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Warum ihre Eltern beim Anblick von ostdeutschen Betonklötzen glasige Augen kriegen, war für Phuong lange ein Rätsel.

Wann immer meine Eltern und ich nach Berlin fahren, vergehen keine fünf Minuten bis einer der beiden von "Ost" und "West" spricht. "Schau mal, wir sind in Ost-Berlin – sieht man sofort!", sagt mein Vater. Oft entdecke ich in solchen Momenten ein Leuchten in seinen Augen. Sie sehen graue Betonbauten und freuen sich – ich sehe graue Betonbauten und frage mich, was daran so schön sein soll. Der Unterschied zwischen uns: Sie haben die Teilung Deutschlands erlebt, ich nicht.

Mein Vater und meine Mutter sind ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter, die Ende der Achtzigerjahre im Rahmen der sozialistischen "Bruderhilfe" in die DDR gekommen sind.

Die DDR ist für sie ein Land, das sie ganz anders erinnern, als mir lieb ist.

Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter in der DDR

Anfang der Siebzigerjahre schloss die DDR wegen des Arbeitskräftemangels bilaterale Staatsverträge mit sozialistischen Staaten wie Vietnam, Mosambik, Kuba und Angola. So kamen in den Folgejahren Zehntausende, vorwiegend junge, Arbeitskräfte nach Ostdeutschland, um in DDR-Betrieben zu arbeiten.

1989 lebten etwa 93.000 ausländische Arbeitskräfte in der DDR, davon allein rund 59.000 aus Vietnam. Bis 1995 kehrten schätzungsweise 45.000 bis 50.000 vietnamesische Vertragsarbeiter in ihre Heimat zurück. (Bundeszentrale für politische Bildung)

Mein Vater kam 1988 in die DDR, da war er 25 Jahre alt. Meine Mutter folgte kurz vor dem Mauerfall, im Alter von 19 Jahren. Obwohl beide nur die letzten Atemzüge der DDR miterlebten, hat diese kurze Zeit sie nachhaltig geprägt. 

Die deutsch-deutsche Teilung: Noch heute ist sie stark in den Köpfen meiner Eltern präsent. In unserem Familienalltag fallen Sätze wie: "Die westdeutschen Städte sind einfach viel reicher.“ Oder: "Familie XY ist in den Westen nach Köln gezogen", anstatt es einfach bei der Stadt zu belassen.

Als Kind empfand ich all dies als komisch, denn ich erlebte Deutschland nur als geeintes Land. Die DDR kannte ich nur aus Erzählungen und dem Geschichtsunterricht. Dort lernte ich: Es war ein Unrechtsstaat, der seine Bürgerinnen und Bürger unterdrückte. Das Ministerium für Staatsicherheit überwachte sie, beschränkte die Meinungsfreiheit und schürte Angst und Misstrauen unter den Menschen.

Für mich, die ich in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung aufgewachsen bin, hörte sich das dementsprechend schrecklich an.

Meine Eltern erinnerten sich oft aber fast schwärmerisch. 

Sie erzählten mir von sorgenlosen Monaten, in denen Essen, wohnen, arbeiten abgesichert waren. Vom gesparten Lohn konnten sie sich Waren kaufen, die sie nach Vietnam zu ihrer Familie schickten.

Pakete in die Heimat

Eines der größten Ziele vietnamesischer Vertragsarbeiter war es, die Familie im Heimatland zu unterstützen. Allerdings war es in der DDR verboten, Geld ins Ausland zu schicken. In zwischenstaatlichen Verträgen wurde daher eine Regelung getroffen: Pro Person durfte zwölf mal jährlich ein Postpaket im Wert von 100 Mark und sechs mal im Jahr eine zollfreie Postsendung ohne Wertbegrenzung verschickt werden. Oft wurden so Gegenstände wie Fahrräder, Nähmaschinen, Kleidung versendet. (Bruderland.de)

Ich konnte die nostalgischen Erinnerungen an die DDR-Zeit nie nachvollziehen, wurde auch manchmal wütend. Wie konnten sie das Negative ausblenden?, fragte ich mich. Immerhin war die Lebenssituation für ausländische Vertragsarbeiter in der DDR nicht besonders angenehm.

Sie wurden nach Geschlechtern getrennt in Wohnheimen untergebracht, mussten sich Zwei- und Dreizimmerwohnungen zu fünft oder siebt teilen. Sie waren billige Arbeitskräfte, ihre Jobs waren oft körperlich fordernd: Mein Vater arbeitete im Schichtsystem des Werkzeugkombinats in der Schmiede, meine Mutter im Bereich Fahrzeugelektrik in der Verpackung. Freizeit gab es kaum, der Kontakt zu deutschen Bürgerinnen und Bürgern war unerwünscht. Frauen durften nicht einmal schwanger werden. Wenn es dennoch geschah, bedeutete das häufig: Schwangerschaftsabbruch oder die Rückführung ins Heimatland (Zeit Online).

Das soll ein tolles Leben gewesen sein?

Ich kann mir nicht vorstellen, meinen Job nicht frei wählen zu können. Ich kann mir nicht vorstellen, auf engstem Raum zu leben. Ich will mir nicht vorstellen, Entscheidungen mit Angst treffen zu müssen.

Für meine Eltern war all dies damals zweitranging. Sie kamen aus einem Land, in dem jahrzehntelang Krieg geherrscht hatte. Von 1946 bis 1954 der Indochinakrieg und von 1955 bis 1975 der desaströse Vietnamkrieg.

