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Irgendwo zwischen "Ich bin verliebt in diese Stadt" und "Ich möchte sofort wieder nach Hause, bitte!"

Das Ende des Studiums, der Beginn eines neuen Jobs oder die ganz große Liebe am anderen Ende Europas: Die Gründe für einen Umzug sind so unterschiedlich wie die Erfahrungen, die jeder Einzelne dabei macht.

Kisten packen müssen alle, genauso wie Abschied nehmen. Den Strom abmelden, das alte Bett verkaufen, die Schlüssel beim Vermieter abgeben. Ein letztes Mal mit den besten Freunden bis sechs Uhr morgens feiern gehen und den Eltern versichern, dass man es schaffen wird. Ganz alleine.

Komponenten wie das Schließen neuer Freundschaften, der Wegfall des kompletten sozialen Umfelds und eventuelle Sprachbarrieren können den Anfang erschweren.

Meist durchläuft der Mensch verschiedene Phasen der Orientierungs- und Lustlosigkeit, wenn er alleine in eine neue Stadt zieht. Dieser Zustand hält so lange an, bis er sich mit der neuen Stadt und dem Leben, das er dort begonnen hat, zufrieden gibt.

Man kennt die verschiedenen emotionalen Stadien auch aus dem Zirkel des kulturellen Schocks, den Menschen typischerweise durchleben, wenn sie in eine fremde Umgebung ziehen.

Und das sieht dann so aus:
1. "Ich bin so verliebt in diese Stadt"

Deine Laune könnte nicht besser sein. Vor dir liegt eine Stadt, so leer an Erinnerungen. Egal, was du jetzt tust, es wird sich besonders anfühlen. Es wird ein erstes Mal für alles geben: Das erste Mal im Supermarkt keine Milch finden. Das Erste mal einen Drink an der Bar ums Eck bestellen. Das erste Mal durch die Stadt laufen und fasziniert sein. Von den Gebäuden und Gerüchen und Menschen, die draußen auf einen warten. All das solltest du genießen wie Verliebtsein. Dein neues Leben steht auf dich.

Der Kontakt nach Zuhause macht den Abschied leichter, als er ohnehin schon fällt. Deine besten Freunde sind für dich da, wenn du sie brauchst und umgekehrt. Mit dem kleinen Unterschied, dass du sie nicht mehr jederzeit sehen kannst. Aber das macht nichts, sie werden dich besuchen kommen.

Du kannst es gar nicht erwarten, dich in deiner neuen Stadt einzuleben und lernst brav Vokabeln. Der Unterschied zwischen dem alten und neuen Zuhause erscheint in einem romantischen Licht – natürlich zum Vorteil der neuen Stadt.

2."Ich möchte sofort wieder nach Hause, bitte"

Nach ungefähr drei Monaten setzt die Phase ein, in der du niemanden so wirklich gut kennst und mangels sozialen Engagements abends oft alleine im Zimmer sitzt und weinst. Du bekommt zwar häppchenweise neue Menschen serviert, an die musst du dich aber auch erst gewöhnen. Außerdem hört niemand so gut zu wie die beste Freundin. Du bist enttäuscht.

Deine Konversationen mit Mitbewohnern bestehen aus unendlichen Nacherzählungen deines bisherigen Lebens, mit denen du dein Gegenüber zu Tode langweilst. Nur weil du selbst neu bist, heißt das nicht, dass dieser Umstand die anderen unbedingt beeindruckt.

Kurz: Du hasst dein neues Leben und möchtest nichts lieber, als wieder mit deinen besten Freunden um die Häuser ziehen. Eigentlich hättest du erst gar nicht hierher kommen sollen, sagt das Heimweh.

3. "Zurückgehen ist keine Option, hier bleiben auch nicht"

Vielleicht ist es woanders doch besser. Wahrscheinlich nicht. Ganz ehrlich: Du weißt es nicht. Nach sechs bis zwölf Monaten hast du eine gewisse Routine gewonnen, die dich die Milch im Supermarkt auch tatsächlich beim ersten Anlauf finden lässt. Die Stadt fühlt sich auch am Wochenende nicht mehr an wie Urlaub.

Du hast die Kultur geistig durchdrungen, selbst wenn du sie noch nicht in deinen eigenen Alltag integriert hast. Bald stellst du fest, dass es in der neuen Stadt zumindest genauso viele Menschen wie zuhause gibt, die dir furchtbar auf die Nerven gehen.

Aufgeben ist keine Option. Du klammerst dich an den wenigen Bekanntschaften fest, die du auf dem Klubklo gefunden hast und versuchst das Beste aus deinem langweiligen Wochenende zu machen.

4. "Ich akzeptiere dich mit all deinen Schwächen"

Veränderungen sind etwas Gutes – wirst du nach einem Jahr merken und deine Entscheidung im besten Fall nicht bereuen. Sobald du die Chancen erkannt hast, die mit getroffenen Entscheidungen einhergehen, erleichtert dir das dein Leben ungemein. Dein altes Zuhause spukt dir nicht mehr täglich im Kopf herum. Wenn du zurückblickst, denkst du nicht nur an die schönen Momente, sondern erinnerst dich an die Gründe, warum du letztendlich weg wolltest.

Du gewöhnst dich an die Schwächen deiner neuen Stadt wie an die Probleme deines Liebhabers. Du weißt jetzt, dass es immer Dinge geben wird, die dich stören werden. In dieser, in der nächsten und auch in deiner Heimatstadt.

Aber das Leben kann zumindest wieder weitergehen. Wer weiß, vielleicht verliebst du dich sogar ein zweites Mal in deine neue Heimat.

Diesmal richtig.

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