Bild: Ada Blitzkrieg

Ich: Ich könnte mal ein paar Besorgungen machen gehen.

Depression: Moment mal! Nimm mich mit!

Depression ist eine Ehrensache für Leute wie mich, denn zugegeben, ich bin in meinem Leben als fancy Foodredakteurin und aufgeregtes Berliner It-Girl summa summarum schon verwöhnt genug. Und ja, es stimmt alles, was über mich gesagt wird: Ich esse 24 Stunden am Tag, quasi rund um die Uhr, und dann natürlich nur die feinsten und edelsten Speisen, die ich alle in meiner auf Hochglanz gewichsten Showküche selbst, mit makellosen Händen zubereite (Stichworte: “Homemade” und “artisanal”), um sie dann mit ein paar bunten Herbstblättern und knolligen Kastanienmännchen ansprechend vor teuren Blumensträußchen auf einem kostenintensiven Treibholztisch zu drapieren.

Glücklich bin ich zudem auch noch. Manchmal atme ich sogar mein Silberbesteck vor dem Essen sauber, aber nur, wenn ich von den vielen netten Komplimenten im Netz, und die bekommt man als öffentliche Person ja bekannterweise zur Genüge, entspannt genug bin. So viel Zeit muss sein.

Im Allgemeinen weiß ich leider auch nicht, wohin mit all dem Geld, das mir die fleißige Schreiberei über meine bekifften Esstouren einspielt, und meine “gute” Figur halte ich lediglich durch einen außerordentlichen sowie vorbildlich funktionierenden und regen Stoffwechsel. Was für ein Glücksfall ich doch für mich bin.

Ein Supertyp, das bin ich. Warum habe ich also dennoch nur so wenig Hater? Das scheint nicht ganz gerecht zu sein. An mir ist bestimmt etwas faul und ich werde schon noch herausfinden, was.

Spätestens im Herbst, denn dass ich jedes Jahr, wenn die Tage wieder kürzer werden, mein Silberbesteck gegen unvernünftige Plastikgabeln und die Porzellanteller gegen gammelige Pizzakartons eintausche, die dann tagelang das alte Käsefett auf meinen Echtholzboden durchsuppen lassen, verschweige ich den Leuten da draußen zwar nicht, bin aber dennoch, so könnte man es vorsichtig ausdrücken, nicht unbedingt stolz darauf.

Rückblickend bin ich in meinem Leben vermutlich schon zu oft depressiv gewesen, um das alles noch als kleine Marotte oder liebevolle Eigenschaft meiner Person abzutun. Das Abgefuckt-Sein gehört also genauso zu mir wie der Hummer im Sommer oder eben die, Ja! Knabbersnacks mit Schinkengeschmack und eine Armee abgestandene 2-Liter-Flaschen Schwip Schwap auf der Heizung im Winter.

Ich kaufe mir Thermo-Runninghosen, die ich nur trage, weil der Luftzug an der offenen Wohnungstür so kalt ist, wenn ich auf den Pizzaboten warte.

Die Umschreibung, dass ich “mit Depressionen zu kämpfen gehabt hätte” benutze ich bewusst nicht, denn in den grauen Zeiten meines Lebens kämpfe ich bereits nicht mehr, sondern fresse nur noch Fertiggerichte in mich rein, wie ein betrunkener Student in der Prüfungsphase, und redete mir dabei tagfüllend ein, dass mich die Inhalte der unzähligen Serien, die ich auf Netflix in mich konsumiere, noch irgendwie emotional erreichen. Machen sie aber nicht. Insbesondere, wenn es um Gefühle geht. Und das geht es blöderweise immer.

Netflix hat für Menschen wie mich die Natur ersetzt. Statt vor die Türe zu gehen, können wir gucken wie Kastenbrote unter guten Bedingungen entstehen oder wie Bienen sich ganz schlimm anstrengen müssen, um die Flora mit ihrem krassen Rumgepolle geil aufzupimpen und herzurichten, nur damit sie dann so Spinner wie ich mit ihren energiefressenden Ami-Kühlschränken kaputtmachen können.

Jeden Herbst löse ich mich also saisonal auf. Dann kommen die fiesen Gedanken aus dem Süden zurückgereist. Eigentlich wie etwas unglücklich dreinblickende Zugvögel, nur andersrum routentechnisch gesehen, und irgendwie schießt die dann wiederum leider niemand auf halber Strecke zu mir aus “Sportgründen” ab.

Ich bin also von Oktober bis März schlecht gelaunt und mein eigener Hater. Hinzu kommt, dass ich mich einfach nicht loswerde. Auch nicht mit 30, genau wie meinen gesteigerten Appetit auf Soul Food und gesättigte Fettsäuren, der in dieser Jahreszeit leider (und das ist die schlechte Nachricht) mit einer stark verminderten Bereitschaft zur Körperpflege und zu lebenserhaltenden Grundbedürfnissen wie Putzen, Lohnarbeit und aufrecht Sitzen einhergeht. Man liegt also so seine Zeit ab und ist froh, wenn niemand vorbeikommt und einen sieht. Aber wie funktioniert das, wenn man eigentlich sein Geld als trendiger Foodblogger verdient? Darauf kenne ich eine Antwort und die lautet: Transparenz!

Bedenklich wird es erst dann, wenn man mehr als 75 Prozent des Tages im Liegen verbringt. Auch einfachste Tätigkeiten wie Essen und Serien gucken können im Liegen verrichtet werden. Sollten sie aber lieber nicht.

