Bild: Flickr.com / Jan Persiel / (cc by-sa)
Man kennt die Vorbehalte. Die Generation mit dem Buchstaben deiner Wahl ist dauervernetzt, internetsüchtig und hat nichts anderes im Sinn, als den lieblos artikulierten Kurznachrichten mittels Einsatz von Emojis die letzte semantische Relevanz abzusprechen. WhatsApp, so hört man, sei schlecht für das Liebesleben, stiehlt wertvolle Zeit mit „echten Freunden im echten Leben“ und sorgt dafür, dass man vor lauter Überkommunikation Freitagabends gar nicht mehr das Haus verlassen möchte.

Am Montag haben wir hier einen Artikel von Carolin Strohbehn veröffentlicht, die ihr WhatsApp Konto vor einem Jahr löschte, um ihr Leben zu entschleunigen.


Ich sehe das ein wenig anders und habe eine Reihe von Gründen zusammengetragen, warum ich die App weiterhin nutzen werde.

1. Die Messaging-Routine
Für mein Umfeld und mich ist WhatsApp seit Jahren die digitale Schnittstelle unser aller Leben. Während ich auf Facebook Dinge poste, die für eine breitere Öffentlichkeit bestimmt sind, teile ich meinen Freundinnen auf WhatsApp Details aus meinem Privatleben mit. Die Vorstellung von Privatsphäre an sich unterzieht sich seit den Enthüllungen von Edward Snowden einem Paradigmenwechsel. Ich bin der Ansicht, dass es so etwas wie Privatsphäre im Internet gar nicht vollständig geben kann. Sobald man sich dieser Tatsache bewusst ist, wird vieles leichter.

Klar, Datenschutz ist wichtig und es ist furchtbar, dass die Gespräche über den Sex am Wochenende von Dritten mitgehört werden können. Deshalb wieder auf einfache SMS umzusteigen oder auf Facebook auszuweichen, ist nicht nur wenig hilfreich, sondern datenschutztechnisch ebenso problematisch. Die einzige Alternative scheint mir ein kompletter Rückzug aus dem Digitalen. Viel Spaß im Mittelalter.

2. Überbrückung von Distanz: Fernbeziehungen und Fernfreundschaften
Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Weg zur Arbeit die Stimme meiner Liebsten zu hören oder als Erstes morgens ihre Nachrichten zu lesen. Was mich zum nächsten Punkt bringt. Wenn man in unterschiedlichen Ländern lebt, ist es kaum möglich, gemeinsam ins Lokal um die Ecke zu gehen. Wenn man Kontakt zu Menschen in London oder Paris hält, kann man sich die SMS sparen. Viel zu teuer.

WhatsApp bietet alle Optionen, die ich mir sonst mühsam zusammensuchen müsste. Klar, man kann Threema für einfache Nachrichten und Fotos nutzen, Skype oder Viber zum Telefonieren und dazwischen auch noch einen Blick in den Facebook Messenger werfen. Ich bevorzuge es, eine von anderen Diensten "unabhängige" Plattform zu nutzen.
3. Voice-Messages sind Herzensangelegenheit

In einer überkomplexen, technologisierten Gesellschaft erscheinen mir fixe Zeiten für Telefongespräche antiquiert. Sprachnachrichten sind der neue Liebesbrief, zumindest für mich. Wenn ich die Nachrichten anhöre, fühlt es sich (fast) so an, als ob die Person wirklich da wäre. Es ist schneller und persönlicher als texten und man kann dann reinhören, wenn man möchte. Als jemand, der ungern telefoniert, eignet sich diese Form der Kommunikation besonders gut, da man in Ruhe alles sagen kann, was man möchte, ohne mit Verbindungsproblemen zu kämpfen. „Hallo, ja, was hast du gesagt?“ - „Ja, also, wenn du zuerst möch-„ „Nein, nein, sag ruhig du zuerst!“

4. Organisation diverser sozialer Ereignisse

Ab und an werden Partys auch in WhatsApp Gruppen angekündigt, in die mich meine Freunde hinzufügen. Wenn ich nicht über jede Nachricht informiert werden möchte, dann schalte ich einfach die Benachrichtigungen für Gruppenchats aus. Ein Klick, that’s it. Und man kann trotzdem bei Bedarf nachsehen, wo die Party stattfindet.


5. Ich mag Facebook nicht

Für Menschen, die am liebsten auf Facebook (Messenger) abhängen, mag WhatsApp überflüssig sein. Ich hingegen nutze den Dienst nicht, bin selten auf Facebook, schreibe wenig und habe auch keine Lust, am Leben meiner Schulfreunde teilzuhaben. Das vielleicht Beste an WhatsApp: Die App möchte eben nicht gleichzeitig Tageszeitung, Suchmaschine, Newsfeed und Messenger sein.

(Bild: Foto: bento )
6. There is no such thing as real life

Es scheint mir überholt, zwischen der "echten“ Welt zu unterscheiden, also jener, die draußen stattfindet - ihr wisst schon, da wo man an Sonnenblumen riecht und seine Füße in Bergseen baumeln lässt - und der „unechten“ Internet-Parallelwelt. Die Kontakte in meinem Handy sind real, genauso wie unsere Beziehungen, die digital fortbestehen.

7. Vorhandene Kontrolle über mein Mediennutzungsverhalten

Ich wage zu behaupten, dass man Freunde treffen, Hobbies pflegen und Bücher lesen kann, obwohl man WhatsApp installiert hat. Wenn ich in Gesellschaft bin, bleibt das Handy in der Tasche. Ab und an gibt es nichts Angenehmeres, als das Ding nach 19 Uhr einfach mal auszuschalten. Niemand verlangt, dass ich mit dem Smartphone in der Hand einschlafe oder baden gehe. Man kann Nachrichten nicht lesen. Man kann Push-Benachrichtigungen ausstellen.

Fazit

WhatsApp bleibt für mich eine ideale App, um mein Leben mit anderen auf persönliche Art zu teilen, Events zu organisieren, mir Langeweile zu vertreiben, Informationen einzuholen, Nachrichten zu empfangen und zu versenden als auch - ganz simpel - persönlicher in Kontakt zu treten als beispielsweise über den Facebook Newsfeed oder Instagram.

WhatsApp ist nur so gefährlich und zeitraubend, wie es dein Medienkonsum erlaubt. Selbiges gilt übrigens für alle sozialen Netzwerke und Messenger.