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Der Konzern will aufklären. Doch in der Zentrale in Dublin erleben wir eine Überraschung.

Soll noch einer sagen, Facebook gehe nicht rigoros gegen Schmutz vor. In der Europazentrale des Konzerns stehen auf fast jedem Tisch Desinfektionsflüssigkeit und Kleenex-Box bereit. Neben den Waschbecken stapeln sich Einwegzahnbürsten, der Handtrockner daneben ist laut Eigenwerbung der "schnellste und hygienischste" überhaupt.

Europazentrale von Facebook in Dublin: Auf Gäste nicht eingestellt(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Um Dreck geht es auch bei diesem Besuch, aber um anderen. Facebook hat eingeladen in die Zentrale nach Dublin.

Auf Gäste ist man dort eigentlich gar nicht eingestellt. Am Glasquader in Hafennähe prangt kein Logo, keine Spur von Facebook-Blau. Journalisten kommen nur selten hinein. Doch nun steht der Konzern in Deutschland wegen seines Umgangs mit Hetze in der Kritik. Man hat ein paar Reporter eingeladen, um zu erklären, was man gegen den Hass tut.

Facebook ist in diesem Jahr der Flüchtlingskrise zur Arena geworden für Streit und Polemik. Der Umgang mit Ausländerhass und Hetze gegen Flüchtlinge hat das Image der Firma in Deutschland beschädigt, die Politik und nun selbst die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen.

Der Vorwurf an Facebook: Ein Großteil der Hetze, den Nutzer melden, bleibe stehen, mit dem automatisierten Hinweis, sie verstoße nicht gegen Facebooks Richtlinien.

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In Deutschland hat Facebook 30 Millionen Nutzer, aber niemanden zum Überprüfen der Beiträge. Das passiert vor allem in Dublin (aber auch in Kalifornien, Austin und im indischen Hyderabad). Es heißt stets, dass jeder deutsche Beitrag, der gemeldet wird, von einem Muttersprachler überprüft wird. Über Abläufe, Details, Zahlen verriet Facebook bislang nichts.

Also sitzen jetzt ein paar Reporter aus Germany in der Zentrale. Es gibt Bagels mit Lachs.

Facebook-Chef Lambe: "Ihr werdet die Gespräche sehr aufschlussreich finden"(Bild: SPIEGEL ONLINE)

1100 Mitarbeiter sind es in Dublin, ihr Chef heißt Gareth Lambe. Er ist schon morgens gut gelaunt und trägt als Einziger Lederschuhe statt Sneakers. "Toll, ihr habt Bagels, ihr seid also echt wichtige Gäste", sagt er. Und verspricht: "Ihr bekommt später eine Tour durchs Gebäude, und das ist richtig cool."

Die meisten seiner Angestellten würden in der Abteilung "Community Operations" arbeiten, also der Abteilung, die Hass-Postings und andere gemeldete Inhalte begutachtet. Wie viele es sind? "Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht." Und das Problem mit der Hetze? Da sei er kein Experte, sagt der Facebook-Chef. "Aber ihr werdet die kommenden Gespräche sehr aufschlussreich finden."

Es folgt Siobhan Cummiskey, Policy Manager EMEA, also die Verantwortliche für Regeln in Europa und dem Nahen Osten. Sie beginnt mit dem Satz: "Ich weiß, dass dies in Deutschland ein sehr emotionales Thema ist." Das Ziel sei es, die Verbreitung von Hass zu stoppen. Man könne auch Hassbeiträge löschen, wichtiger sei allerdings, mit counter speech gegenzuhalten.

Ich weiß, dass das in Deutschland ein emotionales Thema ist.
Facebook-Managerin Siobhan Cummiskey

Warum werden Beiträge, die in Deutschland als Volksverhetzung gelten, dann so oft stehengelassen? "Wir sind keine Experten für deutsches Recht." Wie viele Meldungen gibt es denn? "Wir haben keine Methode, das zu erfassen." Und wie viele Leute begutachten Meldungen aus Deutschland? Das, sagt Cummiskey, sei eine interessante Frage. Julie werde gleich darüber reden.

