Ein Minarett im Hintergrund, alte Fassaden links und rechts und strahlend blauer Himmel umrahmen die Muizz-Straße mitten im islamischen Viertel von Kairo. Eine ältere Frau mit schwarzem Kopftuch sitzt am Straßenrand, ein Mann dreht sich neugierig um, zwei Jungs in Kapuzenpullis brettern auf einer Vespa vorbei.

Einer lächelt, der andere beobachtet ernst, was sich da auf der Straße abspielt: In knallrotem, kurzen Rock und grauem Shirt blickt Yasmine Shahir in die Kamera, hebt anmutig die Arme und schenkt dem Fotografen eine Ballett-Pose auf Spitzenschuhen. "Ich tanze, weil es kein besseres Gefühl auf der Welt gibt, als sich zu Musik zu bewegen und den Rest der Welt zu vergessen", steht neben dem Bild auf Instagram. 725 Menschen gefällt das.

Willkommen bei "Ballerinas of Cairo", einem Fotoprojekt, für das junge Tänzerinnen die ägyptische Hauptstadt Kairo in eine Ballett-Bühne verwandeln. In lässigem T-Shirt und Leggings, mit aufgerüschtem Tutu, in derber Straßenarbeitermontur oder in kurzen Sommerkleidern. Fast immer mit offenen Haaren, immer anmutig. Und immer auf Spitzenschuhen.

Ausgerechnet in Kairo, seit den Demonstrationen auf dem Tahrirplatz 2011 regelmäßig Schauplatz von sexuellen Übergriffen, tanzen Frauen unverhüllt auf der Straße? Ausgerechnet in der Hauptstadt eines Landes, dem Human Rights Watch eine "Epidemie sexueller Gewalt" attestiert (HRW), zelebrieren Ballett-Tänzerinnen eine Kunstform, die so sehr um den Körper kreist?

"Ehrlich gesagt war ich selbst überrascht, wie begeistert die Menschen sind", gibt Mohamed Taher zu. Er hat das Projekt im Januar gestartet. Ganz nach dem Vorbild des "Ballerina Project" aus New York, das es bereits seit 15 Jahren gibt und alleine auf Instagram über eine Million Follower hat. "Ich wollte diese Idee schon lange in Kairo umsetzen. Aber ich dachte, dass es schwierig wird. Du weißt schon: Jemanden zu fotografieren, der auf der Straße tanzt. Und das auch noch in Ägypten!", sagt der 31-jährige Fotograf.

In der Fotostrecke – So schön sind die Bilder aus "Ballerinas of Cairo":
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Aber Mohamed blieb dran – und ernte vor allem positive Reaktionen: "Schau‘ dir nur die Kommentare auf Instagram und auf Facebook an!" Auch im echten Leben ist die Neugier groß: "Bei einem Shooting mitten am Tag in der Kairoer Innenstadt blieben die Autos einfach stehen, auch als die Ampeln schon Grün zeigten. Die Leute wollten uns und der Tänzerin zusehen."

Viele Fotos entstehen aber auch frühmorgens, bevor die Millionenstadt erwacht, bevor sich dicke Smogwolken über den Häusern niederlegen.

Das Licht sei dann besser, erklärt Mohamed, außerdem könne er im Menschengewirr und Verkehrschaos nicht immer gute Bilder schießen. Nach Schätzungen leben bis zu 30 Millionen Menschen in Kairo und seinen umliegenden Städten – immer ist also irgendwer irgendwo unterwegs.

Auch Mariam El-Gabali posierte bei ihrem ersten Shooting morgens um sieben auf dem noch fast menschenleeren Platz vor der Zitadelle von Kairo. "Es war eine ganz neue Erfahrung, einfach mitten auf der Straße zu tanzen", erinnert sich die 18-Jährige.

Sie war die erste, die im Januar vor Mohameds Kamera Pirouetten drehte und Arabesken zeigte. "Mariam zögerte nicht einen Moment, als mein Kollege Ahmed Fathy und ich fragten, ob sie mitmachen will", erzählt Mohamed: "Sie hat mit ihrem Mut die Tür für das gesamte Projekt aufgestoßen."

