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Die Chatplattform, auf der wir alle angefangen haben, hat sich verändert

Es ist gut zehn Jahre her, seit ich mich das letzte Mal in einen Knuddels-Chatraum begeben habe. Damals war Knuddels.de der Online-Treffpunkt Nummer eins nach der Schule: Stundenlang wurde dort das Browser-Spiel "Mafia" gespielt, nebenbei wurde gechattet und, nun ja, auch geflirtet. Jetzt melde ich mich wieder bei Knuddels an – und muss nicht lange auf die ersten Avancen warten.

Aber zurück ins Jahr 2006: Mit knapp 6,5 Millionen registrierten Mitgliedern zählte Knuddels damals zu den größten Online-Plattformen in Deutschland. Jeden Monat waren davon laut Anbieter circa vier Millionen Nutzer aktiv, ein Drittel von ihnen war zwischen 14 und 17 Jahre alt.

Wie sieht Knuddels heute aus? So:

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Seit der Gründung im Jahr 1999 schien es für Knuddels stets bergauf zu gehen. Wer im Netz nach neuen Kontakten suchte, landete schnell hier. Doch dann kamen um das Jahr 2006 herum Facebook und die VZ-Netzwerke ins Spiel – und Knuddels verlor nach und nach an Popularität. Bei Knuddels chattete man schließlich vor allem mit Personen mit Fantasienamen, in den sozialen Netzwerken dagegen bekam man einen Einblick ins Leben echter Menschen.

Mittlerweile sind bei Knuddels noch knapp über eine Million Mitglieder angemeldet, 400.000 davon waren in den letzten vier Wochen aktiv. Das Unternehmen hält das nicht davon ab, Superlative zu benutzen: Als "Deutschlands größter Chat" wird das Portal auf der Startseite beworben.

Deutschlands größter Chat
knuddels.de

"Wir verstehen das 'Chat' im Sinne von öffentlichen Chaträumen", erklärt der Knuddels-Mitgründer und Geschäftsführer Holger Kujath, wenn man ihn auf den Werbespruch anspricht. Mit Messengern wie WhatsApp oder sozialen Netzwerken wie Facebook vergleiche sich Knuddels nicht, sagt Kujath – vielmehr konkurriere man mit Diensten wie "Lycos Chat", "Minechat" und "Chatcity".

Um im Smartphone-Zeitalter konkurrenzfähig zu bleiben, hat Knuddels bereits 2010 eine iOS-App auf den Markt gebracht, drei Jahre später folgte die Android-Version. Knapp die Hälfte der Mitglieder loggt sich heute mobil in den Chat ein, sagt Kujath – technisch hat sich über die Jahre also einiges getan.

Dasselbe lässt sich über die Zielgruppe der Plattform sagen. Knuddels tut sich mittlerweile schwer, eine junge Zielgruppe anzusprechen. Der Anteil an jugendlichen Nutzern mache noch 17 Prozent aus, sagt Kujath, ansonsten seien bei Knuddels vor allem Erwachsene um die 30 aktiv.

Bei uns haben sie ihre Clique gefunden.
Holger Kujath

"Manche Nutzer sind von Anfang an auf der Plattform, seit 17 Jahren", sagt Kujath. "Bei uns haben sie ihre Clique gefunden." Viele Langzeitnutzer würden sich zudem ehrenamtlich auf der Seite engagieren, etwa als Moderatoren in Chaträumen.

Am beliebtesten sei bei Knuddels heute das Chatten in den "Flirt-Channels". Fast die Hälfte der Nutzung falle in diesen Bereich, heißt es, auch aufgrund der älteren Zielgruppe. Immerhin 20 Prozent der Nutzung entfällt auf einen neuen, 2014 eröffneten Bereich, in dem Nutzer eigene Spiele programmieren können.

Mit der neuen Zielgruppe hat sich die Webseite auch optisch verändert. Über zehn Jahre lang war Knuddels.de rosa, seit vier Jahren zeigt sich die Seite in knalligem Rot.

Schaut man sich heutzutage im Netz um, findet sich Knuddels auf etlichen Singlebörsen-Vergleichen, auch auf der eigenen Webseite wird das Thema Partner-Finden aktiv beworben. "Chatten. Spielen. Flirten", steht auf der Startseite.

Dass es bei Knuddels schon lange nicht mehr nur ums Spielen und Chatten geht, zeigt sich schon bei der Registrierung. Ein Chatbot fragt mich, was mich am meisten interessiert: Freundschaften, Flirt, Spiele oder Abenteuer. Was auch immer mit "Abenteuer" gemeint ist.

Nachdem mich der penetrante Chatbot James ("Noch da? Huhu? Hallooo?") durch die Registrierung geführt hat, betrete ich als angeblich 15-jährige "ch3wb@cc@" den öffentlichen Chatraum "Singles 15-17". Auf schwarzem Hintergrund steht in hellblauen Lettern "For lonely Hearts", drumherum stehen die Namen vieler Nutzer, manche von ihnen posten etwas in den Chat.

"Hey du Geile", begrüßt mich "flaschenkobold". "Hi bist du allein?", fragt "Lovely Heartboy17". Und "HelloWorld18m" möchte wissen, ob ich gern Röcke, Schuhe mit Absätzen oder Strumpfhosen trage. Plötzlich meldet sich Chatbot James wieder zu Wort: Ich habe eine neue Nachricht im Briefkasten. Das ging schnell.

Ich öffne die Nachricht: "keks0123" fragt mich, was ich gerade mache. "Habe voll lw", schreibe ich. "lw" ist die Abkürzung für Langeweile, wie ich aus anderen Chats weiß. Ich bekomme eine Antwort, die ich mir gern erspart hätte:

"Ich kann ja dazu kommen, hab aber einen Ständer."

Dann fügt "keks0123" hinzu: "Ich hab Lust zu ficken." Seriöser als früher geht es bei Knuddels also eher nicht zu. "Durch die Anonymität fühlen sich viele Nutzer sehr frei auf der Plattform", weiß auch Holger Kujath. Dadurch sei manchmal das respektvolle Klima im Chat gefährdet.

An Knuddels haftet seit Jahren ein schlechter Ruf. Häufig lautete der Vorwurf: In den Chats tummelten sich auch Pädophile, die gezielt das Vertrauen der Jugendlichen gewinnen, um später in sexuellen Kontakt mit ihnen zu treten oder kinderpornografische Aufnahmen von ihnen zu bekommen. Diese Form von sexueller Kriminalität im Internet wird Cyber-Grooming genannt.

Erst vor wenigen Wochen tauchte Knuddels in einer Sendung von "Maischberger" zum Thema Cyber-Grooming auf. Der Name Knuddels fiel dabei nicht, die gezeigten Aufnahmen stammten jedoch eindeutig von der Website.

"Wir gehen seit Jahren gezielt gegen Cyber-Grooming vor", kommentiert das Knuddels-Geschäftsführer Kujath. So gebe es zum Beispiel einen Jugendschutztest für minderjährige Nutzer, in dem diese lernen, keine persönlichen Daten herauszugeben. Zudem habe Knuddels ein Jugendschutzteam, das sich regelmäßig in den Chaträumen umsieht, um verdächtige Nutzer zu sperren.

Und dann ist da ja noch James. Der Chatbot liest bei allen 14- bis 15-Jährigen sämtliche Gespräche mit und warnt die Jugendlichen, wenn er meint, dass diese vorsichtig sein müssten: zum Beispiel, wenn ein Nutzer dazu auffordert, einen Kamera-Chat zu starten.

"Wenn spezielle Wörter oder Verhaltensweisen im Chat vorkommen, werden die Gespräche auch von uns nachträglich angeschaut", sagt Kujath. "Wir haben eine Verantwortung gegenüber den jungen Nutzern." Die Gespräche älterer Nutzer würden aber nicht mitgelesen – und wer jünger als 14 ist, darf Knuddels eigentlich gar nicht benutzen.

Mir selbst erscheint Knuddels bei meinem Kurz-Comeback relativ profillos. Einerseits sind 30-Jährige die neue Hauptzielgruppe, andererseits scheint der Jugendschutz besser zu sein als früher. Als Nutzer kann man auf der Seite programmieren oder Online-Spiele wie "Mafia" spielen, während man parallel wie auf einer Online-Partnerbörse flirten kann.

Wie passt das alles zusammen?

Eigentlich gar nicht, das weiß anscheinend auch Holger Kujath: "An vielen Stellen erkennt man, dass die Plattform eben schon 17 Jahre alt ist", sagt er. "Für neue Nutzer ist Knuddels mittlerweile zu umständlich." Deshalb plane das Unternehmen für das nächste Jahr auch einen Relaunch der Seite.

Das Team wurde dafür bereits vergrößert: Zehn neue Mitarbeiter stellte Knuddels in diesem Jahr ein, sagt Kujath, insgesamt bestünde das Team nun aus 35 Personen. 2006, zur Zeit der knapp vier Millionen Nutzer, waren es übrigens nur fünf Mitarbeiter. Knuddels ist heute also größer als in seiner Hochphase.


Dieser Beitrag ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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