.

Im Schaufenster stapeln sich afrikanische Büsten und Masken, im Laden Zöpfchen, Perücken, bunte Stoffe, Fläschchen und Döschen. Haarprodukte, die es in Drogerien nicht gibt, die aber für trockene Afrolocken wichtige Stoffe enthalten: Kokosöl, Sheabutter – oder jede Menge Vaseline.

Es ist Mittag. Im Laden sitzen drei Kundinnen, eine weitere wartet seit vier Stunden. Ungeduldig ist keine. Gerade erzählt eine Kundin so aufgeregt, dass die Friseurin Mühe hat, ihre Zöpfchen zu flechten. Das Thema: Rassismus in einem Luxushotel in Sachsen. Sofia* ist dort Kellnerin und schwarz. Vom eher älteren Publikum dort höre sie ab und zu einen rassistischen Spruch. "Mittlerweile höre ich ja einfach weg", sagt sie. Oder sie fährt nach Berlin: Der Afroshop ist für sie eine Auszeit vom Alltagsrassismus.

„Ich nehme mir frei, fahre her, lasse mir die Haare machen.“
Sofia

"Afrohaare machen ist Kunst", sagt Binta. Die kostet: Dreadlocks ab 80 Euro, dünne Zöpfchen ab 300 Euro. Dauer: mindestens vier Stunden.

Binta erzählt, in Gambia habe sie die Haare der First Lady, der Frau von Ex-Präsident Dawda Jawara geflochten. Bintas Mutter, Tante und ihre Schwestern sind alle Friseurinnen. In Gambia gilt das als ehrenwerter Job.

Fatou, ihre Tochter, studiert Wirtschaft und Marketing an einer Berliner Privatuni. Binta findet das gar nicht gut. Marketing? Was wird man damit? "Ich hab sie gefragt, ob sie nicht lieber mal den Laden übernehmen will. Aber sie meinte: Mama, lass mich damit in Ruhe, das ist nicht mein Ding." 

Fatou rollt mit den Augen. "Der Job ist hart: sitzen, stehen, Handarbeit. Ich bin halt eher so der gemütliche Typ."

Trotzdem: Der Salon ist Fatous Zuhause. "Nach der Schule kam ich her, mein Vater war hier, meine Computerspiele und erst, wenn meine Mama im Salon fertig war, gingen wir zusammen heim, zum Abendessen."

Handyalarm. Binta verschwindet zum muslimischen Mittagsgebet. Als sie wiederkommt, dreht sie R'n'B-Musik auf und serviert eine neue neue Runde Instantkaffee. So, wie sie es seit 15 Jahren macht.

Binta (links) näht eine Strähne Kunsthaar an den Kopf ihrer Kundin. Ihre Cousine flechtet Zöpfchen.

Während ihre Mutter den Laden managt, beobachtet Fatou die Kunden – und bemerkt Dinge, die ihre Mutter übersieht.

"Viele weiße Typen kommen jetzt und wollen Frisuren, die sie bei Rappern gesehen haben. So rote Zöpfchen in der Mitte und rundherum abrasiert zum Beispiel. Letzten Sommer wollten alle diese zwei Zöpfe von Kim Kardashian. Alle nannten die Boxer Braids. Da berichtigte meine Mutter sie gleich: Die heißen bei uns Cornrows", sagt Fatou.

Auch beliebt: Braids wie ASAP Rocky, Perücken oder Weaves (eingenähte Strähnen) wie Beyoncé. "Krass, wie viele noch denken, das wären ihre echten Haare", sagt Fatou. Sie findet es schön, dass schwarze Haarstyles beliebter werden – auch bei Weißen.

Als Teenager wollte Fatou am liebsten glatte Haare, kein stundenlanges Flechten mehr. Binta war dagegen. Die chemisch geglätteten Haare brechen leicht ab. "Aber ich war ganz schön eigenwillig", sagt Fatou. Nur: Binta hatte Recht. Mittlerweile hat Fatou ihre kaputten Haare abrasiert und stattdessen eine neue Leidenschaft: Perücken. Sie trägt sie und stellt sie auch her.

