Weil früher nicht alles besser war

Das Jahr 2019 hat gerade erst angefangen, viele Menschen schauen aber bereits zurück: Was war früher besser – und was soll in diesem Jahr endlich anders werden? Unter den Hashtags #10YearChallenge und #2009vs2019 teilen gerade Tausende Menschen ihre Entwicklung in den letzen zehn Jahren mit der Welt. Sie zeigen damit: Früher war nicht immer alles besser.

Wir haben mit drei Menschen gesprochen, bei denen in zehn Jahren viel passiert ist – und erklären, warum die Challenge auch kritisiert wird.

Worum geht's?

Die 10-Year-Challenge fordert dazu auf, Fotocollagen auf Facebook, Twitter oder Instagram zu hochzuladen.

Dafür muss man ganz schön stöbern: Links soll ein Foto aus dem Jahr 2009 stehen, rechts ein aktuelles Foto. Auch viele Promis, zum Beispiel Nicki Minaj und Anne Hathaway, haben mitgemacht:

Aber interessanter als Promis in teuren Klamotten sind die Bilder, hinter denen eine Geschichte steckt. 

Wir haben mit drei Personen gesprochen, bei denen die letzten zehn Jahre besonders intensiv waren:

Linus, 32, bloggt über Bücher und sein Leben als trans Mann

Wenn du dich mit 2009 vergleichst: Bist du heute glücklicher?

Auf jeden Fall. Und die Veränderungen der letzten Monate haben viel dazu beitragen: Ich trage einen männlichen Namen, habe eine tiefere Stimme und bekomme meine ersten Barthaare.

Es fiel mir aber schwer, bei der Challenge mitzumachen, weil es seltsam war, all die alten Fotos anzuschauen. Die Person darauf ist mir fremd. Ich wirke wie verkleidet: Als würde ich ein Kostüm tragen, das mir einfach nicht richtig passt.

„Wenn ich mich jetzt im Spiegel anschaue, dann denke ich: Das bin ja ich. Ich fühle mich wohl, es passt einfach!“

Was war für dich der schönste Moment in den letzten zehn Jahren – und was der traurigste?

Schwer zu sagen. Ein besonderer Moment war der, als ich zum ersten Mal meinen Namen sagte: Linus. Es hat sich plötzlich alles richtig angefühlt. Genauso schön war der Tag, als ich meine erste Spritze Testosteron bekam. Ich freue mich über jede kleine Veränderung, die ich seitdem erlebe.

Der traurigste Moment war die Erkenntnis, dass nicht alle Menschen, die ich liebe, diesen Weg mit mir gehen wollen – oder können. Ich habe in den letzten zehn Jahren viel gewonnen, musste aber musste auch viel zurücklassen.

Anni, 22, macht eine Ausbildung als Erzieherin, würde aber lieber Fotografie studieren

Bist du heute glücklicher als vor zehn Jahren?

"Ich habe definitiv mehr glückliche Momente und schätze manche Dinge mehr: lange Spaziergänge, Reisen und natürlich Freunde und Familie. In den letzten zehn Jahren bin ich persönlich einfach viel reifer und geerdeter geworden."

„Außerdem hatte ich endlich den Mut meiner Familie zu sagen, dass ich wahrscheinlich niemals einen Mann und zwei Kinder haben werde.“

Was war der schönste Moment in den letzten zehn Jahren – und was der traurigste?

Der schönste Moment war meine Reise nach Barcelona zur "Love Fan Fest Convention", einem Treffen für LGBT. Die Menschen waren unglaublich. Gerade machen mich meine Reisen glücklich: ich habe meine eigene "10 Months – 10 Countries"-Challenge. Im Januar war ich in Finnland, im Februar bin ich in Irland.

Menschen – vor zehn Jahren und heute

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Es war traurig zu realisieren, dass nichts für immer ist. Dass es immer Leute gibt, die aus meinem Leben gehen – sogar Familie.

Natalie, 27, ist Sozialarbeiterin und twittert über Makeup und Fotografie.

War 2009 alles besser für dich?

Ich bin heute definitiv glücklicher, denn ich ruhe einfach mehr in mir selbst. Damals war ich Schülerin, aber das war nicht mein Ding. Mit vielen der Menschen konnte ich nicht viel anfangen – und sie nicht mit mir. Damals hatte ich aber noch das Gefühl, das sei etwas Schlechtes. Heute finde ich es okay.

„Ich habe in den letzten Jahren verstanden, was ich will – und wen. Und ich bin mit mir selbst einfach zufriedener.“

Welche Momente behältst du in guter Erinnerung – und welche nicht?

Der schönste Moment war eindeutig, als ich meine Bachelorarbeit bestanden habe. Das war mir sehr schwer gefallen. Umso stolzer und glücklicher war ich, als ich es geschafft hatte.

Der traurigste Moment war, als mein Kater einen Schlaganfall hatte und eingeschläfert werden musste. Er war immer da, auch als mein Vater gestorben ist, wie ein Teil meiner Familie. Das tat schon weh.

Es gibt aber auch Kritik an der 10-Year-Challenge.

Größter Kritikpunkt ist die Oberflächlichkeit der Nutzer. Denn bei einem großen Teil der Fotos geht es um nichts weiteres als positive Selbstdarstellung. (Huffington Post)

Selbst die gutgemeinten Kommentare sind nicht immer hilfreich: Anne Hathaway wird unter ihrem Instagram-Post gelobt, weil sie noch so jung aussieht. So ein Kompliment sagt eigentlich nur: Alt aussehen sei nicht schön. Dabei ist Altern doch unvermeidlich – und niemals hässlich. Solche Kommentare können sich beim Lesen auch auf unser Selbstwertgefühl auswirken.

Außerdem kommen Theorien auf, dass diese Challenge vor allem einem nutzen: Facebook und Firmen, die für den Konzern Big Data auswerten (Wired). Würden die Fotos massenhaft analysiert werden, könnten große Fortschritte in der Gesichtserkennung gemacht werden.

Auf Dauer könnte das unser Menschenrecht auf Privatsphäre gefährden.

Sollte man trotzdem reinschauen?

Ja, zumindest durchscrollen lohnt sich. Denn unter den Millionen Teilnehmern und Teilnehmerinnen sind viele tolle Geschichten versteckt. Und die sind ganz und gar nicht oberflächlich!

Es sind inspirierende Geschichten von Menschen, die eine harte Zeit hinter sich haben und heute sagen können:
Ich habe es geschafft. Das gibt Inspiration für das kommende Jahr.


Musik

Wegen Missbrauchsvorwürfen: Petition soll Konzerte von R. Kelly verhindern
Im April will er zu zwei Terminen nach Deutschland kommen.

Gerade erst haben mehrere Frauen in der Doku-Serie "Surviving R. Kelly" ihre Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegenüber R. Kelly bekräftigt: Der R'n'B-Sänger soll sie körperlich und emotional misshandelt haben und sie teilweise mit leeren Versprechungen zu sexuell demütigenden Handlungen gebracht haben.

Die Vorwürfe wiegen schwer, erfolgreich ist R. Kelly dennoch nach wie vor: Im April kommt er für zwei Konzerte nach Deutschland, die Tickets für die Termine in Ludwigsburg und Hamburg kosten rund 100 Euro. 

Doch es gibt Menschen, die das noch verhindern wollen: 

In einer kürzlich gestarteten Petition wird gefordert, die Konzerte abzusagen. Niemand solle Profit mit einem Mann machen, der "Frauen bei sich zu Hause hält, als wären sie Tiere bzw. Sexsklavinnen", schreiben die Initiatorinnen.

Woher kommen die Vorwürfe gegen R. Kelly?

Neu sind sie nicht, manche sogar bereits Jahrzehnte alt. 1994 soll er die damals 15-Jährige Sängerin Aaliyah illegal geheiratet haben, 2002 tauchte ein Video auf, das ihn beim Urinieren auf eine Minderjährige zeigen soll. Bei einer Durchsuchung seines Hauses wurden auch Bilder vn mutmaßlich minderjährigen, nackten Mädchen gefunden. Die Vorwürfe wurden von der Polizei untersucht, 2004 wurde die Ermittlung wegen eines Verfahrensfehlers fallengelassen. (MTV.com auf archive.org)

In der Doku berichten verschiedene Frauen von systematischem Missbrauch durch Kelly: Die meisten von ihnen lernten ihn demnach als Teenager kennen, später hätten sie ihn etwa um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie essen oder die Toilette benutzen wollten. (Tagesspiegel)

Die Vorwürfe nagen am Image des Sängers: In den USA wurden 2017 nach Berichten über einen angeblichen "Sex-Kult" R. Kellys Konzerte abgesagt. 

Was sagen die Veranstalter in Deutschland?

Die beiden Termine, welche durch die Petition verhindert werden sollen, sind in Deutschland die einzigen geplanten Konzerte. "HipHop Dates Stuttgart", einer der Veranstalter des Ludwigsburger Konzertes sagte gegenüber "Noisey", dass man zu den Vorwürfen als Veranstalter "keine Position einnehmen" möchte. R. Kelly sei wegen seiner musikalischen Karriere und Leistung gebucht worden.