Julie de Baillencourt, Safety and Policy Manager für Europa, war selbst mal in der Löschbrigade aktiv, jetzt managt sie. Es gebe keinen Bearbeitungsstau, denn man habe genug Leute. Wie viele? Hunderte Mitarbeiter. Es ist die Standardantwort seit Beginn der Hate-Speech-Diskussion. Also kleine Nachfrage. "Ehrlich gesagt, ich habe die Zahl heute nicht vorliegen." Und wie viele Deutsche schauen sich die Posts an? "Ehrlich gesagt", sagt die Teamleiterin, "ich weiß nicht, wie viele Deutsche im Team sind".

De Baillencourt hat aber noch einen Trumpf in der Tasche. Ein deutscher Mitarbeiter des Teams, in Fleisch und Blut. Ein Mann von der Front, Angehöriger der Facebook-Feuerwehr. Einer, der sich also tagtäglich mit ausländer- und menschenfeindlichem Schmutz herumschlägt.

Der Name bleibt geheim, alles andere eigentlich auch.

Der Mann trägt einen schwarzen Kapuzenpulli mit der Aufschrift "Community Operations". Sein Name, sein Aussehen, seine Heimatstadt müssen geheim bleiben. Sicherheitsgründe, heißt es. Vielleicht auch, denkt man kurz, damit er freier sprechen kann.

Er sagt: Der Sommer 2014 (Weltmeistersommer) war entspannt in Sachen Hass, der Sommer 2015 (Flüchtlingskrise) war komplett anders. Er sagt: Es macht keinen Unterschied, ob ein Beitrag einmal gemeldet wird oder zweihundertmal. Er sagt: "Wir versuchen, harm zu vermeiden und sind sehr safety-focused."

Er macht das schon seit sechs Jahren, was könnte er alles erzählen! Doch mehr sagt er dann nicht. Sobald es um Abläufe geht, Details oder nur die Frage, ob er neben sich andere Deutsche sitzen hat, die er im Zweifelsfall mal fragen kann, verstummt der Mann ohne Namen.

Immer schön sauber bleiben, Facebook!(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Dann schreitet die Pressesprecherin ein. De Baillencourt müsse erst noch ein paar Folien ihrer Präsentation abarbeiten. Dann spricht sie länger über die sicherlich auch sehr interessanten Themenkomplexe Kindersicherheit, Suizid, den compassion research day und über Fotos von Frauen, die in der U-Bahn essen.

Sie haben andere Sorgen in Dublin.

1,4 Milliarden Nutzer, 350 Millionen Fotos, die Tag für Tag hochgeladen werden. Das Team kümmert sich auch um Rachepornos, Mobbing, Gewaltdarstellungen von Prügelei bis zu Köpfungsvideos von Terrorgruppen.

Nur die Deutschen kommen immer an mit der Diskussion um Hass. Dabei gibt es doch andere Themen. Weitere Redner erklären, dass es in Sachen Datenschutz und bei den Geschäften mit kleinen und mittelständischen Unternehmen richtig gut für Facebook läuft.

Das Facebook-Gebäude ist eine Mischung aus ein bisschen verspieltem Start-up-Style und ziemlich nüchterner Konzernzentrale.(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Und so erhält man auch in Dublin keine Indizien für Facebooks Behauptung, dass der Umgang mit Hetze gut funktioniere. Rechnet man die gefallenen und ausgebliebenen Äußerungen zusammen, kommt man zu diesem Ergebnis: Facebook dürfte nichts ändern an seiner Politik, die in Deutschland Teile der Nutzer und der Öffentlichkeit so frustriert. Egal was Mark Zuckerberg der Kanzlerin gesagt hat.

Zum Schluss absolvieren die Besucher die vom Facebook-Chef als "ziemlich cool" angekündigte Tour durchs Haus. Es ist bunt, aber nicht zu sehr. Ein bisschen Start-up, aber mehr Konzernzentrale, sehr funktional. Halbjunge Menschen sitzen an Rechnern, hier und da stehen Gratismüslispender, Schokoriegel liegen aus, die Tischtennisplatte ist facebookblau. Wo es interessant werden könnte, steht eine Super-Mario-Figur oder ein David Hasselhoff aus Pappe mit einem Stoppschild: No visitors beyond this point.

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Dahinter könnte, irgendwo, jenes Team sitzen, wie groß auch immer, das sich ansieht, was die Nutzer melden. Möglicherweise durchforsten dort gerade auch ein paar Deutsche die vielen Nazisprüche, Drohungen und Hasskommentare, die täglich gemeldet werden. Aber genau wird man es nicht mehr erfahren.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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