"Das ist eine gute Möglichkeit, die echten Haare ruhen zu lassen. Viele Influencer und YouTuber fangen gerade an, auch welche zu tragen." Nach der Uni sitzt Fatou jetzt jeden Tag zu Hause und fädelt Haare auf netzartige Kappen. Für sich und für den Afroshop.

"Übrigens, ich habe eine verkauft", ruft Binta.

"Nee, Mama, die war doch vorbestellt."

"Ja, dann mach eine neue!"

Fatou rollt wieder mit den Augen – gleichzeitig ist sie stolz. Ihre Perücken sind gut. Binta verkauft sie inzwischen für mehrere hundert Euro.

Seit der Vater vor drei Monaten gestorben ist, sind die beiden näher zusammengerückt. Fatou kümmert sich neben dem Studium um die Perücken – und um die Buchhaltung.

Es ist dunkel geworden und eng. Sechs Kundinnen, Fatous Bruder, dessen Baby, zwei weitere Friseurinnen und ein Freund sitzen im Laden, tratschen und nippen am Instantkaffee. 

Sofia aus Sachsen verabschiedet sich mit einer Umarmung. Das Telefon klingelt, Binta drückt auf den Lautsprecher. Es ist eine neue Kundin:

"Binta, kann ich jetzt kommen, aber erst nächsten Monat bezahlen? Ich musste so viel kaufen, gerade."

 "Ja, ja, okay. Komm Samstag um drei, Schwester."

Binta will heute um acht schließen. Dann wird sie fünf Köpfe völlig verändert haben. Aus krausen Locken lange Mähnen und blonde Zöpfe gemacht. Über Beziehungsdramen getratscht. Von der Präsidentengattin aus Gambia geschwärmt. Die Kaffeedose geleert.

"Um acht will sie schließen?", Fatou lacht. Binta komme garantiert erst nach zehn nach Hause, wie immer.

Vielleicht will sie den Afroshop doch übernehmen, sagt Fatou auf dem Weg nach draußen. "Man könnte mehr mit Instagram machen. Oder den Laden mit einem Onlineversand für Perücken kombinieren." Kann also gut sein, dass der kleine Laden auch für die nächste afrodeutsche Generation identitätsstiftend ist – so wie für Fatou.

Wo sonst schnappt man gleichzeitig Dating-Ratschläge, Bratenrezepte und Lebensgeschichten auf, kann Frust ablassen, findet fünf neue Schwestern und sieht hinterher aus wie Beyoncé.

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Today

Trolle wollten diese US-Politikerin mit einem alten Tanzvideo ärgern – es kam genau anders
Who run the World?

Sie ist mit 29 Jahren die jüngste Frau überhaupt im neuen US-Kongress und das Gesicht einer neuen Politikerinnengeneration. Am Donnerstag wurde Alexandria Ocasio-Cortez im Kongress vereidigt, als Abgeordnete aus New York gehört sie zu einer Gruppe von Demokratinnen, die die US-Politik weiblicher und vielfältiger gestalten wollen.

Kaum im Amt wollten Trolle Alexandria Ocasio-Cortez mit einem alten Tanzvideo schaden – doch das ging nach hinten los.

Ein Twitter-Account mit dem Namen "AnonymousQ" hatte ein 30 Sekunden langes Video ausgegraben, das Ocasio-Cortez beim Tanzen auf einem Häuserdach zeigt. Es stammt wohl noch aus ihrer Highschool-Zeit. 

Der Twitter-Nutzer oder die Twitter-Nutzerin hat das Profil mittlerweile gelöscht, Screenshots des Tweets zeigen aber, mit welcher Häme das Video verbreitet wurde. Zum Bild stand dort: "Hier zeigt sich Americas beliebteste Kommunisten-Besserwisserin als die ahnungslose Idiotin, die sie ist..." Dann war die kurze Tanzsequenz zu sehen.

Hier hat ein anderer Twitter-Nutzer die Szene geteilt: