Unsere Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet.

Olli, 28, fragt:

Ich bin seit sechs Jahren mit meiner Freundin zusammen, wir haben beide in unterschiedlichen Städten studiert und deshalb lange eine Fernbeziehung geführt. Vor einem Jahr sind wir dann endlich zusammengezogen. Seitdem habe ich aber mehr und mehr das Gefühl, sie hat kein eigenes Leben. Sie konzentriert sich nur auf mich und unsere Beziehung, sie macht nichts mehr mit Freunden, geht nicht raus – außer, wenn sie zur Uni muss. Wenn ich etwas mit Freunden unternehme, ist sie enttäuscht.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Sie merkt, dass ich das problematisch finde. Wir haben mehrmals drüber gesprochen. Sie hat sich im Sportverein angemeldet, aber ist nach kurzer Zeit nicht mehr hingegangen. Sie hat versucht, sich andere Hobbys zu suchen, sie hat zum Beispiel angefangen zu nähen. Aber auch dazu konnte sie sich nach kurzer Zeit nicht mehr aufraffen. 

Sie kann sich zu nichts motivieren und hockt nur in der Wohnung. Ich habe schon überlegt, ob sie vielleicht mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin darüber reden sollte. Sie steht kurz vorm Ende ihres Studiums, ich habe Angst, dass sie es nicht schafft, sich ein eigenes Leben aufzubauen und einen Job zu suchen. 

Wir sind so lange zusammen, ich möchte ihr helfen. Aber wenn sich nichts ändert, weiß ich nicht, ob ich mit ihr zusammenbleiben kann. Was soll ich tun?

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Lieber Olli,

ich kann gut nachvollziehen, dass die Situation sehr schwierig für dich ist. Gleichzeitig merkt man, dass dir die Beziehung sehr wichtig ist und du sie nicht einfach aufgeben willst. Als ihr noch eine Fernbeziehung geführt habt, hat sich dieser Konflikt zwischen euch noch nicht gezeigt. Jetzt steht ihr vor der Herausforderung, euch als Paar mit euren unterschiedlichen Bedürfnissen neu aufeinander einzustellen.

Was du beschreibst, ist in dieser oder ähnlichen Form ein häufiges Thema in Beziehungen. Es handelt sich um den Konflikt zwischen Nähe und Distanz. Dabei geht es immer um die Frage, wie die jeweiligen Partner diesbezüglich "ticken" und wie eine gemeinsame Schnittmenge gefunden werden kann, mit der sich beide wohlfühlen. 

Nicht selten ist einer der Partner bindungsorientierter, wie es bei deiner Freundin der Fall ist. Für sie steht die Beziehung an erster Stelle, alles andere ist für sie nicht so wichtig. Um sich wohl zu fühlen, braucht sie viel Geborgenheit, Austausch und gemeinsam verbrachte Zeit. Wenn du etwas ohne sie unternehmen willst, erlebt sie das als Zurückweisung und ist entsprechend enttäuscht und traurig. Das ist an sich nichts, weswegen man zum Therapeuten gehen müsste. Es sei denn, dieser abhängige Persönlichkeitsstil ist so stark ausgeprägt, dass sie tatsächlich nicht in der Lage ist, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten. 

Zudem können sich auch depressive Symptome, wie Antriebsmangel, Niedergeschlagenheit und geringes Selbstwertgefühl zeigen. Dann wäre eine Therapie sicherlich sinnvoll, jedoch muss sie das auch von sich aus wollen. Wichtig für dich als Partner ist, dass du deiner Freundin niemals das Gefühl gibst, "falsch" zu sein. Versuche immer wieder, deine Bedürfnisse klar zu machen und lass dir kein schlechtes Gewissen machen. 

Es ist schwierig, ihre Enttäuschung auszuhalten, aber es ist dein gutes Recht etwas alleine zu unternehmen. Es ist ihre Aufgabe, zu lernen, etwas loszulassen. Allerdings kannst du sie weder dazu zwingen, sich zu ändern, noch zum Therapeuten zu gehen – und zu viel Druck macht es wahrscheinlich nur noch schlimmer. Es hört sich vielleicht paradox an, aber anstatt sie in die Selbstständigkeit zu drängen, könntest du versuchen, ihr sehr viel emotionale Sicherheit zu geben und ihr immer wieder zu zeigen, dass sie dir wichtig ist. Dadurch wird sie sich entspannen können, ihre Ängste vor dem Verlassen werden und Alleinsein werden abnehmen. 

An welcher Stelle kannst du ihr zuliebe ein wenig mehr Zeit bereitstellen? Wie könntet ihr regelmäßig schöne Stunden miteinander verbringen? Wie kannst du ihr zeigen, wie wichtig sie dir ist? Wie kannst du ihr Sicherheit und Verbindlichkeit vermitteln? In welchen Bereichen bist du nicht bereit, Abstriche zu machen? Wie viel "Ich-Zeit" brauchst du mindestens, um dich wohl zu fühlen?

Diese Gratwanderung zwischen Zuwendung und Abgrenzung ist sicherlich eine Herausforderung und braucht viel Selbstreflexion und Austausch mit deiner Freundin. 

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin

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Fühlen

Weg mit den christlichen Feiertagen!

Anfang Juni ist Pfingsten. Was das heißt, weiß wohl nur noch der Papst. Was soll das? Schweden hat Pfingsten schon abgeschafft. Richtig so! Mit Feiertagen bestimmt eine Gesellschaft, wer sie sein will. Uralte christliche Feiertage sind unzeitgemäß. Weg damit und her mit ein paar Feiertagen, die uns wirklich etwas bedeuten.

Was ich statt der christlichen Feste feiern will, erzähle ich im Video oben.