"Ich dachte kurz, ich werde Vater"

"Ich bin schwanger": Für viele Paare ist dieser Satz ein Grund zur Freude. Aber nicht für alle. 

Finanzielle Probleme, der Wunsch, frei zu sein und es auch zu bleiben, Angst vor der Verantwortung – gegen ein Baby kann vieles sprechen. 

Doch was passiert, wenn es doch passiert? Wenn ungewollt ein Kind entsteht? Unter welchen Umständen Frauen in Deutschland abtreiben können und welche Schwierigkeiten es dabei zu bewältigen gilt, erfährst du hier.

Jetzt kein Kind

Es gibt Momente im Leben, in denen wünschen wir uns ein Baby. Und es gibt Momente, da passt das nicht. Was passiert dann?

In Deutschland können Frauen unter bestimmten Voraussetzungen abtreiben. Was dabei passiert, wie das geregelt ist und warum dieses Recht nicht selbstverständlich ist, darum geht es in dieser Reihe. Schreib uns hier, wenn du eine Frage hast, die in unseren Beiträgen unbeantwortet bleibt.

Doch was ist mit den Männern? Was empfindet ein werdender Vater, wenn er sich gemeinsam mit der werdenden Mutter die Frage stellen muss, ob das Kind zur Welt kommen soll – oder nicht? Wie fühlt sich ein Mann während einer Abtreibung?

Darüber haben wir mit Jonas gesprochen. Er ist 34 Jahre alt, lebt in Bonn, arbeitet dort als Lehrer und hat gemeinsam mit seiner Ex-Freundin eine Abtreibung erlebt.  

Jonas erzählt, warum er und seine damalige Partnerin sich gegen das Kind entschieden haben und wie es ihm heute damit geht. 

Hier erzählt er seine Geschichte: 

Das Kind muss um Weihnachten 2011 herum entstanden sein. Ich war 28 Jahre alt und seit drei Jahren mit Carla, einer Spanierin, zusammen.

Wegen der Hormone wollte sie die Pille nicht nehmen. Normalerweise benutzten wir Kondome, nur an diesem einen Abend hatten wir keins. 

Carla meinte, dass sie bis Ende März nichts bemerkt habe. Ihre Tage kamen sehr unregelmäßig. Aber ich glaube, dass sie nicht wahrhaben wollte, was da gerade mit ihr passierte. Sie unterdrückte die Anzeichen der Schwangerschaft so lange, bis es nicht mehr ging. Nach zwölf Wochen fingen ihre Brüste so stark an zu wachsen und zu schmerzen, dass sie es nicht mehr ignorieren konnte.

Also machten wir einen Urintest. Und weil der positiv war, direkt einen zweiten. Auch danach konnten wir es nicht glauben und gingen noch am selben Tag zu einer Frauenärztin. Wir wollten absolute Gewissheit und die bekamen wir: Carla war in der 13. Woche schwanger und konnte laut Ärztin nicht mehr abtreiben.

Der Paragraf 218

  • Laut Paragraf 218 des Strafgesetzbuches ist ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich strafbar.
  • Im Zusatzartikel 218 a heißt es jedoch, dass ein Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Voraussetzungen straflos ist. 
  • Dies ist der Fall, wenn eine Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung eingetreten ist, oder eine Abtreibung medizinisch notwenig ist. In allen anderen Fällen wird ein strafloser Abbruch an bestimmte Bedingungen geknüpft: Die Abtreibung muss von einem Arzt durchgeführt werden und spätestens in der zwölften Schwangerschaftswoche stattfinden. Außerdem muss sich die Schwangere mindestens drei Tage zuvor bei einer staatlichen Stelle beraten lassen haben. 
  • Nach der zwölften Schwangerschaftswoche darf nur abgetrieben werden, wenn das Leben, die Gesundheit oder die Psyche der Schwangeren bedroht sind (Strafgesetzbuch). Liegt ein solcher Sonderfall vor, ist eine Abtreibung bis zur 22. Schwangerschaftswoche möglich. 

Ich weiß noch wie ich dachte: "Okay, jetzt wird es ernst. Du wirst Vater." Gedanklich stellte ich mich schon darauf ein, mein Sportstudium mit Biologie zu kombinieren und Lehrer zu werden. In meinen Augen war das für mich die bestmögliche Option, um eine Familie zu ernähren. 

An dem Abend leerte ich mit einem Freund eine Flasche Whiskey, wir stießen auf mein neues Leben an, von dem ich ziemlich überrumpelt war.