Meine Oma erzählt mir noch immer oft, wie sie mit meiner Mutter und meiner Tante im Arm vor Bomben flüchtete. Mein Vater lebte als Junge in einer Hütte im Wald aus Lehm und Holz. Die Menschen mieden Städte, weil sie Angriffsziele darstellten, und flüchteten vorwiegend aufs Land. Überhaupt einen Job zu bekommen, galt damals als großes Glück.

Vorläufiger Personalausweis meines Vaters für einen länger befristeten Aufenthalt in der DDR.

(Bild: privat)

Versetzt man sich in eine solche Lage, klingt das Angebot der DDR paradiesisch.

Eine Wohnung in der Stadt, Arbeit, festes Gehalt? "Wir waren jung und wollten selbstständig unser Leben leben – so wie die Studenten heute", sagt meine Mutter. "Wir wollten unbedingt arbeiten. Das war wie ein Abenteuer für uns."

Mein Vater schwärmt heute vor allem davon, dass er Wohnung und Arbeit einfach so zugeteilt bekam. "Ich kriegte 1200 Mark Lohn. Wohnen kostete mich nur 30 Mark. Ich hatte so viel Geld. Heute ist alles schwerfällig."

Die Mauer fiel am 9. November 1989.  Mit dem Niedergang der DDR kamen auch die Kündigungen. Der für sie neue Staat bot meinen Eltern an: Entweder 3000 Mark nehmen und in die Heimat zurückkehren oder im wiedervereinten Deutschland bleiben – ohne gesicherte Zukunft. 

Meine Eltern entschieden sich, zu bleiben. Nach vorne zu sehen. Weiterzumachen. Eine Lebenseinstellung, die sie auch mir stets vermittelten. 

Auf meine Frage, ob sie nicht Angst vor der Zukunft und Joblosigkeit hatten, als die Mauer fiel, entgegneten sie: "Ja, wir hatten Angst. Aber man kann sowieso nichts tun. Wir haben einfach abgewartet."

Mit dem Mauerfall kamen auch die Kündigungen von Arbeitswohnheimen und DDR-Betrieben.

(Bild: privat)

Wenn ich heute darüber nachdenke, wird mir klar, aus welcher privilegierten Situation ich die Sichtweise meiner Eltern lange beurteilt habe. 

Sie kamen aus einem Land, das damals keine Perspektiven bot. Die DDR stellte, trotz ihrer Schwächen, eine Chance für sie dar – auf Arbeit, Geld und ein besseres Leben.

Gerade weil meine Eltern nur eine kurze Zeit in der DDR verbrachten, blieben ihnen vorrangig ihre positiven Seiten in Erinnerung. Die Anfeindungen und Ausgrenzungserfahrungen, die viele andere Vertragsarbeiter machten, gingen an ihnen größtenteils vorbei. Stattdessen mussten sie sich in einem neuen System behaupten. Ohne einen deutschen Abschluss, mussten sie irgendwie Geld verdienen, denn im Oktober 1991 kam ich auf die Welt und meine Eltern brauchten noch dringender Geld als zuvor. Sie wurden Händler, verkauften auf Märkten und Supermarktparkplätzen alles, was sich irgendwie verkaufen ließ. Eine undankbare Aufgabe.

Nach dem Mauerfall wurden viele vietnamesische Vertragsarbeiter selbstständig. Auf Märkten bauten sie ihre Stände auf und verkauften von Großmärkten eingekaufte Waren.

(Bild: privat)

Ich kann verstehen, dass sie sich in diesen Momenten die gefühlte Sicherheit des alten Systems zurückwünschten.

Meine Eltern haben die DDR nie offen verteidigt und hatten kein Porträt von Erich Honecker an der Wand hängen. Auch das entspricht ihrer Kultur: Viele Vietnamesen geben sich nach außen eher unpolitisch und äußern sich lieber nicht kritisch, um sich selbst und ihre Familie zu schützen. Wenn ich meine Eltern nach der DDR frage, geht es für sie nicht um die politische Dimension, sondern um ein Gefühl von Sicherheit, um eine Nostalgie und eine Zeit, in der sie jung waren und etwas Neues kennenlernen durften.

Ich selbst verurteile immer noch das politische System der DDR, allerdings nicht mehr die Sichtweise meiner Eltern. Ich verstehe, dass man sich im kapitalistischen System und in der freien Marktwirtschaft im Vergleich zum sozialistischen System der DDR allein gelassen fühlen kann.

Ich glaube, damit sind meine Eltern vielen ostdeutschen Bürgerinnen und Bürgern, die in der DDR geboren und aufgewachsen sind, und die nach dem Mauerfall alleine zurechtkommen mussten, näher als viele ahnen.


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Penis, Pool, "Prince Charming" - der "schwule Bachelor" hätte so viel mehr sein müssen
Trash unter dem Deckmantel der queeren Solidarität

Ich gebe zu, als der Trash-Sender RTL groß ankündigte, mit einer schwulen Version des "Bachelors" sein Angebot auf TVNOW zu erweitern, keimte in mir eine kleine Hoffnung auf: 21 schwule Männer! Auf einem Bildschirm! Die mit Dates und Gesprächen ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe und Beziehung zeigen können, die unterhalten können – und ganz nebenbei repräsentieren. 

Zumal diese Form des Bachelors auch gleich eine andere Revolution des Formates bedeutet: Hier steht jeder potentiell auf jeden. Anstatt nur einen Mann anzubeten, könnten die Kandidaten in der griechischen Villa auch ihren Mitstreitern die große Liebe gestehen. (Spoiler: Gleich in der ersten Nacht kuscheln zwei Konkurrenten nackt, bis zum ersten Penis muss man also nicht mal eine ganze Folge warten.)

Mit dem neuen Format hat Deutschlands größter Privatsender also die riesige Chance, schwule Liebe auf alle möglichen Arten zu zeigen.