Worum geht es?

Die Terroristen, die in Paris 133 Menschen töteten, sollen vier Waffen bei einem deutschen Händler im Internet bestellt haben. Das berichtet zumindest die Bildzeitung. Andere Medien bezweifeln die Story zwar, aber laut Bild geht sie so: Ein "Araber aus Paris" soll sechs Tage vor dem Anschlag zwei Kalaschnikows und zwei jugoslawische Sturmgewehre in einem Online-Shop namens "DW Guns" bestellt haben.

Verkäufer und Betreiber des Shops soll ein junger Deutscher aus Baden-Württemberg sein. Dies sollen E-Mails belegen, die nach einer Razzia des SEK am Montag auf dem Smartphone des 24-Jährigen gefunden wurden. Wie gesagt, so berichtet die Bildzeitung, die sich wiederum auf Dokumente der Stuttgarter Staatsanwaltschaft beruft.

Kann im Internet wirklich jeder Waffen bestellen?

Ja. Wie es Online-Shops für Bücher gibt, existieren im Internet auch Handelsplattformen für Waffen: mit Artikelbeschreibung, Vorschaubildchen, Kundenrezension, Bewertungssystem und Käuferschutz. Anders als auf eBay machen sich Käufer und Verkäufer beim Waffenhandel strafbar. Deshalb sind die Shops etwas schwieriger zu finden als Amazon. Sie sind Teil des Darknets.

Darknet?

Als Darknet bezeichnet man die Teile des Internets, die man nicht einfach über den Browser und Google erreichen kann. Auf den ersten Blick wirkt dort alles wie im normalen Internet - nur in langsam und hässlich: kaum Bilder, keine Videos. Stattdessen viel Text, ewige Ladezeiten, verwaiste Links und kryptische Adressen. Aber der Look der neunziger Jahre (und ähnlich langsame Ladezeiten) sind eher ungewollte Begleiterscheinungen. Denn im Gegensatz zum konventionellen Netz können sich User im Darknet weitgehend anonym bewegen.

Wie funktioniert das?

Es gibt verschiedene Darknets. Eines der größten erreicht man über Tor, andere über I2P oder Freenet. Man lädt jeweils eine Software herunter, die sich dann mit den Computern anderer Nutzer verbindet. Einigen Darknets kann man ohne weiteres beitreten, andere Darknets sind gut versteckt. Anders als im normalen Internet sind die Darknets auf Anonymität ausgelegt. Niemand soll sehen, wer welche Inhalte aufruft oder anbietet.

Die verstecken Webseiten, die nur im Tor-Netzwerk existieren, heißen Hidden Services. Wenn jemand den Hidden Service eines Waffenhändlers oder irgendeine Website aufruft, sorgt die Software dafür, dass die Kommunikation über weitere zufällig ausgewählte Rechner im Netzwerk läuft. Dabei erfährt jeder Rechner immer nur, an welchen Rechner er die Daten als nächstes weiterleiten soll. Der Rest der Strecke bleibt verschlüsselt.

Sollten Ermittler zum Beispiel den Waffenhändler überwachen, können sie bestenfalls feststellen, dass jemand etwas gekauft hat. Woher die Bestellung kommt, erfahren sie nicht.

Also ist das Darknet ein rechtsfreier Raum?

Zumindest ist das die Idee. Die Anonymität macht das Darknet zu einem Alptraum für Ermittler. Gestohlene Kreditkarten kann man dort genauso kaufen wie gefälschte Pässe. Die populärsten Seiten sind Drogenportale, auf denen es sich mit Hilfe von Bitcoins ähnlich bequem shoppen lässt wie bei Amazon. Aber auch Vertreiber von Kinderpornographie oder eben Waffenhändler nutzen die Anonymität.

Hat das Darknet auch helle Seiten?

Ja. Nicht nur Kriminelle nutzen den Schutz vor staatlicher Überwachung: Als der ägyptische Diktator Hosni Mubarak 2011 das Internet ausschaltete, flüchteten ägyptische Aktivisten in die anonymen Foren. Die meisten WikiLeaks-Informanten sollen ihre Dokumente über das Darknet übermittelt habe. Chinesische Dissidenten machen hier ihrer Wut auf die KP Luft und amerikanische Tierrechtsaktivisten tauschen sich über ihre Aktionen aus.

Tor wird oft genutzt, um anonym im Internet zu surfen. Die Nutzer wählen sich ins Darknet ein, irgendwo gelangen die Daten dann wieder ins offene Internet. In vielen Teilen der Welt ist das leider nötig. Facebook bietet mittlerweile aber einen Zugang direkt im Tor-Netzwerk an.

Warum lassen sich Geheimdienste und Polizeibehörden das gefallen?

Wie bei jedem anderen Netzwerk beginnt das Darknet dort, wo ein paar Nerds ihre Computer zusammenschließen. Verbieten lässt sich das ebenso wenig wie die Software dazu. Was Behörden tun können, ist gegen Straftaten im Darknet vorzugehen. Das legendäre Drogen-Portal Silk Road wurde von Ermittlern hochgenommen. Wer anonym ein Drogenimperium hochzieht, darf sich nicht den kleinsten Fehler leisten – gar nicht so einfach, wenn man Mitarbeiter hat und mit größere Mengen Geld hantiert.

Wie auch bei dem 24-jährigen Waffenhändler aus Baden-Württemberg basierten Verhaftungen allerdings oft auf Ermittlungen außerhalb des Darknets: Postsendungen werden abgefangen, Kreditkartentransaktionen zurückverfolgt, oder Darknet-User hinterließen Spuren im normalen Internet.

Sogar die NSA scheint am Prinzip der Anonymisierung zu verzweifeln. In einem von Edward Snowden geleakten und vom SPIEGEL im Oktober 2013 veröffentlichten NSA-Dokument kommt der mächtigste Geheimdienst der Welt zu dem Schluss, dass es ihm wohl nicht gelingen wird, Tor zu knacken.

Wie komme ich nun an meine Kalaschnikow?

Das wirst du hier nicht erfahren. Ohnehin braucht es dazu mehr als einen Link zu einem dubiosen Waffenportal. Viele Angebote im Darknet sind Fake-Seiten, die dazu dienen, Kriminelle zu ködern und zu erpressen oder auffliegen zu lassen. Und selbst, wenn man einen echten Waffenhändler findet, reichen ein paar Klicks noch lange nicht aus. Die Waffe muss immer noch bezahlt und verschickt werden. Und dies lässt sich nicht so einfach anonymisieren wie das Surfen im Netz.

Stattdessen können wir dir aber sagen, wie du anonym im Netz unterwegs sein kannst - im hellen wie im dunklen: Das Herunterladen und Benutzen von Tor ist genauso einfach wie bei jeder anderen Software. Und empfohlen wird es nicht nur von Waffenhändlern, sondern auch auch von Edward Snowden.

Hier gibt's Tipps von Snowden für mehr Sicherheit beim Surfen.

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