Aber dann sagte Carla mir, dass sie das Baby auf keinen Fall bekommen möchte. Sie wolle einfach keine Kinder, das habe sie schon vor Jahren für sich selbst beschlossen. Außerdem habe sie sich ja gerade selbstständig gemacht. Da sei für ein Baby und die Verantwortung, die es mit sich bringe, einfach kein Platz.

Erst später wurde mir klar, dass es noch einen weiteren Grund gab, der gegen das Kind sprach: Sie hatte schon Wochen zuvor beschlossen, sich von mir zu trennen.

Was passiert, wenn es passiert?(Bild: Unsplash / Hunter Newton )

Trotz meiner anfänglichen Gedanken war für mich klar: Egal, wie sie sich entscheidet, ich mache mit. Schließlich ist es die Frau, die das Kind in ihrem Bauch trägt und auf die Welt bringt. Sie muss das alles aushalten. Ihre Entscheidung stand für mich an erster Stelle. Deswegen war auch für mich klar, dass wir die Schwangerschaft abbrechen müssen. 

So krass das auch klingt: Die Abtreibung wurde für mich zu einem Projekt, dass es abzuschließen galt. Im Nachhinein glaube ich, dass dieser Umgang eine Schutzreaktion von mir war. Ich versuchte, die Situation so pragmatisch wie möglich anzugehen. 

Die psychische Belastung verdrängte ich.
Jonas

Die Frauenärztin hatte uns die Visitenkarte einer Beratungsstelle gegeben. Dort sind wir gemeinsam hingefahren.

Als denen klar wurde, wie sicher wir uns mit unserer Entscheidung waren, gaben sie uns (unter der Hand) die Adresse einer Abtreibungsklinik in den Niederlanden. In Deutschland war eine Abtreibung zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr möglich. 

Wir machten also einen Termin in Maastricht aus. In den Niederlanden können Frauen bis zur zweiundzwanzigsten Schwangerschaftswoche abtreiben. Carla war am Anfang der fünfzehnten Woche. Mittlerweile sah man auch, dass sie schwanger war. Ihr Bauch war, seit dem Urintest, stetig gewachsen. Als ob ihre Psyche einen Schalter umgelegt hätte. 

Da saßen wir also. In einer Klinik mitten in Maastricht.
Jonas

Im Wartezimmer wurden die unterschiedlichsten Sprachen gesprochen. Es herrschte eine gedrückte Stimmung. 

Die Frauen wurden der Reihe nach zur Behandlung gebeten. Auch Carla wurde nach einer Weile aufgerufen. Ich sollte im Wartezimmer bleiben. Nach zwei Stunden wurde ich in einen großen Saal geführt, dem Aufwachraum.

Die Betten waren durch Vorhänge voneinander getrennt – wie in einer amerikanischen Krankenhausserie. Ich werde die Situation nie vergessen: Frauen, die in Kitteln und Windeln darauf warten, dass die Wirkung der Narkose nachlässt.

Was passiert bei einer Abtreibung?

  • Es gibt drei medizinisch anerkannte Methoden für einen Schwangerschaftsabbruch: das Absaugen des Embryos, die Ausschabung der Gebärmutter und die medikamentöse Abtreibung, bei der das Hormon Progesteron, das für den Erhalt der Schwangerschaft unentbehrlich ist, blockiert wird.
  • Die häufigste Methode ist die Absaugmethode (Vakuumaspiration). Dabei führt der Arzt einen flexiblen Plastikschlauch in die Gebärmutter ein und saugt den Embryo sowie den Mutterkuchen ab. Dieser Vorgang erfolgt entweder unter Vollnarkose oder mit einer örtlichem Betäubung des Muttermundes (Pro Femina).  
  • Wenn kein klarer Grund (medizinische Risiko oder Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung) vorliegt, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für eine Abtreibung nicht. Zwischen 200 und 570 Euro müssen dann selbst gezahlt werden. Die Kosten für die ärztliche Beratung und die Behandlung nach dem Eingriff werden hingegen übernommen (pro Familia). 

Mir kam das alles so falsch vor. Ich finde es wichtig, dass Abtreibungen möglich sind – nur sollten sie in einer Umgebung stattfinden, die angemessen ist. Die Menschen sollten sich darüber im Klaren sein: Sie zerstören gerade ein Leben. In der Klinik erschien mir alles so kalt und herzlos, eine Massenabfertigung. Die Frauen müssen nach so einem Eingriff in einer wärmeren Atmosphäre aufwachen, nicht mit allen anderen wie in einer Legebatterie.  