Ich arbeite also dennoch unbeirrt weiter, weil ich beschlossen habe, dass die Welt es zwar nicht verdient hat zu erfahren, wie so ein unglamouröser Foodblogger-Alltag aussieht, aber ich nun mal auch für meine Stimmung und meine fiesen Gelüste bezahlt werde. Letztlich will man meine Person erleben. Und die ist nun eben gerade mal nicht “so gut drauf”. Also habe ich mir vorsorglich im September schon mal die übergroßen Gummizughosen aus dem Schrank gelegt, die ich jeden Winter gegen meine Jeans ersetze, die spätestens nach dem dritten Verzehr einer Familienpizza Gyros mit Sauce Hollandaise etwas spannen.

Die Inhalte, die ich derzeit zu teilen habe, sind nicht nur wertvoll, sondern auch relevant für Leser, das sage ich mir immer wieder mit meiner Über-Den-Kopf-Streichel-Stimmen, denn man mag es kaum glauben, aber vielen von denen, die Dinge im Internet lesen, geht es gerade vielleicht auch nicht so gut. Die essen dann auch mal gerne affigen Quatsch oder interessieren sich dafür, welche Tiefkühlpizza Menschen wie ich bevorzugen, anstatt draußen der Fährte meiner Trüffelmayonnaise-Berichte in hippe Kreuzberger Lokale zu folgen. Wie können wir also stattdessen unsere Tiefkühl-Schlemmer-Filets pimpen, wenn uns aus dem Kühlschrank nur noch Sucuk und Eierlikör anlächeln? Wie schaffen wir es, monatelang nicht kochen zu müssen und dennoch etwas Warmes zu essen (Stichwort: “Schnitzel für den Toaster”)? Wir sind relevant. Unsere Bedürfnisse sind es. Auch wenn es uns gerade nicht gut geht. Gegessen wird immer.



Ich schiebe mir also meine Kaufland K-Classic Spinaci bei 250 Grad Ober- und Unterhitze in den Ofen und bin kurz etwas stolz auf mich, weil ich es schaffe, etwa ein halbes Jahr lang mit ein und demselben Backpapier auszukommen. Hose aus. Das ist wichtig. Sauce Hollandaise drüber. Rein. Warten. Tüte rauchen. Essen. Das Ganze dann nur lockere 180 Mal wiederholen, schon ist es April, und man findet sich unerwartet auf dem Rennrad in Jeans wieder. Dann staunt man, weil man Dinge erledigt, einkauft und funktioniert.

Du weißt, dass du depressionsmäßig echt am Arsch bist, wenn dir selbst der soziale Kontakt zu deinem Dealer zu anstrengend wird.

Letztes Wochenende musste ich das Haus verlassen, um zu kiffen und einen Currywurst-Stand für einen Artikel zu testen. Ich schlang die Wurst, die Sonne kam kurz raus, und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Man muss nur mitmachen beim Jahreszeitengekreische, dann geht’s im Grunde auch. Man muss sich Mühe geben, den Herbst zu lieben und gnädig mit sich selbst sein, besonders in Zeiten der Depression. Denn dann kommt bald schon Weihnachten. Und Silvester. Es gibt viele Dinge zu kaufen, backen und konsumieren. Einfach mitmachen. Zugreifen!

Es ist anstrengend, die Zielgruppe für Pumpkin Spice Latte zu sein, aber das hatte auch niemand anders behauptet.

Also bin ich zu Barcomis gelaufen, habe mir einen herbstlichen Pecan-Pie gekauft, um mich weltlich, amerikanisch und mädchenmäßig zu fühlen und habe den Pie auf offener Straße gegessen. Einfach so. Als hätte ich die vergangenen Wochen nichts anderes gemacht, als mich unter Menschen aufzuhalten und schöne Dinge zu tun. Dann bin ich in den nächsten Supermarkt gestiefelt, habe mir Canadian Boots mit herausnehmbaren Innenfutter vom Krabbeltisch genommen, die ich jetzt ausschließlich trage, wenn ich Hühnerfrikasse auftaue, und habe mir ein 2-Kilo-Netz Mandarinen besorgt, und Ingwer-Gewürz, und Butternut-Kürbisse zum Einkochen, Marmeladengläser, alles zum Suppen einmachen quasi. Kuchen gab es auch. Kekse. Marzipan. Und dann waren die paar Euro auch schon wieder weg, die mir so ein Artikel einbringt, und ich machte meinen oberen Hosenknopf auf, guckte "Girl Code" auf MTV und lächelte in mich herein. Richtig super wie beschissen es mir geht!

Geil, ab jetzt wieder 6 Monate lang fettige Haare unter einer Mütze verstecken können, ohne aufzufallen!

Depressionen werden in naher Zukunft bestimmt nur noch mit Pizzalieferdrohnen behandelt. Bis dahin müssen wir durchhalten und ein bisschen über uns selbst lachen. Oder eben auch über mich.

Ada Blitzkrieg × bento

Ada Blitzkrieg arbeitet mit Munition und Mädchenzöpfen als Journalistin und Autorin in Berlin-Kreuzberg und San Francisco, wo sie eine offene Beziehung mit Dürüm und Burrito pflegt. Als Foodblogger testet sie nicht nur unprätentiöse Imbisse, sondern teilt ihre Erlebnisse auch mit ihren Followern auf Twitter.

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