Auch Mariam hatte nicht mit so guten Reaktionen gerechnet. "Ich war begeistert! Niemand hat uns belästigt, wie man vielleicht erwartet hätte. Sie sahen uns nur zu, waren verwirrt und verstanden nicht wirklich, was wir da tun. Bei einem Shooting im hippen Viertel Maadi fragten uns Anwohner sogar, ob sie helfen könnten."

Seit sie fünf ist, tanzt Mariam. Sie trainiert in der Talentschmiede der Oper von Kairo und tritt an kleinen Theatern auf. Zwar hätten noch immer einige Ägypter ein Problem mit grazilen Tänzerinnen auf der Bühne, aber die Akzeptanz wachse, sagt Mariam. In Kairo und entstehen Schulen für Ballett, aber auch für modernen Tanz. Und seit 2012 findet jährlich die Egypt Cypher statt, ein Breakdance-Battle für Tänzer aus der ganzen Region.

Tanz hat eine lange Geschichte in Ägypten: Ballett-Legenden wie Gamal Gouda oder Magda Saleh eroberten seit den Sechziger Jahren vom Nil aus internationale Bühnen. Magda Saleh gilt als die erste ägyptische Primaballerina überhaupt, über ihre Karriere wird gerade eine Doku gedreht ("Al-Ahram"). Gamal Gouda studierte an der Cairo Academy of Arts, tanzte lange an der Hamburger Staatsoper und gehört heute zur Führungsriege der Ballettkompagnie an der Semperoper in Dresden.

Mittlerweile aber glaube ich, dass die Menschen hier viel mehr Akzeptanz in sich tragen, als man von außen oft denkt.

Wer jemals eine Ballett-Inszenierung erlebt hat, weiß: Der Körper ist hier Ausdrucksmittel. Deshalb muss man auch viel von ihm sehen. Selbst die klassischsten Kostüme sind eng, die Röcke kurz – ist das nicht ein krasser Widerspruch zur islamisch geprägten Kultur, in der doch gerade der weibliche Körper oft als Verlockung für Männer gilt? Diese Sorge beschäftigte auch Mohamed, bevor er Ballerinas of Cairo startete. "Mittlerweile aber glaube ich, dass die Menschen hier viel mehr Akzeptanz in sich tragen, als man von außen oft denkt."

Die Akzeptanz zeigt unter anderem ein Foto, auf dem Yasmine Shahir zwischen zwei verschleierten Frauen sitzt und ihre Spitzenschuhe richtet:

"Die beiden schauten uns während des Shootings zu und sagten irgendwann, dass die Tänzerin aber ganz schön dünn sei und nicht genug esse", erinnert sich Mohamed. "Wir mussten alle lachen, kamen miteinander ins Gespräch und so entstand das Foto." Bei Ballerinas of Cairo gehe es um mehr als nur um Tanz, findet Mariam: "Ich glaube, das Projekt kann Menschen anregen, anders aufs Leben zu blicken und andere nicht dafür zu verurteilen, dass sie die Dinge anders angehen als man selbst."

Mittlerweile steuern auch andere Fotografen Bilder bei, eine Ausstellung ist auch geplant. Und vor einer Woche erst postete Mohamed ein Foto, aufgenommen in den Straßen des traditionellen Marktes von Kairo, dem Khan al-Khalili. Kurz vor Beginn des islamischen Fastenmonats. "Happy Ramadan, Everyone!", steht neben dem Ballerina-Foto auf Instagram.

2776 Menschen gefällt das. Es ist das bisher erfolgreichste Foto seit Beginn des Projektes, erzählt Mohamed. Er klingt stolz.

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Die Steuer soll 1,5 US-Cent pro Unze betragen. Eine Unze sind etwa 29,5 Milliliter – eine 0,5-Liter-Dose würde demnach rund 25 Cent mehr kosten. Befürworter erhoffen sich etwa 90 Millionen US-Dollar mehr an Steuereinnahmen im kommenden Jahr. Die Stadt will damit Kindergärten, Schulprogramme und Freizeitanlagen fördern. Der Bürgermeister sprach von einem "historic investment in our neighborhoods and in our education system".