Carla und ich beschlossen danach, uns eine Woche lang nicht zu sehen. Ich habe mich erst mal besoffen und bin dann eine für Woche nach Schweden zum Angeln und Paddeln gefahren. Ich brauchte Abstand von all dem Scheiß.

Als wir uns nach meiner Rückkehr trafen, machte sie Schluss. 

Ich heulte mir die Seele aus dem Leib.
Jonas

Mein erster Gedanke war, dass die Abtreibung sie komplett aus der Bahn geworfen hatte und sie einfach Zeit brauchte, um den Eingriff psychisch zu verarbeiten. Ich dachte: "Sie schiebt jetzt alles von sich weg, auch mich." Und glaubte, dass sie schon bald zu mir zurückkommen würde.

Dem war aber nicht so. Sie hatte einen Neuen. Das erfuhr ich kurz darauf von ihrer alten Mitbewohnerin. Die Nachricht machte mich echt fertig. Wir hatten so viel zusammen durchgemacht und dann war es plötzlich vorbei. Ich brauchte Abstand. Also ging ich für ein halbes Jahr ins Ausland und jobbte dort in verschiedenen Restaurants.

(Bild: Jez Timms/ Unsplash)

Erst ein Dreivierteljahr später, an Silvester, kam alles noch einmal hoch. Um Mitternacht ließ ich das Jahr Revue passieren – und brach zusammen. 

Ich heulte mir die Seele aus dem Leib. Zuerst war mir gar nicht richtig klar, warum. Aber dann machte es Klick: Ich hatte die Abtreibung und die psychische Belastung die ganze Zeit von mir weggeschoben. Die Trennung und der Liebeskummer hatten meine volle Aufmerksamkeit gefordert. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, wie krass die Abtreibung für mich gewesen war.

An diesem Silvester löste sich meine Betäubung. Ich war traurig, wütend und fassungslos über das, was passiert war. Ich hatte keine Kraft dieses Gefühlschaos zurückzuhalten. Das Jahr 2013 begann für mich deswegen mit Tränen und vielen Grübeleien. 

In den Folgenächten träumte ich von ungeborenen Kindern und fragte mich, ob ich noch mal mit Carla sprechen sollte. Wie ging es ihr jetzt? Hatte ich vielleicht doch falsch reagiert? Hätte ich sagen sollen: "Du behältst das Kind, ich liebe dich und wir werden gemeinsam glücklich"? Ehrlich gesagt glaube ich kaum, dass sie das Kind dann behalten hätte. 

Ich bin heute glücklicher denn je.
Jonas

Carla war einfach komplett gegen die Schwangerschaft. Die Frage, was passiert wäre, wenn wir das Kind bekommen hätten, habe ich mir deshalb nie ernsthaft gestellt. 

Schließlich beschloss ich, die Sache auf sich beruhen zu lassen. 

Ich fing wieder an, nach Vorne zu schauen. Aber dieses Erlebnis hat mich nachhaltig geprägt. Ich wusste plötzlich, dass ich einmal in der Lage sein möchte eine Familie zu ernähren. Und änderte mein Leben. 

Heute bin ich Lehrer, habe einen (gewollten) Sohn und eine tolle Freundin. Ich bin glücklich. 

Wenn die Abtreibung und all das sein musste, um da zu landen, wo ich jetzt bin – dann hatte das Ganze trotz allem etwas Gutes. 


Gerechtigkeit

Italien gibt nach und lässt 450 Bootsflüchtlinge nach mehreren Tagen an Land
Die 2 neusten Entwicklungen

Die 450 im Mittelmeer geretteten Menschen dürfen an Land kommen. Am Freitag waren sie mit einem Holzboot unterwegs und wurden von zwei Schiffen gerettet, einem italienischen Kriegsschiff und einem Schiff von Frontex, der europäischen Mittelmeerpatrouille.

Anlegen durften die Schutzsuchenden allerdings nicht. Italiens Innenminister Matteo Salvini will mit einer möglichst harten Abschreckungspolitik Flüchtlinge fernhalten. Über das Wochenende harrten die Geflüchteten so auf den viel zu kleinen Booten aus.

Nun gibt Italiens Regierung doch nach – am Montag durften die 450 Flüchtlinge an Land gehen.