Bild: dpa/ Boris Roessler
Getrübte Stimmung im Alleswisser-Paradies - und das ausgerechnet zum 15. Geburtstag!

"Wenn ich erzähle, dass Wikipedia jetzt 15 Jahre alt wird, sind viele Menschen überrascht und fragen: Erst? Für sie fühlt es sich so an, als sei Wikipedia schon immer da gewesen im Netz", sagt Lukas Mezger. Mezger, 29 Jahre alt, ist Jurist und arbeitet seit zehn Jahren für die Online-Enzyklopädie.

Am Freitag feiern er und andere Wikipedianern den Geburtstag der "Bewegung", wie Mezger das Projekt nennt - auch wenn eine Bestandsaufnahme zum Jubiläum nicht so positiv ausfällt, wie viele Unterstützer sich das wünschen würden. Was nicht zuletzt mit den Umgangsformen mancher Helfer zu tun hat.

Die Domain wikipedia.com ging am 15. Januar 2001 online, nur zwei Monate später zog wikipedia.de nach (heute alle unter wikipedia.org). Es war die Geburtsstunde eines Projekts von Freiwilligen, das 15 Jahre später aus dem Internet nicht mehr wegzudenken ist. Was wären wir ohne Wikipedia?

Es gibt 291 Sprachversionen mit insgesamt rund 35 Millionen Artikeln. Allein die deutschsprachige Ausgabe umfasst laut der offiziellen Wikipedia-Zählung 1,9 Millionen Artikel. Außerdem gibt es elf weitere Wikipediaprojekte, zum Beispiel Wikiquotes oder Wikibooks, als Ergänzung zur Enzyklopädie.

Nach seiner Gründung ist das Projekt schnell gewachsen: 2003 schon wurde die gemeinnützige Wikimedia Foundation in den USA gegründet, die die Seite betreibt, die Server bezahlt und die Markenrechte an der Wikipedia-Weltkugel hält. Sie ist 78 Millionen Dollar schwer. 2004 folgte das deutsche Pendent, ein Förderverein namens Wikimedia Deutschland.

Leser- und Autorenschwund auf wikipedia.de

Mit der Aufsplittung in immer neue Wikipedia-Nebenprojekte und der Professionalisierung kamen auch die Probleme. Das Projekt ist stark gewachsen, aber zuletzt hat dieser Trend zumindest eine Delle bekommen. Die Wikipedia verliert schleichend Leser, und sie verliert – in Deutschland zumindest – Autoren, sagt Christian Pentzold. Er hat über die Wikipedia promoviert und ist im Rahmen seiner Promotion selbst Autor geworden, um die Wikipedianer besser zu verstehen. Seine Expertise: schottische Schlösser.

Laut Pentzold gebe es etwa 1000 sehr aktive Wikipedia-Autoren in Deutschland, die über 100 Mal im Monat auf der Plattform aktiv seien. Viele Erstautoren springen aber wieder ab: Nur 15 Prozent würden innerhalb des Jahres nach ihrem ersten Edit ein zweites Mal für Wikipedia aktiv. "Wikipedia hat ein Problem, Autoren längerfristig zu begeistern und auch für Verwaltungs- und Wartungsarbeiten am Projekt zu gewinnen, nicht nur das Artikelschreiben", sagt Pentzold.

Auch an Vielfalt mangelt es: "Die Wikipedia wird von jungen, weißen, gebildeten Männern geschrieben", sagt Pentzold. Frauen sind seit Anfang an wenige dabei. Je nach Schätzung geht man von einem Frauenanteil von 9 bis 16 Prozent aus.

Es fehlt der Teamgeist

Als möglichen Grund für den Autorenrückgang nennt Pentzold auch den mangelnden Teamgeist auf der Plattform: Es wird gegiftet und geschimpft, sodass vielen Autoren die Lust vergeht. "Die schlechte Diskussionskultur ist ein Grundschmerz der Wikipedia", sagt Pentzold. "Viele Autoren verstehen ihre Arbeit nicht als Kooperation in einer Gruppe, sondern als persönliches Editierprojekt."

Mezger, der auch stellvertretender Vorsitzender des ehrenamtlichen Präsidiums des deutschen Wikimedia-Vereins ist, bestätigt das Problem der feindseligen Umgangsformen. Aber damit hätten auch alle anderen Online-Plattformen zu kämpfen. "Das ist kein Wikipedia-spezifisches Problem, sondern eines des ganzen Netzes."

Dass die Wikipedia-Seiten weniger Klicks bekommen, sei nicht unbedingt ein Zeichen des Verfalls, findet Mezger. Unter anderem sorgten Sprach-Assistenten wie Siri oder Cortana für einen Rückgang. "Die Informationen dieser Systeme stammen von Wikipedia oder von Wikidata. Insofern erreichen wir unser Ziel, Wissen weltweit frei zugänglich zu machen. Einen Klick kriegen wir dafür aber nicht."

Das gelte auch für die von Google bei vielen Suchanfragen eingeblendeten Informationskästen: Auch hier stammen die Informationen oft aus der Wikipedia, auch hier erreichen die User nur noch selten die eigentliche Wikipedia-Website. Weniger Besuche auf der Webseite reduzieren auch die Chance, dass ein Leser irgendwann doch selbst zum Mit-Schreiber wird.

Hauptziel 2016: neue Wikipedianer gewinnen

Dass die deutsche Wikipedia verwaist, wollen Mezger und der Wikimedia-Verein mit einer neuen Kampagne verhindern: "Das oberste Ziel für 2016 ist, mehr Menschen zum Mitmachen zu bewegen", sagt er.

Außerdem setzen die Wikipedianer auf ein neues Projekt: "Wikidata", das vom deutschen Verein angestoßen wurde, heißt der neue Hoffnungsträger. Es handelt sich dabei um ein Datenbankprojekt, das Informationen sowohl in einen Fließtext als auch in eine maschinell lesbare Form bringt, die schneller und einfacher aktualisiert werden kann. "Es geht weiter, auch wenn die Pionierarbeit vorbei ist", sagt Mezger. "Wikipedia ist nicht kaputt. Es ist ein Projekt, und das ist einfach nicht abgeschlossen."

bento-App

bento gibt es auch als App
Kostenloser Download: Android | iOS