Bild: Julia Wadhawan/bento

Für mich stand nie in Frage, dass Frauen in einer modernen Gesellschaft unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit haben sollten, abzutreiben. Mit diesem Wissen bin ich aufgewachsen, so war es immer. Die entscheidende Diskussion darüber wurde in Deutschland in den Siebzigerjahren geführt – zu einer Zeit, in der ich noch gar nicht auf der Welt war. 

Doch jetzt flammt die Debatte erneut auf: In Ländern wie Polen oder Irland, wo Menschen gegen strikte Verbote kämpfen. In Deutschland, weil über die Abschaffung des Paragrafen 219a gestritten wird, der es Ärztinnen und Ärzten verbietet, Werbung für Abtreibungen zu machen (bento).

Abtreibungsgegner waren für mich immer konservative, grauhaarige Männer und erzkatholische Frauen in den USA, die mit Plakaten vor Abtreibungskliniken demonstrierten. Es waren anonyme Trolle, die Bilder von blutigen Föten ins Internet luden und Schwangerschaftsabbrüche "Genozid an Ungeborenen" nennen. Kurz: rückständige und fanatische Leute, die man nicht ernst nehmen kann. 

Angelika Doose verkörpert nichts von alledem. Sie trägt Blümchenkleid und Glitzerohrringe, lächelt freundlich. 

Jetzt kein Kind

Es gibt Momente im Leben, in denen wünschen wir uns ein Baby. Und es gibt Momente, da passt das nicht. Was passiert dann?

In Deutschland können Frauen unter bestimmten Voraussetzungen abtreiben. Was dabei passiert, wie das geregelt ist und warum dieses Recht nicht selbstverständlich ist, darum geht es in dieser Reihe. Schreib uns hier, wenn du eine Frage hast, die in unseren Beiträgen unbeantwortet bleibt.

Die 29-Jährige arbeitet in Augsburg für die "Aktion Lebensrecht für Alle" (ALfA). Der Verein mit seinen 11.000 Mitgliedern hat ein Ziel: ungeborenes Leben schützen. Die Mitglieder beraten Frauen in Schwangerschaftskonflikten und setzen sich in der Öffentlichkeit dafür ein, Abtreibungen zu verhindern. Schon Angelikas Mutter engagierte sich dort, so kam auch sie selbst dazu.

Angelika ist eine junge, selbstständige Frau, die den Kampf gegen Abtreibung auch mehr als 40 Jahre nach der Liberalisierung weiterführt. 

Ich will wissen, warum sie das tut. 

Wir verabreden uns in einem Café in Gießen, auf halber Strecke zwischen Hamburg und Augsburg.

(Bild: Jerry Lai/ flickr.com )

Angelika, warum bist du gegen Schwangerschaftsabbrüche?

Ich war 16 oder 17 Jahre alt, als mir klargeworden ist, dass 100.000 Kinder im Jahr durch Abtreibung getötet werden. Für mich ist es nach wie vor unbegreiflich, dass wir sowas als soziale, humane Gesellschaft akzeptieren.

Was muss sich deiner Ansicht nach ändern?

Zuerst sollte man klären: Warum treiben Frauen überhaupt ab? Die Frage wird nicht ausreichend diskutiert. Bei uns melden sich viele, die ihr Kind im Grunde ihres Herzens behalten möchten, aber nicht wissen, wie sie das schaffen sollen. Sie haben kein Geld, keinen Partner oder Angst vor dem Verlust ihres Jobs. Ein Sozialstaat sollte für diese Fälle doch Lösungen parat haben und nicht sagen: Dann treib halt ab.

Wir brauchen eine Gesellschaft, in der ein Kind nicht als Belastung gesehen wird. In der Unternehmen familienfreundlichere Arbeitszeiten möglich machen, es weniger befristete Arbeitsverträge vor allem für Frauen gibt und Betriebskindergärten eingerichtet werden. Wir brauchen mehr Kitas und bezahlbaren Wohnraum. 

"Wir brauchen eine Gesellschaft, in der ein Kind nicht als Belastung gesehen wird."(Bild: Julia Wadhawan/bento)

Es geht doch um das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Ich will mir nicht von jemand anderem vorschreiben lassen, was ich mit meinem eigenen Körper tun darf und was nicht. 

Und was ist mit der Selbstbestimmung des Kindes?

Ist ein Embryo in der fünften Woche wirklich schon ein Kind?

Leben beginnt ab der Befruchtung, weil die Wissenschaft genau diesen Zeitpunkt als Beginn menschlichen Lebens festgestellt hat, daran halte ich mich. Zu diesem Zeitpunkt trägt die Eizelle alle genetischen Informationen in sich, die sie zur Weiterentwicklung eines menschlichen Lebens braucht. Es gibt danach keinen Zeitpunkt oder Einschnitt mehr, an dem mehr Leben da ist als vorher. 

Angelika: "So sieht ein Kind in der zwölften Woche aus."(Bild: Julia Wadhawan/bento)

Ich würde einer erwachsenen Frau immer mehr Rechte zusprechen als einer befruchteten Eizelle. 

Es ist eine rein wissenschaftliche Tatsache, dass es sich bei dem Embryo ebenfalls um begonnenes Leben handelt.

Das neue Leben kann aber nicht außerhalb der Mutter entstehen, es ist also ein Teil von ihr. Die UN-Menschenrechtskonvention geht so weit zu sagen, das Verbot der Abtreibung verletze bis zu elf Menschenrechte der Betroffenen. 

Das würde bedeuten, dass wir die Rechte der Frau über die des Kindes setzen. Letztendlich haben doch beide ein Menschenrecht: das Recht auf Leben. Die Gesellschaft muss eine Lösung finden, wie man beiden gerecht werden kann. 

Was passiert, wenn Frauen keinen Zugang zu sicherer Abtreibung haben?

Die Erfahrung aus Ländern mit strikten Abtreibungsgesetzen zeigt: Frauen treiben trotzdem ab und riskieren damit ihr Leben. Acht bis elf Prozent der weltweiten Müttersterblichkeit führt die Weltgesundheitsorganisation auf Abtreibungen zurück – und zwar meist dort, wo sie verboten ist. Die Organisation fordert deshalb eine weltweite Legalisierung. (WHO)

Sollen schwangere Frauen deiner Ansicht nach dazu gezwungen werden, ihre Kinder auszutragen – ob sie wollen oder nicht?

Ich spreche nicht von Zwang. Es geht um ehrliche Hilfe. Die Frauen befinden sich in einem Konflikt – und allein, dass es diesen Konflikt gibt, zeigt, dass es nicht einfach nur um ein Stück Gewebe geht. Ich kenne niemanden, der in einem moralischen Konflikt steckt, weil er sich am Knie operieren lässt.

Und ich glaube nicht, dass es die richtige Hilfe ist zu sagen: Töte das Kind lieber, als es zur Adoption freizugeben.

Adoption wäre also die Lösung?

Adoption ist doch etwas Wunderbares, ein Geschenk. Deine leibliche Mutter konnte dir nicht das bieten, was du verdienst, deswegen gibt dir das eine andere Familie.

Ich kenne mehrere Menschen, die adoptiert wurden. Ja, sie alle fragen sich irgendwann woher sie kommen. Sie alle sind aber auch dankbar dafür, dass sie in einer Adoptivfamilie großwerden konnten.

Infomaterial der ALfA(Bild: Julia Wadhawan/bento)

Was ist mit den Sonderfällen – zum Beispiel mit einer gesundheitlichen Gefährdung der Mutter oder des Kindes: Sollte Abtreibung auch dann verboten sein?

Diese Frage zu beantworten ist sehr schwierig. Das kann ich moralisch nicht beurteilen. In dem Fall muss die Mutter entscheiden und kein Gericht der Welt könnte sie verurteilen, wenn sie abtreibt, um ihr eigenes Leben zu retten.

Gilt das nicht für alle Frauen, die ungewollt schwanger werden? Dass Außenstehende moralisch kaum beurteilen können, in welcher Krise die Betroffenen gerade stecken und aus welchen Gründen sie sich gegen ein Kind entscheiden?

Ich kann einen moralischen Unterschied machen, ob das Leben der Mutter oder des Kindes in Gefahr ist oder eine Karriere. 

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In den meisten Fällen geht es doch um viel mehr als nur um eine Karriere: um die Freiheit zu entscheiden, was für ein Leben eine Frau führen will. Das ist eine Grundvoraussetzung für Gleichberechtigung – Kinder bedeuten sonst schnell finanzielle Abhängigkeit und Machtlosigkeit.

Wie gesagt, ich sehe nicht, warum die Tötung eines Kindes eine Gesellschaft frei macht. Frauen sollten lieber dabei unterstützt werden, sich für das ungeborene Leben entscheiden zu können. Das ist unsere Aufgabe als Gesellschaft.


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